Nur wenige Unternehmen ermutigen ihre Kunden, sich mit einer Beschwerde zu melden. Damit lassen sie grosse wirtschaftliche Potenziale ungenutzt. Denn Beschwerdemanagement ist der zentrale Ansatz, von einer Kundenerfahrung eine emotionale Bindung zwischen Kunde und Unternehmen aufzubauen. Dies macht aus zufriedenen Kunden loyale Kunden und aus loyalen Kunden begeisterte Botschafter eines Produktes/Marke.Wer sich auf die Haltung zurückzieht, dass Fehler im Unternehmen eigentlich nicht oder kaum vorkommen und diese möglichst schnell abschliessen will, vergibt eine grosse Chance. Denn Fehler können anzeigen, wo im Managementsystem möglicherweise etwas nicht stimmt. Warum diese einfache Regel im Umgang mit Kundenbeschwerden oft zögerlich umgesetzt wird, kann die Verhaltenspsychologie beantworten.
Empfindlichkeiten
Zum einen hat der Mensch die Kraft zur Verdrängung. Die Verdrängung ist die einfachste Art und Weise, mit Fehlern fertig zu werden. Sie werden damit in die unbewusste Ebene verdrängt und beschäftigen nicht weiter. Andererseits wird das Reiz-Reaktions-Systems aktiv. Durch einen bestimmten Reiz kommt es beim Menschen zu einer psychischen Reaktion. Der Zusammenhang zwischen Reiz und Reaktion wird abgespeichert und kann in späteren ähnlichen Situationen erinnert werden.
Ein Beispiel: Ein Kind wird von klein auf erzogen, keine Fehler zu machen. Dies unter Androhung von mehr oder weniger negativen Konsequenzen. In der Schulzeit bemisst die Summe aller Fehler nicht nur den Intellekt, die Anzahl roter Feh-lerstriche bestimmt den künftigen Bildungsverlauf. Und als Mitarbeiter in der Berufswelt will man dem Druck von Arbeitskollegen und Erwartungen der Führung gewachsen sein und sich profilieren. Erschwerend kommt ausserdem die Eigenschaft des Menschen hinzu, dass Fehler sich einfacher einer Person als einem Zustand zuschreiben lassen. Fehler werden als negative Erfahrung gespeichert und lösen beim Eintreten der Beschwerde den Reiz der Fehlerzuweisung aus und führen zur Ablehnung.
Kaum direkte Beschwerden
Ein sehr grosser Teil der unzufriedenen Kunden beschwert sich nicht. Zwar variieren die Prozentzahlen für nicht mitgeteilte Beschwerden je nach Branche, Produkt und Art des Problems. Doch zusammenfassend kann gesagt werden, dass 50 bis 90 Prozent der Kunden, die einen berechtigten Grund hätten, sich nicht beschweren. Zumindest nicht beim Unternehmen.
Stattdessen erzählen sie es durchschnittlich zehnmal Bekannten weiter, die für das Unternehmen als potenziell verlorene Kunden bewertet werden können. Enttäuschte Kunden erzählen ihre Erfahrung immer mehr zwar nur noch einmal im World Wide Web. Von dort können danach aber unzählige potenzielle Kunden (und auch Mitbewerber) über eine mehr oder weniger berechtigte Kundenerwartung und allen Subjektivitäten, Kenntnis nehmen. Diese führen im Zweifelsfall ebenfalls dazu, von einem Kaufentscheid abzusehen.
