Die Welt wächst zusammen, und doch bleiben manche Grenzen immer noch bestehen: Inner- und ausserbetriebliche Supply Chains werden oft von hohen Mauern getrennt. Was wäre also, wenn Produzenten ihre Kunden und Lieferanten eng in die Unternehmensstrukturen und -abläufe des eigenen Unternehmens einbinden würden? Wer externe und interne Prozesse und Systeme synchronisiert, reduziert nicht nur Risiken entlang der Lieferkette. Er kann darüber hinaus effektiver und erfolgreicher zusammenarbeiten, agiler und leistungsstärker operieren und sogar die Innovations- und Technologiefähigkeit der Organisation erhöhen.
Schritte zur Kooperation
Doch wie jede Änderung der Unternehmensstrategie birgt auch die Zusammenarbeit in der Lieferkette (Supply Chain Collaboration, SCC) nicht nur Chancen, sondern auch Risiken. Akteure, die eine stärkere Kollaboration mit ihren Lieferanten und Kunden avisieren, sollten diese genau betrachten. Sie wollen sich am liebsten sofort der Herausforderung stellen, Ihre Supply Chain Collaboration zu stärken? Nachfolgende Tipps erleichtern den Start ins Projekt.
1. Starten Sie mit einer Bedarfsanalyse
Kooperationen sind kein Selbstzweck. Ausgangspunkt aller Kooperationsbestrebungen sollten daher die folgenden Fragen sein: In welchen Bereichen wollen wir uns als Unternehmen über eine Kooperation verbessern? Welche strategischen Wettbewerbsvorteile wollen wir generieren beziehungsweise welche operativen Verbesserungen wollen wir herbeiführen? Dabei können Partnerschaften bei einer Vielzahl von Themenfeldern einen wesentlichen Verbesserungstreiber darstellen. Hier eine kleine Auswahl:
- Kooperationen in Forschung und Entwicklung ermöglichen und beschleunigen Technologie- und Produktentwicklungen
- Eine Zusammenarbeit in Prognose- und Planungsprozessen erhöht die Lieferfähigkeit, reduziert Bestände (Stichwort: Bullwhip-Effekt) und verringert die Kosten in der gesamten Supply Chain
- Gemeinsam abgestimmte und digitalisierte Bestell- und Abwicklungsprozesse erhöhen die Effizienz, verringern Fehler und führen zu schnelleren Lieferungen
- Unternehmensübergreifende Projekte zur Steigerung der Material- und Produktqualität erhöhen die Zufriedenheit entlang der gesamten Lieferkette
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2. Durchdenken Sie die gesamte Supply Chain
Als mögliche Kollaborationspartner kommen natürlich zunächst einmal die vor- und nachgelagerten Unternehmen in der Wertschöpfungskette, also direkte Kunden und direkte Lieferanten, in Betracht. Darüber hinaus kann es aber in bestimmten Fällen durchaus Sinn ergeben, auch die Kunden der Kunden (zum Beispiel in der Getränkeindustrie den Einzelhandel als Kunden des Getränkefachgrosshandels) oder die Lieferanten der Lieferanten (zum Beispiel Rohwarenlieferanten) als mögliche Partner für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Der Begriff des Lieferanten sollte in diesen Überlegungen weit gefasst werden: So sind grundsätzlich nicht nur Materiallieferanten, sondern auch andere Lieferanten wie Lohnfertiger oder Logistikdienstleister potenzielle Kandidaten für eine Kooperation.
3. Gehen Sie bei der Auswahl möglicher Collaboration-Projekte strategisch vor
Vermutlich werden Sie nach Durchlaufen der Punkte 1 und 2 eine Vielzahl an möglichen Kollaborationsprojekten identifiziert haben. In einer Welt begrenzter personeller (und finanzieller) Ressourcen ist nun die Projektauswahl entscheidend. Hierbei können anhand einer Matrix der potenzielle Nutzen für die eigene Organisation (zum Beispiel finanzieller Nutzen oder strategischer Nutzen) abgewogen werden gegen den entsprechenden Aufwand und die Risiken der Kollaboration. Priorisiert werden dann die Projekte mit einem guten Verhältnis aus Kosten und Nutzen. Dabei sollte im Auge behalten werden, dass Partnerschaften «auf Augenhöhe» regelmässig erfolgversprechender sind als Partnerschaften zwischen «ungleichgewichtigen» Partnern.
4. Konkret werden und Nutzen aufzeigen
Nach der internen Entscheidung, welche Kooperationsprojekte angegangen werden sollen, geht es nun darum, den anvisierten Partner für das Projekt zu gewinnen. Diese haben häufig nicht auf diese Art von Anfrage gewartet und in vielen Fällen ist hier zunächst einmal ein ganzes Stück an Überzeugungsarbeit zu leisten. Dies gilt insbesondere für Kooperationen mit Kunden. Bei Kooperationen mit Lieferanten sind die Themen – je nach Marktmacht – häufig etwas einfacher einzusteuern. Um den Partner für das Projekt zu gewinnen, ist es entscheidend, die Anfrage möglichst konkret zu stellen und die gemeinsamen Vorteile aus einer Outside-in-Perspektive schon einmal herauszuarbeiten. Hilfreich ist es darüber hinaus, wenn das Projekt auf einer möglichst hohen Management-Ebene beim potenziellen Kooperationspartner eingesteuert wird, um das Thema auch beim Partner mit der nötigen Priorisierung zu versehen.
5. Setzen Sie gemeinsame Ziele und entwickeln Sie den gemeinsamen Business Case
Nichts ist in einer ausgewogenen Partnerschaft so wichtig wie das Schaffen einer Win-win-Situation, um beide Seiten langfristig für die Partnerschaft zu incentivieren. So ist es bei der Definition der Ziele und des gemeinsamen Business Cases entscheidend, Aufwand und Nutzen der Kooperation so auf die Partner zu verteilen, dass für beide Seiten ein attraktiver Business Case resultiert. In der Praxis erlebt man es häufig, dass die Verteilung der Vorteile aus der Kooperation deutlich mehr Zeit in Anspruch nimmt als die Ausarbeitung dieser Vorteile. Nichtsdestotrotz sind diese Diskussion und das abschliessende Ergebnis ein wesentlicher Erfolgsfaktor für eine gelungene Partnerschaft.