Im Zeitalter der Digitalisierung arbeiten die meisten Menschen nicht mehr körperlich, sondern überwiegend mit dem Gehirn. Gleichzeitig steigen das Tempo und der Druck. Diese Umstände des modernen Arbeitslebens belasten Arbeitnehmende. Dies zeigt der Job-Stress-Index der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz. Ein Drittel der befragten Erwerbstätigen gibt an, dass Belastungen im Job grösser sind als die vorhandenen Ressourcen. In diesem Umfeld können psychische Beeinträchtigungen entstehen und sich zu Erkrankungen entwickeln.
Lohnendes Investment
Ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem psychische Belastungen aufgefangen werden, lohnt sich nicht nur für das Wohlbefinden der Mitarbeitenden, sondern auch auf finanzieller Ebene. Aktuell entsteht der Wirtschaft aufgrund von psychischen Beeinträchtigungen durch verminderte Leistungsfähigkeit und Absenzen ein Schaden von jährlich 7,6 Milliarden Franken. Mitarbeitende, denen es gesundheitlich gut geht, sind kreativer, motivierter und effizienter. Erhalten Mitarbeitende mit psychischen Beeinträchtigungen keine adäquate Hilfe, kommt es in 80 Prozent der Fälle zu einer Kündigung und damit zu Know-how-Verlusten und Zerwürfnissen im Team. Werden Betroffene unterstützt, kann die Kündigungsrate dagegen um die Hälfte reduziert werden. Das Investment in die psychische Gesundheit zahlt sich also für Unternehmen aus. Studien sprechen von einem Return on Investment von 9:1. Ob sich der oder die Betroffene Hilfe sucht und diese erhält, hängt entscheidend von der Haltung des Unternehmens ab. Führungskräfte spielen für die Schaffung einer offenen Arbeitsatmosphäre, in der psychische Beeinträchtigungen und Belastungen erkannt und angesprochen werden, eine entscheidende Rolle. Doch heute ist nur ein Drittel der Menschen mit Führungsverantwortung dafür geschult, mit psychischen Belastungen ihrer Mitarbeitenden umzugehen.
Argumente gegen Vorbehalte
Ich arbeite seit drei Jahren bei Pro Mente Sana und co-leite unter anderem das Programm Ensa Erste Hilfe für psychische Gesundheit. Im Austausch mit den Kursteilnehmenden habe ich die Gründe erfahren, warum immer noch so wenig Unternehmen das Thema auf der Agenda haben. Die meistgenannten Vorbehalte, die ich von Führungskräften höre, sind: Mangelnde Zeit, «Sozialarbeiter» oder «Psychologin» zu sein, gehöre nicht zu ihrem Jobprofil und das Argument, dass die Arbeitsmenge «von oben» vorgegeben sei und sie darum an der Arbeitsbelastung sowieso nichts ändern könnten.
Alle drei Argumente sind einfach zu entkräften: Wer behauptet, keine Zeit für die Förderung psychischer Gesundheit zu haben, betrachtet das Thema von der falschen Seite. Denn es ist Bestandteil der Führungsaufgabe und Fürsorgepflicht, der Gesundheit der Mitarbeitenden Sorge zu tragen. Zweitens gewinnen gesunde Teams an Kreativität und Effizienz. Ein offenes Arbeitsklima fördert die Lernbereitschaft und Kreativität der Mitarbeitenden. Drittens ist der Umgang mit den Folgen von psychischen Beeinträchtigungen in der Regel einiges zeit- und kostenintensiver als die Investition in die Prävention. Die Vorteile wirken also auf verschiedenen Ebenen und der Return on Investment ist gross.
Betriebskultur ist entscheidend
Hinter den Bedenken von Führungskräften, sie seien doch keine Sozialarbeiter, steckt oft eine gewisse Unsicherheit, da sie sich eine solche Aufgabe nicht zutrauen. Dem kann man entgegnen, dass es auch nicht das Ziel ist, sie zu Fachkräften im Umgang mit der psychischen Gesundheit zu machen. Dafür gibt es Profis. Doch jeder Laie ist in der Lage, Veränderungen im Verhalten der Mitarbeitenden wahrzunehmen, adäquat darauf zu reagieren und somit einen Beitrag zur Prävention zu leisten. Es geht nicht darum, die Mitarbeitenden zu therapieren, sondern ihnen offen und unvoreingenommen zuzuhören und zu geeigneter Hilfe zu ermutigen. Auch Führungskräfte können bereits Anpassungen veranlassen, die Mitarbeitende entlasten können.
Es lohnt sich, das Argument, an Arbeitsbelastung und Stress am Arbeitsplatz könnten Vorgesetzte ohnehin nichts ändern, näher zu betrachten. Es gibt psychosoziale Faktoren, die einen grösseren Einfluss haben auf die psychische Gesundheit als «Stress». «Guarding Minds @ Work», eine seit mehr als 30 Jahren laufende Studie aus Kanada, hat sich als sehr wirksam für den Schutz psychischer Gesundheit in Unternehmen erwiesen. Die Studie macht 13 psychosoziale Faktoren aus, die für den Erhalt der psychischen Gesundheit entscheidend sind. Die Arbeitsbelastung steht erst an sechster Stelle. Die Top-Faktoren liegen dagegen im direkten Beeinflussungsbereich von Führungskräften. Der wichtigste und der zweitwichtigste Faktor spielen ineinander: erstens ein offener Umgang mit dem Thema psychische Gesundheit, zweitens die Betriebskultur. Der drittwichtigste Faktor sind klare Führung und klare Erwartungen.