Strategie & Management

Nachfolgeregelung

Wenn die Tochter das Ruder übernimmt

Unternehmer Markus Flühmann plant die Nachfolgeregelung für seinen gleichnamigen Logistikbetrieb von langer Hand. Damit sein Lebenswerk in der Familie bleibt, bereitet er seine Tochter Simone Ruckli akribisch für deren Zukunft als Chefin vor. Zurzeit absolviert sie eine «CEO-Lehre».
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Ein innovatives Geschäftskonzept, die erfolgreiche Umsetzung, ein anhaltend florierendes Unternehmen: so etwa lassen sich in kurzen Worten die letzten 20 Berufsjahre von Markus Flühmann zusammenfassen. Mit seiner Idee des effizienten und zentralisierten Katalogversands hatte er 1991 in Merenschwand AG sein Logistikunternehmen Markus Flühmann AG gegründet – und damit eine Pionierleistung für die Reisebranche vollbracht.

Die Markus Flühmann AG lagert, sortiert und verschickt druckfrische Prospekte von fast allen Schweizer Ferienveranstaltern. Eine Dienstleistung, auf die der Markt in der Tat gewartet hatte. Denn vor Flühmanns Geschäftsidee tuckerten Lastwagen jedes Veranstalters separat durchs Land und versperrten sich gegenseitig die Zufahrten vor den Reisebüros. Dank einer früh eingeleiteten Diversifikationsstrategie konnte sich Flühmann auch vor Klumpenrisiken schützen. Internetbedingte Auftragsrückgänge aus der Reisebranche kompensiert er heute problemlos. Schon vor zehn Jahren lancierte Flühmann etwa eine Zusammenarbeit mit der UBS. Marken wie Emmi, Shell, Ernst & Young und weitere haben bis heute die Kundenliste erweitert. Heute trägt die Reisebranche zum Firmenumsatz von gegen elf Millionen Franken noch knapp 45 Prozent bei.

Verkauf kein Thema

Erfolg und Wachstum trieben den Unternehmer Flühmann in den vergangenen zwei Jahrzehnten unentwegt an, zu immer neuen Höchstleistungen, Ideen und Projekten. Seine Firma wurde immer bekannter, bei einer wachsenden Kundengruppe, aber auch bei der Konkurrenz. Im Jahr 2008 wurde Flühmann von der Konzernleitung der Schweizerischen Post mit einem Übernahmeangebot konfrontiert. Das schmeichelte ihm einerseits, anderseits musste er sich die Grundsatzfrage stellen: «Wie geht es weiter mit meinem Unternehmen?» Der heute 54-jährige Flühmann war damals weit davon entfernt, sein operatives Pensum in irgendeiner Art reduzieren zu wollen. Aber: «Als Folge des Post-Angebots habe ich mich zum ersten Mal ernsthaft mit dem Thema Nachfolgeregelung auseinander­gesetzt.»

Die Verlockung eines Verkaufs war durchaus gegeben, doch Flühmann lehnte letztlich ab in der Überzeugung, sein «Lebenswerk» nicht einfach so gegen Geld einzutauschen. Die Absage hing auch mit strategischen Überlegungen zusammen. «Ich wollte grundsätzlich verhindern, dass meine Firma mit ihren sehr flachen Hierarchien von einem Grosskonzern übernommen und dann unweigerlich verbürokratisiert wird.» Dafür hänge er emotional zu sehr am Unternehmen, das er nach Grundsätzen der Nachhaltigkeit aufgebaut und entwickelt habe.

Welche Optionen blieben also für Markus Flühmann? Klar wurde ihm im Zuge der Post-Episode auf jeden Fall, dass er sein Unternehmen einmal in «fähige Hände» geben wolle, die den von ihm gepflegten Firmengeist in seinem Sinne weiterführen. Obschon er seine drei Kinder – Markus Flühmann hat neben Simone Ruckli noch einen erwachsenen Sohn sowie eine achtjährige Tochter – nie wie potenzielle Nachfolger erzogen hatte, freundete er sich immer mehr mit dem Gedanken an, das Familienunternehmen auch nach seinem Rücktritt in der Familie zu halten. Das lag vor allem an der Entwicklung seiner inzwischen verheirateten Tochter Simone Ruckli. Während Sohn Pascal eine Lehre als Landschaftsgärtner absolviert hat und in diesem Beruf bis heute sehr glücklich ist, entschied sich Simone Ruckli nach der obligatorischen Schulzeit für eine kaufmännische Ausbildung. Nach einem Sprachaufenthalt erhielt sie eine Anstellung beim Fähren-Reisebüro Cruise & Ferry Center, einer im gleichen Bürokomplex angesiedelten Tochterfirma der Markus Flühmann AG.

Praxiserfahrung sammeln

Vater und Tochter auf so engem Raum beisammen – das funktionierte gut. Simone Ruckli arbeitete während fünf Jahren im Cruise & Ferry Center und machte in den Augen ihres Vaters einen sehr guten Job. «Ich habe Simone in dieser Zeit als fähige und innovative Mitarbeiterin und Geschäftsfrau kennengelernt», erinnert sich Markus Flühmann. Mehr und mehr reifte bei ihm der Gedanke, seine Tochter irgendwann betreffend seiner Nachfolge anzufragen. Doch Markus Flühmann liess sich Zeit. Erst, als ihm die Tochter mitteilte, nach Abschluss einer parallel zur Tätigkeit im Cruise & Ferry Center laufenden Weiterbildung eine neue Herausforderung suchen zu wollen, wurde er mit seinem Angebot konkret. Die junge Frau war damals 25-jährig.

Seit Anfang 2010 bis Ende 2012 absolviert die inzwischen 27-jährige Simone Ruckli nun bei der Markus Flühmann AG eine dreijährige «CEO-Lehre». Vater Markus Flühmann hat seinen Entscheid in den ersten beiden Jahren noch kein einziges Mal bereut. Im Gegenteil. Aufgrund der Erfahrungen in der direkten, täglichen Arbeit sei er heute noch mehr überzeugt, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Seine Tochter sei sehr aktiv und übernehme zunehmend Verantwortung. «Sie hat frischen Wind und innovative, spannende Elemente in den Betrieb gebracht.» So habe sie gegen den Widerstand des «altmodischen Papa» die Nutzung von Plattformen wie Face­book und Xing eingeführt, lacht Flühmann.

Zurzeit arbeitet Simone Ruckli als «normale» Mitarbeiterin im Tagesgeschäft mit und lernt dabei alle Betriebsabläufe kennen, die für eine spätere Übernahme der Geschäftsleitung wichtig sind. Zusätzlich hat sie zusammen mit ihrem Vater und dessen heutigem Stellvertreter bereits Einsitz im dreiköpfigen Strategie-Team der Firma genommen.

Entscheidung bis Ende 2012

Die wichtigste Frage stellt sich für Simone Ruckli zum Jahresende. Dann geht ihre «CEO-Lehre» zu Ende und sie wird sich definitiv entscheiden müssen, ob sie das Unternehmen ihres Vaters dereinst übernehmen möchte. «Es wird sowohl mit meinem Vater als auch mit meinem Ehemann auf jeden Fall noch einige intensive Diskussionen zu diesem Thema geben», ist Simone Ruckli überzeugt. Denn beim jungen Paar ist auch die Familienplanung zurzeit ein ganz wesentliches Thema. Simone Ruckli ist vom bisherigen Verlauf ihres Einführungsprogramms zwar in der Überzeugung gestärkt worden, im Zeitraum zwischen 2017 und 2019 in die Fussstapfen ihres Vaters zu treten. Sie räumt jedoch ein: «Vielleicht werden nochmals Zweifel aufkommen, sobald ich Mutter werde.» Grundsätzlich ist sie aber überzeugt, dass sie auch mit Kindern eine gute Geschäftsführerin sein könne. «Das kann ich mir auch durchaus mit einem 80-Prozent-Pensum vorstellen.»

Ohne Druck

Vom Vater Markus Flühmann spürt sie diesbezüglich erneut keinen Druck. Er lässt seiner Tochter nach wie vor alle Möglichkeiten offen und bleibt flexibel. «Da sich Simone immer noch zurückziehen kann, wäre als Alternative dann halt doch auch wieder der Verkauf der Firma eine Option.» Dass ein solches Szenario nicht sein Wunschtraum ist, gibt er jedoch unumwunden zu. Ganz toll wäre es für Markus Flühmann, wenn er sein Lebenswerk dereinst in die Hände seiner Tochter geben könnte. Um dies möglich zu machen, bietet er sich bei ihr schon heute als tatkräftige Betreuungsperson für seine künftigen Enkel an. Zeit dafür hätte er dann ja – und noch mehr Freude. «Das wäre eine klassische Win-win-Situation für uns alle.»

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