Coaching hat sich in den letzten Jahren spürbar weiterentwickelt. Vom ursprünglich im vertraulichen Rahmen zwischen Coach und Coachee ablaufenden Prozess, den wir als Coaching 1.0 bezeichnen möchten, hin zu Coaching 2.0, wie es heutzutage in der Unternehmenswelt meist praktiziert wird: Zusätzlich zum Tandem-Coach und Coachee kommt der direkte Vorgesetzte und /oder HR als weitere Interessengruppe dazu – und damit ein erweitertes Coaching-System. In diesem Dreiersystem werden die Coaching-Ziele mit den Zielen der Unternehmung verknüpft. Im Coaching-Vertrag werden diese Ziele festgeschrieben und am Schluss in der Regel in einem Dreiergespräch ausgewertet.
Coaching 3.0 als nächster evolutionärer Schritt erweitert konsequent das Coaching-System mit zusätzlichen Stakeholdern. Im von Dr. Marshall Goldsmith, einem der führenden Executive Coaches, entwickelten «Stakeholder Centered Coaching» werden die wichtigsten Stakeholder des Coachees von Anfang an in den Verlauf des Coaching-Prozesses eingebunden. Zum Kreis der das Coaching unterstützenden Stakeholder gehören weiterhin der direkte Vorgesetzte sowie Kollegen (Peers), Mitarbeitende und weitere sinnvolle Kontakte. Ziel ist dabei die Unterstützung der Entwicklung des Coachees durch die im Tagesgeschäft direkt davon Betroffenen.
Wahrnehmungsverzerrungen
Bei Verhaltensveränderungen von Führungskräften sind einige Herausforderungen zu überwinden, die in erster Linie mit der menschlichen Wahrnehmung zu tun haben. Diese ist nämlich nicht, wie wir es gerne hätten, objektiv und unbelastet, sondern verzerrt. Drei Arten der Wahrnehmungsverzerrung möchten wir an dieser Stelle näher beleuchten, da sie im Zusammenhang mit einem erfolgreichen Coaching-Prozess eine entscheidende Rolle spielen.
Die Negativ-Verzerrung (Negativity Bias)
In unseren Coaching-Gesprächen arbeiten wir gerne mit Skalierungsfragen: «Auf einer Skala von 1 bis 10, wenn 10 das Erreichen des angestrebten Ziels beschreibt und 1 den Ausgangspunkt – wo stehen Sie jetzt gerade auf dieser Skala?» Angenommen, die Antwort ist 7. Eine Mehrzahl der Menschen lenkt im nächsten Schritt natürlicherweise die Aufmerksamkeit auf all das, was noch fehlt bis zur 10. Alles Negative, alles, was noch fehlt und nicht so ist, wie wir es gerne hätten, wirkt für unsere Aufmerksamkeit wie ein Magnet – während wir für alles Positive und die Dinge, die bereits ansatzweise in die richtige Richtung gehen, beinahe teflonbeschichtet zu sein scheinen. Ein schönes tibetisches Sprichwort bringt es auf den Punkt: «Ein Baum, der fällt, macht mehr Lärm als ein ganzer Wald, der wächst.»
Im Coaching ist das Steuern der Aufmerksamkeit auf die positiven Veränderungen – und seien es nur kleinste – für einen nachhaltig erfolgreichen Entwicklungsprozess entscheidend. Dies gilt in noch grösserer Ausprägung für Stakeholder-zentriertes Coaching 3.0, weil hier ein ganzes Coaching-System Gefahr läuft, die Welt des Coachees zu negativ zu sehen.
Der Bestätigungsfehler (Confirmation Bias)
Stellen Sie sich bitte Folgendes vor: Sie beschliessen, das kleine Restaurant auszuprobieren, das vor einiger Zeit in Ihrem Ort eröffnet hat. Sie freuen sich darauf, doch das Erlebnis ist leider alles andere als berauschend, denn sowohl das Essen als auch der Service lassen aus Ihrer Sicht zu wünschen übrig. Und so beschliessen Sie, nicht mehr dort zu essen, und meiden das Restaurant künftig.
Nach einiger Zeit wird das Restaurant von einem neuen Wirt übernommen. Die Qualität des Essens verbessert sich dadurch massiv und gut geschultes, freundliches Servicepersonal kümmert sich nun um das Wohl der Gäste. Sie würden staunen, welch kulinarisches Gesamterlebnis heute dort angeboten wird – wenn Sie es denn wüssten. Denn solange Sie davon nichts erfahren, tragen Sie noch immer Ihren schlechten Eindruck mit sich herum. Wenn Sie an dem Restaurant vorbeifahren, nehmen Sie es immer noch durch diesen Filter wahr, obwohl das gar nicht mehr der Realität entspricht. Was braucht es also? Stimmt – jemand muss Sie darauf aufmerksam machen. Ein Schild «Neueröffnung» oder «Under New Management» wird Ihre Wahrnehmung des Lokals verändern und Sie geben ihm möglicherweise eine zweite Chance.
Die Kognitionspsychologie bezeichnet dieses Phänomen als «Bestätigungsfehler» (engl. Confirmation Bias) und meint damit die menschliche Neigung, Informationen so auszuwählen, zu suchen und zu interpretieren, dass diese die eigenen Erwartungen erfüllen und das bisherige Bild bestätigen. Unbewusst ausgeblendet werden dabei Informationen, welche die eigene Erwartung widerlegen, also insbesondere neues Verhalten. Doch genau auf sich positiv veränderndes Verhalten wollen wir in einem Entwicklungsprozess die Aufmerksamkeit eigentlich lenken. Stakeholder-zentriertes Coaching 3.0 stellt sicher, dass verschiedene Augen, Ohren sowie Sinne auf den Coachee schauen und Verhaltensveränderungen wahrgenommen werden.