Die vierte «Industrielle Revolution» ist im vollen Gange – ob mit oder ohne uns. Industrie 4.0 bedeutet eine Veränderung des gesamten Wertschöpfungsprozesses, der auf Selbstorganisation und Selbststeuerung der Systeme setzt und zudem mehr Kundenintegration bietet. Die Fabrik der Zukunft und alle damit verbundenen Funktionsbereiche entlang der Wertschöpfung müssen völlig neu gedacht werden. Darum ist es naheliegend, dass sich neben Produktion auch Logistik, Einkauf und SCM mit dem Thema befassen und sich bewusst werden, wie durch Industrie 4.0 die bisherige Organisation, ihre Prozesse und Mitarbeiter beeinflusst und verändert werden.
Industrie 4.0 aus Einkaufssicht
Wie denkt der Einkauf in der Schweiz darüber? Von Mai bis Oktober 2015 haben «procure.ch», der nationale Fachverband für Einkauf und Supply Management, sowie der Verein Netzwerk Logistik Schweiz und das Beratungsunternehmen IMP AG eine gemeinsame Studie durchgeführt, um die Sensibilität und die Bereitschaft des Einkaufs zum Thema Industrie 4.0 zu untersuchen. An der Umfrage beteiligten sich 254 Einkäufer aus den oberen und mittleren Kaderstufen aus der Schweiz. 68 Prozent davon sind in der Industrie tätig, 13 Prozent im Handel und 19 Prozent in der Dienstleistungsbranche.
Steigende Nachfrage
Wie stark werden aus der Sicht der Einkäufer die Industrie 4.0 und die Möglichkeiten der Digitalisierung die Branche verändern? Mehr als zwei Drittel der Unternehmen erwarten durch Industrie 4.0 und die Möglichkeiten der Digitalisierung eine starke bis sehr starke Veränderung ihrer Branche.
Viele Unternehmen nehmen deutliche Veränderungen in ihrem direkten Marktumfeld wahr. 74 Prozent der Unternehmen verspüren eine verstärkte Nachfrage nach individualisierten Produkten, 72 Prozent einen verstärkten Wunsch, bis kurz vor Auslieferung Anpassungen vorzunehmen, und immerhin noch 61 Prozent eine deutliche Tendenz zu kleineren Aufträgen. Offensichtlich beschäftigen sich viele Unternehmen bereits seit Längerem mit den Möglichkeiten der Digitalisierung auf der Produkt- und Absatzseite. So geben viele Unternehmen an, dass sie bereits heute in der Lage sind, Produkte herzustellen, die digital vernetzbar sind (62 Prozent), Informationen über die Nutzung durch den Kunden liefern (61 Prozent), eindeutig identifiziert (zum Beispiel durch RFID-Technologie) und dem individuellen Kunden zuordenbar sind (55 Prozent).
Zukunftsfähigkeit
Die intensive Einbindung der Lieferanten in die Produktentwicklung ist bei den meisten Schweizer Unternehmen bereits gängige Praxis. Rund vier von fünf Unternehmen bestätigen, dass sie ihre Lieferanten in das Produktengineering, in Tests und die Validierung von entwickelten Konzepten und Prototypen sowie in die frühe Phase der Ideenfindung mit einbinden.
Während über 80 Prozent der Befragten Industrie 4.0 sowie die revolutionären Entwicklungen der Digitalisierung als relevant bis sehr relevant für die Zukunftsfähigkeit des eigenen Unternehmens beurteilen, schätzen gleichzeitig vier von fünf Unternehmen ihren aktuellen Kenntnisstand zum Thema Industrie 4.0 und Digitalisierung als gering bis ungenügend ein. Diese Kompetenzlücke signalisiert einen deutlichen Handlungsbedarf in den Schweizer Einkaufsorganisationen, das Thema mit Priorität auf die Einkaufsleiteragenda zu nehmen sowie entsprechende strategische Hebel und Ansätze zu entwickeln, wie der Einkauf den digitalen Transformationsprozess des eigenen Unternehmens auf der Beschaffungs- sowie der Lieferantenseite zielgerichtet begleiten kann.
Digitalisierungsstrategie
Analog dem signalisierten Nachholbedarf bezüglich des Kenntnisstandes haben bisher auch erst 20 Prozent der Unternehmen nach eigener Aussage eine Digitalisierungsstrategie für das eigene Unternehmen entwickelt, demnach besitzen 80 Prozent noch keine klare Strategie, wie sie die neuen Möglichkeiten der Digitalisierung innerhalb der eigenen Unternehmensstrategie verfolgen und umsetzen können. Bei der Beschäftigung mit den zukünftigen durch Industrie 4.0 induzierten Anforderungen an den Einkauf stehen die Schweizer Einkaufsorganisationen noch ganz am Anfang. Nur 5 Prozent geben an, sich systematisch mit der Frage beschäftigt zu haben, welche neuen Rollen des Einkaufs sich durch Industrie 4.0 ergeben werden.
Induzierte Rollen im Einkauf
Vergleichbare Befragungen im Nachbarland Österreich kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Lediglich 14 Prozent geben an, in die «Industrie 4.0»-Strategieentwicklung eingebunden zu sein. Knapp 80 Prozent der Einkaufsvertreter sehen durch Industrie 4.0 hohe Anforderungen an Qualifikation und Ausbildung der Einkäufer. Zudem sehen 68 Prozent der Befragten einen hohen Veränderungsbedarf in Bezug auf die Organisationsform und Führungsstruktur im Einkauf.
Fazit: Bis heute geht die Strategiediskussion in den Unternehmen weitgehend am Einkauf vorbei. Auf die Frage, welche zukünftigen Anforderungen und Rollen im Einkauf von hoher Bedeutung sein werden, wurden die folgenden Rollenbilder und Aufgaben im strategischen Einkauf der Zukunft von einer teilweise deutlichen Mehrheit der Schweizer Unternehmen bestätigt.
Treiber statt Getriebener
Die Wahrnehmungen aus Wissenschaft und Praxis hinsichtlich der Auswirkung auf Organisation, IT-Einsatz und Kompetenzschwerpunkt überlappen sich: Produkt, Prozess, Mensch und IT werden noch stärker verschmelzen. Und dabei wird das Management von internen und externen Netzwerken zum Kompetenzschwerpunkt. Die Umfrageergebnisse belegen die hohe Relevanz sowie gleichzeitig auch den starken Veränderungsdruck, der aus dem Industrie-4.0-Trend auf den Einkauf der Zukunft resultiert. Bisher haben erst wenige Einkaufsleiter diesen strategischen Wandel für sich erkannt beziehungsweise begonnen, diesen Transformationsprozess im Einkauf mit konkreten Überlegungen oder Massnahmen einzuleiten sowie damit gleichzeitig die strategische Begleitung des Digitalisierungsprozesses im eigenen Unternehmen auf der Beschaffungs- und Lieferantenseite proaktiv zu unterstützen.
Fazit
Als Fazit lässt sich festhalten, dass Industrie 4.0 den Einkauf nachhaltig verändert und zusätzliche Rollen eingenommen werden müssen. Die damit einhergehenden Qualifikationsanforderungen sind immens hoch. In der Schweiz hat der Transformationsprozess im Zuge der Initiative «Industrie 2025» gerade erst begonnen. Obwohl der Schweiz eine hohe Bereitschaft zu Industrie 4.0 attestiert wird, ist sie innerhalb des deutschsprachigen Raums zirka ein bis zwei Jahre hinter den konkreten Umsetzungen in Österreich und Deutschland zurück.
Vorausschauende Einkaufsorganisationen haben die Chance, jetzt an der Spitze der Entwicklung von Beginn an mit dabei zu sein und den Transformationsprozess in Richtung Digitalisierung als Treiber und Motor mitzugestalten. Dies ist ein grosser Unterschied gegenüber den Veränderungsprozessen in der Vergangenheit (Global Sourcing, Kaizen etc.), bei denen der Einkauf vielfach Getriebener war und erst relativ spät und oftmals auf Druck von aussen Veränderungen eingeleitet hat. Zudem hat der Einkauf die Chance, die neuen Möglichkeiten des eigenen Unternehmens zum Aufbau vernetzter und integrativer Geschäftsmodelle von Beginn an massgeblich zu prägen. Der Wertbeitrag, den der Einkauf hier leisten kann, ist enorm. Ein proaktives Herangehen im Einkauf ist erfolgskritisch.
Nächste Schritte
Die Umsetzung des Industrie-4.0-Potenzials liegt in den Händen von Industrie, Handel und Dienstleistern. Evolutionäre Entwicklungen sind naturgemäss ein «bottom up»-Prozess. Damit diese Ansätze jedoch wachsen können, liegen folgende Schritte im Verantwortungsbereich des Einkaufsmanagements:
- Sensibilisierung aus dem Umfeld: Analyse von Trends und Entwicklungen zum Einkauf 4.0. Reflexion mit dem Managementteam
- Bestandsaufnahme Einkauf 4.0: Analyse des aktuellen Status im eigenen Einkauf: Strategie, Prozesse, Organisation, Services, Qualifikation, Technologie, Kultur (zu stellende Frage: wo stehen wir derzeit?)
- Entwicklung eines wirklich zukunftsweisenden Einkauf-4.0-Leitbilds
- Neugestaltung der Wertschöpfungslogik 4.0: Einkaufsorganisation, -prozesse und -systeme, Einkäuferrollen und -qualifikationen
- Die Adaption und Entwicklung neuer, innovativer Geschäftsmodelle: Der Einkauf beeinflusst die Etablierung neuer Geschäftsmodelle durch eine aktive Rolle im Technologie- und Innovationsmanagement, durch den Aufbau von Partnerschaften im Wertschöpfungsnetzwerk sowie neue Ansätze im Kreislaufmanagement.