Exzellenter Service und strikt kundenorientiertes Verhalten mit ausgeprägter emotionaler Kompetenz an den Kundenkontaktpunkten führen dazu, dass die Menschen einer Unternehmung ein «lebenslängliches Betreuungsrecht» einräumen, also eine hohe Loyalität entwickeln. In den Momenten der Wahrheit – etwa beim Erstkontakt, im emotional aufgeladenen Reklamationsfall oder wenn der Geschäftskunde eine schnelle und unbürokratische Problemlösung benötigt – entscheidet sich, ob ein Kunde bleibt oder zur Konkurrenz wechselt. Das belegt eine Studie der MHI Global.
Wahrnehmungs-Diskrepanzen
Die Firmen sollten an ihrer Selbstwahrnehmung arbeiten. Auch das zeigt die Studie: Während vier von fünf Unternehmen meinen, sie böten einen hervorragenden Kundenservice, wird dies von nur acht Prozent der Kunden bestätigt. Diese gewaltige Diskrepanz gilt es aufzulösen, indem Customer-Experience-Gedanken in die Unternehmensstrategie integriert werden. Mögliches Ergebnis: Alle Unternehmensprozesse leisten einen Beitrag dazu, positive Kundenerlebnisse zu prägen. Und die Mitarbeiter aller Ebenen, Bereiche und Hierarchien verfügen über die Kompetenz, solche positiven Erlebnisse in den Momenten der Wahrheit zu kreieren. Können sie dies nicht, sind entsprechende Weiterbildungsmassnahmen im Bereich der Mitarbeiterentwicklung zu ergreifen.
Motive zur Implementierung
Für die Notwendigkeit, eine Customer-Experience-Strategie zu implementieren und danach umzusetzen, sprechen mehrere Gründe: Die Unternehmen profitieren ökonomisch durch höhere Erträge sowie längere Bindungszeiten mit ihren Kunden, die Unternehmen bauen in der Wahrnehmung der Kunden ein positives Image auf und überzeugen bei der Akquisition rasch neue Kunden durch die Weiterempfehlungen von begeisterten Bestandskunden.
Dazu einige Zahlen: Umfragen haben ergeben, dass 82 Prozent der Befragten die Geschäftsbeziehungen mit jenen Unternehmen, welche aus Kundensicht einen schlechten Service geboten haben, beenden. 40 Prozent sind danach zu Firmen gewechselt, die einen aussergewöhnlichen Service bieten. Diese Kunden sind mit hoher Wahrscheinlichkeit für immer und ewig verloren. Weil es um ein Vielfaches teurer ist, einen neuen Kunden zu gewinnen als einen Bestandskunden verlässlich zu betreuen, und weil für die meisten Unternehmen der finanzielle Erfolg aus der Loyalität des bestehenden Kundenstamms resultiert, ist die Prägung positiver Kundenerfahrungen von existenzieller ökonomischer Bedeutung.
Auf Kundenreise
Wo genau halten sich die Bestandskunden überall auf? Wo beginnt ihre Reise, wo machen die Geschäftskunden – insbesondere die Entscheider – Zwischenstation auf ihrer Customer Journey? Und zwar offline und online, in der realen Welt und in der virtuellen Welt? Am Anfang steht die Analyse: Wo befinden sich die entscheidenden Kundenkontaktpunkte, die Berührungspunkte, die Touchpoints zwischen Unternehmen und Geschäftskunden?
Ein Customer-Experience-Management hat zum Ziel, alle Phasen des Kaufentscheidungsprozesses zu analysieren, um jede Möglichkeit zu nutzen, bei den Entscheidern positive Erlebnisse und Erfahrungen herbeizuführen. Erfolgsentscheidend ist, kundenindividuelle Massnahmen zu ergreifen: Während der eine Entscheider durch exzellenten Service und überzeugende Online-Dienste überzeugt werden muss, benötigt der andere Empathie und emotionale Ansprache, um sich langfristig und nachhaltig an das Unternehmen zu binden.
Im B2C-Bereich hat sich die Notwendigkeit, den Kauf- und Entscheidungsprozess auszudifferenzieren, durchgesetzt. Dort wird beispielsweise zwischen Latenz-, Explorations-, Abwäg-, Kauf- und Nachkaufphase unterschieden, um an den jeweiligen Kundenkontaktpunkten strikt kundenorientiert agieren zu können. Im B2B-Bereich gibt es Nachholbedarf – viele Firmen stehen noch in dem Lernprozess, dass sie darauf angewiesen sind, in Hinsicht auf die Entscheidungs- und Kaufprozesse der sensiblen Gruppe der Entscheider positive Erlebnisse zu kreieren.
Wobei die Aufgabe erschwert wird durch die Tatsache, dass die Unternehmen es im B2B-Bereich immer öfter mit komplexen Käuferteams zu tun haben. In diesen Käuferteams sitzen jeweils gleich mehrere Entscheider, deren zuweilen recht unterschiedliche Erwartungen gleichermassen Berücksichtigung finden müssen.