Strategie & Management

Betriebliches Gesundheitsmanagement

Wie Unternehmen von Gesundheit profitieren

Die Zahl der Unternehmen, die über ein systematisches Betriebliches Gesundheitsmanagements (BGM) verfügen, wächst. Insbesondere vor dem Hintergrund der aktuellen Arbeitsmarktsituation ist BGM nachweislich eine wirksame Strategie, um beispielsweise dem Fachkräftemangel gegenzusteuern.
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Das gezielte Engagement für die Mit­arbeitenden-Gesundheit gewinnt vor allem bei Arbeitnehmenden der jüngeren Ge­nerationen stark an Bedeutung. Dementsprechend zahlt BGM positiv auf das ­Employer Branding ein. Gleichzeitig werden Motivation, Produktivität sowie die physische und psychische Gesundheit der bestehenden Mitarbeitenden gefördert. Idealerweise setzt BGM bereits bei den Berufseinsteigern an, damit aus gesunden Lernenden auch gesunde Mit­arbeitende werden können.


Ein Milliardenpotenzial

Dass dies mehr als sinnvoll ist, zeigt ein Blick auf den Job-Stress-Index 2022 (siehe Abbildung 1). Der Job-Stress-Index wird seit 2014 regelmässig von Gesundheitsförderung Schweiz in Zusammen­arbeit mit der Universität Bern und der ZHAW ermittelt. Demnach ist die Stressbelastung der Erwerbstätigen in der Schweiz hoch. Bei fast einem Drittel sind die arbeitsbezogenen Belastungen deutlich höher als die vorhandenen Ressourcen und damit aus der Balance. Nur rund 45 Prozent der Erwerbstätigen können Belastungen und Ressourcen noch knapp im Gleichgewicht halten.

Im Vergleich zum Job-Stress-Index 2020 haben sich die Werte zwar minimal verbessert, doch insgesamt bleibt die Situ­ation angespannt. Hinzu kommt, dass der Anteil der Erwerbstätigen, die sich emotional erschöpft fühlen, erstmals seit dem Beginn der Erhebungen im Jahr 2014 auf über 30 Prozent angestiegen ist (siehe Abbildung 2).

Besonders betroffen von den psychischen Belastungen sind die jungen Arbeitnehmenden. Dies zeigte bereits der Job-Stress-Index 2020. Schon zu diesem Zeitpunkt hatten über 40 Prozent der 16- bis 24-Jährigen zu wenig Ressourcen, um den Belastungen am Arbeitsplatz ­gerecht zu werden, was bis jetzt nahezu unverändert der Fall ist.

Eine Folge dieser Entwicklung können ­erhöhte Krankheitsabsenzen und Pro­duktivitätsverluste von durchschnittlich 14,9 Prozent der Arbeitszeit sein. Die daraus entstehenden volkswirtschaftlichen Kosten sind erheblich. Würde es gelingen, ein ausgeglichenes Verhältnis von Ressourcen und Belastungen bei allen Erwerbstätigen in der Schweiz zu erzielen, liesse sich ein ökonomisches Potenzial von rund 6,5 Milliarden Franken erschlies­sen. Zugegeben, das wäre der Idealfall. Die 6.5 Milliarden Franken zeigen aber auch die Wichtigkeit einer gezielten und nachhaltigen Förderung der Mitarbeitenden-Gesundheit auf, sowohl in menschlicher wie auch in wirtschaft­licher Hinsicht.


Strukturiertes Vorgehen wirkt

Firmen mit einem systematischen BGM verfügen über vielfältige Möglichkeiten, zur Gesundheit ihrer Mitarbeitenden nachhaltig beizutragen. Dank definierter Massnahmen und Prozesse wird es so ­beispielsweise auch für die Berufsbildungsverantwortlichen leichter, ihre Lernenden bedarfsgerecht zu unterstützen.

Zu den Betrieben, die diese Vorteile aktiv wahrnehmen, gehört die Würth Inter­national AG in Chur und Landquart. Dort ist BGM bereits seit über 20 Jahren fest in der Unternehmens-DNA verankert. «Genau genommen geht das Bewusstsein für die hohe Bedeutung der Mitarbeitenden-Gesundheit auf den Firmengründer Professor Reinhold Würth zurück. Für ihn stand schon immer ausser Frage, dass ein Unternehmen nur mit gesunden ­Mitarbeitenden dauerhaft leistungsfähig sein kann», erläutert Daniela Angius, Leiterin Human Resources und BGM-Ver­antwortliche bei Würth International. 

Die durchgängige Systematisierung setzte Würth International entlang der Kriterien von «Friendly Work Space», dem BGM von Gesundheitsförderung Schweiz, um. 2013 wurde das für den Zentraleinkauf der Unternehmensgruppe zuständige Unternehmen erstmals mit dem Label «Friendly Work Space» ausgezeichnet. In zwischenzeitlich drei Re-Assessments, das letzte im vergangenen Jahr, bestätigte Würth International die erfolgreiche Umsetzung seines BGM. Davon profitieren die 200 Mitarbeitenden, zu denen auch 12 Lernende gehören. 


Frühe Sensibilisierung 

Letztere beginnen ihre Lehre mit einem dreiwöchigen Einführungsprogramm, das sie beim erfolgreichen Start in ihrem neuen Labensabschnit unterstützt. Zu diesem Programm und auch zum weiteren Verlauf der Berufsausbildung gehören beispielsweise Schulungen für Resilienz und Selbstmanagement sowie jährliche Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung. Darüber hinaus steht den Lernenden bei in­dividuellem Coachingbedarf die Unterstützung einer externen Organisation zur Ver­fügung, die sie im Rahmen der Einführungswochen kennenlernen. Lernende im dritten Lehrjahr übernehmen eine ­Patenfunktion und begleiten die Berufs­einsteiger während der ersten sechs Monate ihrer Lehrzeit. So haben diese er­gänzend zu ihren Berufs- und Praxisbildenden eine weitere Vertrauensperson. 

Dank einer offenen Kultur, die sich unter anderem im regelmässigen persönlichen Austausch mit der Geschäftsleitung spiegelt, erfahren die Lernenden Wertschätzung und Zugehörigkeit zum gesamten Team sowie zur Organisation. All das trägt zum hervorragenden Ruf als Ausbildungsbetrieb bei, den Würth International in der Region geniesst. «Mit dem Aufbau dieses umfassenden Angebots für unsere Lernenden haben wir bereits 2012 begonnen. Schon zu diesem Zeitpunkt gab es erste Anzeichen erhöhter psychischer Belastungen bei den Berufsein­steigern und diese Tendenz hat sich eindeutig verstärkt. Das zeigt sich auch bei unseren Lernenden – glücklicherweise bleibt es bei Einzelfällen. Dies vermutlich auch aufgrund der 1:1-Betreuung, sodass wir Auffälligkeiten im Verhalten wie sinkende Motivation oder erhöhte Absenzen schnell bemerken und ansprechen können. Gleichwohl ist das eine anspruchsvolle Aufgabe, für die ich hin und wieder gerne auf ergänzende Unterstützung zurückgreife», beschreibt Nicole Ochsner, Berufsbildungsverantwortliche bei Würth International, ihren Aufgabenbereich.

Für diese genannte Unterstützung nutzten Nicole Ochsner sowie die Berufs- und Praxisbildenden des Churer Unternehmens das grösstenteils kostenfreie An­gebot «Apprentice» von Gesundheitsförderung Schweiz. Es umfasst vielfältige Fallbeispiele und fundierte Hintergrundinformationen zu schwierigen Situationen sowie generell zur psychischen Gesundheit von Lernenden. Zu den weiteren Inhalten gehören regelmässige ERFA-Treffen für den branchenübergreifenden Austausch von Berufsbildenden sowie spezifische Weiterbildungen und indi­viduelle Beratung. Weitere Tipps und Anregungen liefern Branchenverbände oder der Berufsbildnerverband.


Verantwortung übernehmen

Lernende mittels entsprechender Massnahmen im Erhalt ihrer Gesundheit zu unterstützen, ist eine wesentliche Aufgabe des systematischen BGM. Ebenso wichtig ist es, ihnen mit dem Berufseinstieg auch die eigene Verantwortung für ihre Gesundheit zu vermitteln. Ähnlich wie Würth International legt der ebenfalls mit dem Label «Friendly Work Space» ausgezeichnete IT-Dienstleister Achermann ICT-Services dafür grossen Wert auf die Persönlichkeitsentwicklung der Lernenden. Im Vordergrund steht auch dort, wichtige Fähigkeiten für ein gesundes Arbeitsleben, zum Beispiel die persönliche Resilienz sowie Achtsamkeit, zu fördern. Gleichzeitig erlernen die Berufseinsteiger, als fest integrierte Teammitglieder frühzeitig mit Verantwortung und Transparenz umzugehen. Die Basis für den gesamtheitlichen Erfolg des BGM, wovon die Massnahmen für die Lernenden nur einen Teil ausmachen, bilden generell die Geschäftsleitungs­mitglieder. Ihre Verantwortung liegt in der Verpflichtung für eine gesundheitsförderliche Führung, die sie stetig weiterentwickeln und bei der sie als Vorbild agieren.


Mitarbeiter einbeziehen

Für die nachhaltige Umsetzung eines ­systematischen BGM bewährt sich die Kombination aus einem fix definierten BGM-Leitungsgremium und einem in­terdisziplinären Team aus gesundheits­­interessierten Mitarbeitenden. 

Bei der Thales DIS Schweiz AG beispielsweise setzt sich das BGM-Leitungsteam aus einer Führungskraft, der HR-Managerin und BGM-Verantwortlichen, einem weiteren HR-Mitarbeitenden sowie dem Verantwortlichen für Health, Security, Environment zusammen. Dieses Team verantwortet, in Abstimmung mit der ­Geschäftsleitung, die BGM-Planung und -Umsetzung. 

Das BGM bei den Mitarbeitenden bekannt zu machen und diese für ein gesundheitsförderliches Verhalten zu sensibilisieren, ist wiederum Aufgabe von fünf BGM-Ambassadoren, jeweils eine ­Person aus jedem Geschäftsbereich. Über den regelmässigen persönlichen Austausch mit ihren Arbeitskollegen holen sie deren konkreten Bedarf sowie Ideen zu gesundheitsbezogenen Verbesserungs- und Unterstützungsmassnahmen ab. Auf dieser Basis entwickeln BGM-Leitungsteam und -Ambassadore gemeinsam das jährliche BGM-Programm. Der aktive Einbezug der Mitarbeitenden führt zu hoher Akzeptanz und Beteiligung seitens der Mitarbeitenden, was wesentlich zum Erfolg des systematischen BGM beiträgt. Der zeigt sich für die Thales DIS Schweiz AG auch in wirtschaftlicher Hinsicht durch gesenkte KTG-Prämien im mittleren sechsstelligen Bereich. Das Unternehmen ist seit 2022 mit dem BGM-Qualitätslabel «Friendly Work Space» ausgezeichnet.

Neue Lösungen

Der umfassende Nutzen einer gezielten Förderung der Mitarbeitenden-Gesundheit liegt auf der Hand. Das zeigen sowohl die hier genannten Praxis-Beispiele wie auch andere Unternehmen, die BGM erfolgreich praktizieren und dadurch etwae von gesteigertem Employer Branding, gestärkter Mitarbeiterbindung und reduzierten Krankheitsabsenzen profitieren. Gleichzeitig üben sich immer noch viele Firmen in Zurückhaltung, das Thema BGM anzupacken, da Aufwand und Komplexität zu hoch scheinen. Diesem Vor­behalt steuert auch die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz gegen mittels einer leicht nachvollziehbaren sowie einfach umsetzbaren Gestaltung ihrer Inhalte und Angebote. Spezifisch auf die ­Bedürfnisse von KMU zugeschnitten, lanciert die Stiftung im ersten Halbjahr 2023 zwei neue Angebote. Das Leadership-Kit für Führungskräfte und die HR-Toolbox für HR- und BGM-Verantwortliche. Diese ermöglichen den ebenso einfachen wie wirksamen Einstieg ins BGM. Gleich­zeitig bahnen sie den Weg für die kul­turelle Verankerung eines gesundheitsförderlichen Arbeitsumfelds.

Porträt