Man mag es mögen oder nicht: Der Vertrieb ist die wichtigste Einheit. Ein guter Vertrieb verkauft ein mittelmässiges Produkt exzellent – was nicht erstrebenswert ist, denn mittelmässige Produkte sind meist nicht vonnöten – während ein schlechter Vertrieb auch ein hervorragendes Produkt nur deutlich unter Wert verkaufen wird. Überdies setzt der Vertrieb dort an, wo das Wachstum entsteht, nämlich beim Umsatz, denn Wachstum beginnt oben: in der Unternehmensführung, im Kopf der Führenden und in den ersten Zeilen der Gewinn- und Verlustrechnung, den Erlösen. Die Bedeutung eines hervorragenden Vertriebs kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden und viele der Wachstumsprojekte, die wir mit unseren Klienten durchführen, entpuppen sich oft erst auf den zweiten Blick als Vertriebsaktivierungsprojekte. Selbst ein Turnaround-Projekt ist meist ein Vertriebsaktivierungsprojekt.
Eigenschaften des Vertriebs
Um den Vertrieb besser verstehen zu können, ist es erforderlich, einmal einen Schritt zurückzugehen und darauf zu achten, was den Reiz des Vertriebs ausmacht. Zunächst ist nicht etwa die Chance, viel Geld zu verdienen zu nennen, wie zahlreiche Untersuchungen in der Vergangenheit bestätigt haben, sondern das, was den Vertrieb als besonders reizvoll ausmacht, ist die hohe Flexibilität, das grosse Mass an Freiheit, mit Menschen zusammenzuarbeiten und immer neue Situationen zu erleben. Die materiellen Vorzüge im Vertrieb haben nachrangige Bedeutung für diejenigen Menschen, die sich für eine Karriere im Vertrieb entscheiden. Das mag nicht immer so sein, aber es ist häufig der Fall, dies stützen auch unsere Beobachtungen. Überdies sind erfolgreiche Vertriebsmitarbeiter häufig extrovertierte Charaktere, die darüber hinaus noch gewohnt sind, eine Alpha-Position einzunehmen. Dies macht es nicht unbedingt einfacher. Damit sind wir auch direkt bei einigen Eigenschaften des Vertriebs, über die es Klarheit zu erlangen gilt, will man den Vertrieb effektiver nutzen:
- Unabhängigkeitsstreben und Eigenkreativität
- Fähigkeit, zuzuhören und zu planen
- Zusammenarbeit und Schnittstellen
Unabhängigkeitsstreben und Eigenkreativität
Der Bedarf nach Unabhängigkeit und die hohe Eigenkreativität zeichnen die meisten Vertriebsorganisationen, die ich kenne, aus. Wie häufig hörte ich schon von führenden Vertriebsmanagern, dass sie ausserordentlich froh darüber seien, nur ein- bis zweimal im Monat in der Unternehmenszentrale sein zu müssen, um danach wieder in ihre Vertriebsregion fahren zu können. Das eigene «Fürstentum» wird häufig wesentlich höher geschätzt als die Unternehmenszentrale. Die damit einhergehende Gefahr liegt auf der Hand, denn die genannten Fürstentümer entziehen sich selbstverständlich gern jeglicher Standardisierungsbemühung und führen stattdessen ein Eigenleben, das nicht immer im Sinne der Gesamtorganisation sein muss. Um den Vertrieb hier gezielter einzubinden, ist ein schmaler Grat zwischen Unabhängigkeitsgewährung und dem legitimen Bedarf der Standardisierung zu gehen. Die Anbindung der Vertriebsgebiete an die Zentrale ist kritisch. Häufig hasst der Vertrieb jegliche Struktur. Dies korrespondiert ein wenig mit der bereits erwähnten Eigenkreativität. Die Planung ist nicht jedes Vertriebsmitarbeiters Sache – und dabei sprechen wir noch gar nicht von der wirtschaftlichen Planung, sondern von der Planung des täglichen Geschäfts zum Wohle der Effektivität. In vielen Vertriebsorganisationen wird zu sehr geduldet, dass der Vertrieb ein Eigenleben führt.