Keine langen Statements
Auf den letzten fünf Plätzen der Umfrageergebnisse rangieren mit relativ wenig Zustimmung die Formulierungen von SGS (29 Prozent), Sika (28,5 Prozent), Six (27,3 Prozent), Vontobel (24,5 Prozent) und der nach jahrelangem Missmanagement in Schieflage geratenen Credit Suisse (21,7 Prozent).
Auffällig ist, dass viele der letztplatzierten Unternehmen relativ lange, wenig einprägsame Purpose-Statements kommunizieren und damit viel Potenzial verschenken. Vergleichsweise ausführlich drückt sich beispielsweise der Spezialchemiekonzern Sika mit der Botschaft «To anticipate and meet future challenges by providing reliable, innovative, sustainable, and long-lasting solutions in the construction, building, and manufacturing» aus.
Grundsätzlich ist zu sehen, dass es einigen grossen Schweizer Unternehmen noch nicht gelingt, mit ihrem Purpose-Statement den richtigen Ton zu treffen.
Das gilt auch für Unternehmen, die eigentlich über eine gute Reputationsbasis verfügen, um Themen wie Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit erfolgreich gegenüber Mitarbeitern, Kunden und der kritischen Öffentlichkeit kommunizieren zu können. Ein von der breiten Öffentlichkeit verstandenes und positiv bewertetes Purpose-Statement zu formulieren, ist aber keineswegs trivial, wie die Studie beweist. Aus den Bewertungen der Schweizer Öffentlichkeit lassen sich wertvolle Rückschlüsse darauf ziehen, was ein gelungenes und positiv aufgenommenes Statement ausmacht und in welchen Bereichen Unternehmen besonders punkten können.
Wettbewerbsvorteile
Unternehmen mit einem klar kommunizierten und glaubwürdigen Purpose haben das Potenzial, überdurchschnittlich zu wachsen und innovativer sowie produktiver als der Wettbewerb zu agieren – das zeigen diverse Studien, Marktbeobachtungen und Erfahrungen aus vielen Purpose-Projekten. Multivariate Analysen der Erhebungen für den Purpose Readiness Index (PRI) belegen zudem, dass Purpose-relevante Imagedimensionen knapp die Hälfte der positiven Wahrnehmung eines Unternehmens erklären. Von dieser Wahrnehmung hängt ein grosser Teil des Markterfolgs ab. Ein glaubwürdiger Purpose ist damit eine grosse Chance für Unternehmen und Institutionen, sich in der öffentlichen Wahrnehmung positiv zu positionieren – auch gegenüber potenziellen Mitarbeitern im Wettbewerb um Fachkräfte.
Vor allem die jüngeren Generationen, die Generation Y mit den nach 1980 Geborenen oder Generation Z mit den ab 1994 Geborenen, legen nachgewiesenermassen hohen Wert auf die Wirkung ihres eigenen Tuns und das Wohlergehen von Mensch und Umwelt. Beide Generationen haben klare Wertvorstellungen. Sie erwarten gesellschaftliches Engagement von der Wirtschaft und somit auch von den Unternehmen, in denen sie arbeiten.
Wer jungen Nachwuchskräften eine Identifikation mit dem Unternehmen und seinem Daseinszweck ermöglicht, findet leichter geeignete Mitarbeiter und kann sie auch langfristiger ans Unternehmen binden. Mit anderen Worten: Unternehmen mit einem glaubwürdigen Purpose, der den Wertvorstellungen der Generationen Y und Z entspricht, haben auch im «War for Talents» die Nase vorn. Das gilt vor allem dann, wenn Unternehmen das Thema Purpose nicht nur als Lippenbekenntnis, sondern als echte «Herzensangelegenheit» entdecken und aktivieren.
Purpose gibt Orientierung
Ein überzeugender Unternehmenszweck ist in der neuen Arbeitswelt, die von immer schnelleren Veränderungen, Homeoffice und zunehmender Kündigungsbereitschaft («Great Resignation») geprägt ist, wichtiger als je zuvor. Er wirkt quasi als Kitt, der auch räumlich getrennte Mitarbeiter miteinander verbindet. Er schärft Alleinstellungsmerkmale im Wettbewerb und zeigt Mitarbeitern, welchen Mehrwert sie für eine bessere Welt schaffen. Das erhöht den Stolz, genau dem richtigen Unternehmen anzugehören, und senkt die Gefahr der «Great Resignation». Wie ein Nordstern bietet ein gemeinsamer und gut kommunizierter Purpose Orientierung: Alle Mitarbeiter wissen, wofür sie morgens aufstehen und ihre jeweiligen Projekte vorantreiben – egal, ob im Office oder Homeoffice.
Wichtig ist, einen möglichst konkreten Purpose zu entwickeln, der zur Unternehmensstrategie passt und im besten Fall auch die eigene Unternehmenshistorie reflektiert. In vielen KMU und vor allem in Familienunternehmen ist ein Gründungsmythos häufig fest in der DNA des Unternehmens verankert und wird weitertradiert, insbesondere wenn die Gründerfamilie das Unternehmen noch führt. Die Erfolgsgeschichten der einstigen Gründer zeigen oft, was das Unternehmen einmal angetrieben hat, welches übergeordnete Ziel im Fokus stand.
Diese klare Vision aus den Gründertagen kann es vereinfachen, einen für die heutige Zeit adäquaten Purpose herauszukristallisieren und konsequent auf allen Ebenen des Unternehmens umzusetzen. KMU sind hier gegenüber grossen Konzernen, bei denen die Gründervision oft längst verwässert ist, klar im Vorteil. Sie können ihre vergleichsweise bessere Ausgangsposition nutzen, um die Mitarbeiterbindung zu festigen.