Eigentlich wird täglich verhandelt, jahrein, jahraus. Im Geschäft, mit den Mitarbeitenden, in der Familie, unter Freunden oder mit Nachbarn. Die Suche nach Lösungen, nach Einigungen oder das Einbringen der eigenen Position findet konstant statt, oftmals ohne das Bewusstsein, dass es sich bei dem, was da gerade passiert, um eine Verhandlung handelt. Dieses Sich-nicht-bewusst-Sein macht die Sache in der Regel aber nicht einfacher. Auf der anderen Seite wird das Kaufen eines Autos, das Aushandeln eines neuen Partner-Agreements, das Verhandeln eines neuen Tarifsystems oder der Einkauf von Halbfabrikaten ohne Zweifel als Verhandlung taxiert.
Kognitive Verzerrung
Durch eine solche limitierte Sichtweise werden in der Schweizer Wirtschaft jährlich viele Millionen Franken verschenkt, die durch ein bewussteres Verhandeln hätten abgesichert werden können. Mit anderen Worten, man lässt sein Geld auf dem Verhandlungstisch liegen, ohne es zu merken. Doch noch um ein Vielfaches gravierender ist der Wertverlust bei sogenannt bewusst geführten Verhandlungen. Führungskräfte halten zu oft an eigenen Verhaltensmustern fest, welche nach dem Try-and-Error-Prinzip entstanden sind und jeweils vermeintlich gute Verhandlungsresultate erzielt haben.
Ein kurzes Zahlenspiel zur Einstimmung: Das Durchschnittsalter der in Schweizer KMU tätigen Geschäftsleitungsmitglieder liegt bei 55 Jahren. Legt man, der Statistik zuliebe, das Eintrittsalter in das Berufsleben auf 25 Jahre, verfügt ein Exe-cutive im Durchschnitt über 30 Jahre Verhandlungserfahrung.
Auch beim unteren und mittleren Kader sieht es nicht schlecht aus. Mit einem Durchschnittsalter von 43 Jahren schafft es diese Gruppe auf respektable 18 Jahre Berufserfahrung, die – in welchem Kontext auch immer – ununterbrochen von Verhandlungen geprägt sowie begleitet worden ist. Die einen haben einen grossen Teil ihrer Laufbahn hinter sich, die anderen sind mittendrin, aber im Schnitt verfügt jeder Leser dieses Artikels über mindestens 20 000 Stunden Verhandlungserfahrung. Das sollte reichen, um fit für Verhandlungen zu sein. Das tut es auch, sonst wären Executives nicht dort, wo sie heute sind. Dennoch: «Reichen» ist für jene, die zu den Besten gehören wollen, nicht gut genug, und fit sein ist auch in anderen Bereichen bekanntlich ein eher relativer Begriff.
Etwas mehr als 80 Prozent aller Führungskräfte sind der Meinung, dass sie zu den 20 Prozent der besten Verhandlungspersonen gehören. Bei einigen Berufsgattungen, zum Beispiel Anwälten, Bankern, M & A-Spezialisten und Beratern, liegt der Faktor noch höher. Da geht mathematisch etwas nicht auf. Diese kognitive Verzerrung nennt sich Vermessenheitsverzerrung oder Selbstüberschätzung. Führungskräfte überschätzen ihr eigenes Können und ihre eigene Kompetenz weit öfters, als ihnen bewusst ist.
Risiko durch Fehleinschätzung
Ab hier wird es gefährlich, denn wer sich in Verhandlungen überschätzt, tut sich und seiner Organisation in der Regel nichts Gutes. Wer mit Selbstüberschätzung in eine Verhandlung einsteigt, der schwächt seine Position. Die übersteigerte, nicht angebrachte Sicherheit birgt das Risiko, dass der Verhandlungsvorbereitung zu wenig oder gar keine Beachtung geschenkt wird. Ohne diese sind aber exakte Ziele, brauchbare Alternativen, Situationsanalysen und Verhandlungsstrategien zu wenig oder gar nicht definiert. Wer sich ohne schlagkräftige Alternative und ohne eine messerscharfe Zielvorstellung an den Verhandlungstisch wagt, verschenkt einen guten Teil seiner Machtposition, hat dafür aber grosse Chancen, zufrieden nach Hause zurückzukehren.
