«Wir müssen als Organisation schneller und agiler auf Marktveränderungen reagieren.» Dieses Bewusstsein ist bei vielen Unternehmen im zurückliegenden Jahr auch coronabedingt gereift. Zudem sammelten nicht wenige beim Durchführen von Projekten zum Steigern ihrer Agilität die Erfahrung: «Für die agile Transformation unserer Organisation genügt es nicht, agile Methoden einzuführen und die Strukturen zu verändern. Vielmehr ist auch ein agiles Mindset nötig, damit die Kultur in unserem Unternehmen in Bewegung kommt und sich die Strategie mit Leben füllt.»
Ein solches Mindset lässt sich nicht per Dekret verordnen. Es entwickelt sich in einem Changeprozess, bei dem die Mitarbeiter und Führungskräfte meist eine aktive Unterstützung brauchen – zum Beispiel durch «Agile Coaches». Darin sind sich die Unternehmen inzwischen weitgehend einig.
Unklar ist ihnen aber oft noch,
- was genau die Rolle der «Agile Coaches» ist und
- welches Kompetenz- und Persönlichkeitsprofil die «Agile Coaches» brauchen.
Auswahl der «Agile Coaches»
Nicht selten werden deshalb Projektmanager, Scrum Master oder Organisationsentwickler ohne eine spezielle Vorbereitung zu «Agile Coaches» ernannt. Doch eine Leidenschaft fürs Thema und eine Methodenkenntnis allein genügen in der Regel nicht, um die Rolle als «Agile Coach» adäquat wahrzunehmen. Das zeigt die Praxis. Deshalb organisieren immer mehr Unternehmen für ihre angehenden «Agile Coaches» Fortbildungen, die ihnen das erforderliche Know-how und Können für ihre künftigen Aufgaben vermitteln sollen.
Bei deren Konzeption sollte bedacht werden: Eine «Agile-Coach»-Ausbildung muss den Teilnehmern ausser der erforderlichen Methodenkompetenz auch das Mindset vermitteln, das «Agile Coaches» für ihre Arbeit brauchen – denn dieses entscheidet letztlich darüber,
- was die «Agile Coaches» ihren Kollegen vermitteln und
- ob die Methoden adäquat eingesetzt werden.
Deshalb sollte eine Faustregel beim Konzipieren einer «Agile-Coach»-Ausbildung lauten: 20 Prozent Technik/Methodik und rund 80 Prozent Haltung. Denn das Mindset, das zu einer agilen Haltung führt, gilt es nicht nur zu entwickeln, sondern auch zu verinnerlichen. «Agile Coaches» sind letztlich Multiplikatoren. Also lautet die zentrale Frage: Was multiplizieren sie? Nur Methoden-Know-how oder auch die für ein agiles Arbeiten nötige Einstellung und Haltung? Die Antwort hängt ausser vom Konzept ihrer Ausbildung auch von der Auswahl der künftigen «Agile Coaches» ab.
Hohe Rollenflexibilität nötig
Die Frage, wie die Teilnehmer einer «Agile Coach»-Ausbildung richtig ausgewählt werden, lässt sich nicht pauschal beantworten – auch weil die Auswahlkriterien oft nicht hart messbar sind. Hierfür zwei Beispiele. Angenommen, die Verantwortlichen wählen einen Mitarbeiter aus, der in der Scrum-Methodik schon fit ist und als Product Owner oder Scrum Master bereits erfolgreich in der Organisation arbeitet. Dann heisst dies nicht zwingend, dass er die Grundvoraussetzungen für einen «Agile Coach» in Gänze erfüllt.
Denn Scrum ist nur eine von vielen Methoden in der agilen Arbeitswelt, und der Nutzen jeder Methode hängt auch davon ab, mit welchem Geist sie angewendet wird. Im schlimmsten Fall mutiert der Scrum Master zu einem Methodenwächter, der zwar strikt auf das Einhalten der Regeln achtet, aber bei seiner Arbeit eine geringe Coaching-Kompetenz zeigt.
Angenommen, die Verantwortlichen denken nun, ein bereits ausgebildeter Coach sei die richtige Wahl. Dann stellt sich die Frage: Steht seiner Entwicklung zum «Agile Coach» möglicherweise das Credo vieler Coaches im Weg, dass das Gegenüber stets die Lösung selbst finden muss?
Die Praxis zeigt oft, dass dem so ist. Denn «Agile Coaches» müssen eine grosse Rollenflexibilität zeigen. Mal müssen sie Mitarbeiter oder Kollegen coachen, mal beraten, mal aktiv das Geschehen mitgestalten. Zudem sind sie oft Sparringspartner für das Management, wenn es um das Vorantreiben der gewünschten Ziele geht. Deshalb brauchen sie neben den «Macher-Qualitäten» auch genügend Rückgrat und ein gewisses Standing in der Organisation.
Anforderungsprofil definieren
Also sollten sich Unternehmen, bevor sie die Teilnehmer für eine «Agile-Coach»-Ausbildung benennen, intensiv mit der Frage befassen, welche Kompetenzen und welches Mindset ein Kandidat braucht, um die Rolle als «Agile Coach» erfolgreich auszuüben.
Die Praxis zeigt, dass hierfür unter anderem folgende Kompetenzen beziehungsweise Fähigkeiten wichtig sind:
- beziehungsgestaltende Kompetenzen (zum Beispiel ausgeprägte kommunikative Fähigkeiten inklusiv der Fähigkeit, Konflikte konstruktiv zu gestalten; Team- und Kooperationsfähigkeit, ein Agile-Leadership-Verständnis),
- kognitive und (selbst-/emotions-)regulatorische Fähigkeiten (unter anderem geistige Wendigkeit, Ambiguitäts- und Frustrationstoleranz),
- Fähigkeit zur Selbststeuerung (zum Beispiel das eigene Verhalten beobachten, differenziert bewerten und nachjustieren können).
Diese Fähigkeiten beziehungsweise Kompetenzen erleichtern es in der Praxis unter anderem,
- Ambiguitäten, also Mehrdeutigkeiten, souverän zu begegnen,
- Veränderungen offen anzugehen und
- sich schnell in einen volatilen Rahmen einzufinden, der durch wechselnde Rollen statt durch starre (hierarchische) Strukturen geprägt ist.
Grundsätzlich können sich alle Mitarbeiter und Führungskräfte auf die «agile Reise» begeben. Wichtig ist es aber, den Ausgangspunkt der Teilnehmer zu kennen, um eine individuelle Förderung und Entwicklung zu ermöglichen.