Strategie & Management

Aus- und Weiterbildung III

Selbstorganisiertes Lernen als Kompetenz entwickeln

Die Massnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie haben der Bildungsbranche stark zugesetzt und die Umstellung auf digitale Kommunikationskanäle beschleunigt. Die Erfahrung zeigt jedoch auch, dass das blosse Wechseln von analog auf digital nicht ausreicht. Vielmehr bleibt der Fokus auf Didaktik der entscheidende Erfolgsfaktor.
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In den letzten Monaten wurde die gesamte Bildung einem riesigen Veränderungsprozess unterworfen. Begriffe wie Fernunterricht, digitales Klassenzimmer und selbstorganisiertes Lernen dominierten die Themen in den Lehrerzimmern und Schulleitungen. Die meisten Schulen taten sich nicht allzu schwer, den Unterricht auf Fernunterricht um­zustellen. Aber reicht es denn, als digitale Transformation lediglich den Kommunikationskanal von analog auf digital umzustellen? 

Neue Lernangebote schaffen

Nein, denn allein durch diese Umstellung treten didaktische Schwächen noch mehr ans Tageslicht. Dies zum Vorteil der Studenten. Diese können ganz einfach wegklicken und brauchen den schlechten Unterricht nicht erst über sich ergehen zu lassen. Es ist aber auch keinesfalls so, dass digitale Technologien das Gelingen von Unterricht und Lernen bestimmen – aber im positiven Fall gelingt es, damit die Qualität zu verstärken. Durch den Druck der Pandemie wächst nun der Druck auf die Entwicklung neuer Lernformen. Allerdings wird dies nichts daran ändern, dass die Didaktik stets einen wichtigeren Part einnimmt als die Technik.

Im Campus Sursee fokussiert man momentan auf die Entwicklung von Angeboten in selbstorganisiertem Lernen (SOL). Dies soll dazu beitragen, dass die jungen Berufsleute weniger lang von ihren Arbeitsplätzen weggelockt werden und 
für die Studenten attraktive Bildungs- und Karrierewege bereitstehen, die organisierbar und finanzierbar sind. 

Das Bildungszentrum selber erwartet dadurch einen noch höheren Marktanteil, aber auch Partnerschaften mit marktbegleitenden Schulen, welche sich an der Technologie des Campus Sursee bedienen möchten. 

Zugegeben, die Mitarbeiter des Bauhauptgewerbes sind oft nicht die prä­destiniertesten Studenten, um selbstor­ganisiert zu lernen. Trotzdem gelang es, zusammen mit dem Aufbau einer interaktiven Lernplattform ein Angebot für Vorarbeiter und Poliere zu entwickeln, welches heute im Campus Sursee, aber auch in anderen Bildungsstätten als Lizenzpartner erfolgreich angewendet wird. Die Benchmarkzahlen an den eidgenössischen Prüfungen zeigen, dass Absolventen der Vorbereitungskurse im Campus Sursee mit SOL zu den erfolgreichsten Kandidaten gehören.

Selbstorganisiertes Lernen

Aber was bedeutet nun selbstorganisiert lernen? Zuerst muss mit dem Vorurteil aufgeräumt werden, dass SOL etwas mit digitaler Transformation zu tun haben könnte. Digitale Hilfsmittel können Methoden und Werkzeuge sein, um die Selbst­organisation der Studenten zu unterstützen. Erfolgreiche Systeme über­lassen dem Lernenden verschiedene Parameter, welche er selber beeinflussen kann und darf. So zum Beispiel:

  • Lernziele
  • Lernzeit
  • Lernort
  • Lerninhalte
  • Methoden und Werkzeuge
  • Lernweg
  • Lernquellen
  • Lernpartner
  • Ergebnisprüfung

Nur selten ist es möglich, dem Lernenden sämtliche Entscheide über alle Parameter zu überlassen. Bereitet das Lernan­gebot auf eine Berufs- oder höhere Fachprüfung vor, sind die Lernziele, welche überprüft werden, definiert. Trotzdem besteht auf der interaktiven Plattform des Campus Sursee in jedem Lernfeld die Möglichkeit, Kompetenzen zu erwerben, die weit über die Lernziele hinausgehen. 

Damit sollen alle Teilnehmenden an vorbereitenden Kursen die Möglichkeit haben, die eigenen Lernprozesse zu planen, zu überwachen und zu beurteilen, bis zur erfolgreichen Teilnahme an der Berufsprüfung oder höheren Fachprüfung.

Wachsender Stellenwert

Viele Studenten wären in den letzten Monaten froh gewesen, wenn sie bei der Organisation ihres Lernalltags bereits über diese Kompetenzen verfügt hätten. Im Campus Sursee wartet man gespannt auf die Auswirkungen von Lehrplan 21, in welchem das selbstorganisierte Lernen einen wichtigen Stellenwert einnimmt. Dies wird, so ist zu hoffen, grossen Einfluss auf die künftigen Teilnehmer der höheren Berufsbildung haben. Denn aktuell betreten Studenten mit dem Eintritt in einen Bildungsgang oft Neuland.

Allerdings ist selbstorganisiertes Lernen auf vielen Stufen noch immer sehr umstritten. «Die Lehrpersonen stehlen sich mit SOL aus der Verantwortung und überlassen damit die Studenten ihrem Schicksal. Schliesslich haben Lehrpersonen den Auftrag, Lehrinhalte verständlich aufzubereiten, methodisch reflektiert zu vermitteln und die Teilnehmenden eng zu begleiten», argumentieren die Kritiker.

Die Umsetzung 

Aus der Sicht des Campus Sursee kann aber Lernen gar nicht anders funktionieren als selbstgesteuert. Lernen ist ein kognitiver Konstruktionsprozess, den alle Teilnehmenden selber leisten müssen, und kann nicht als Output eines durch eine Lehrperson verursachten Inputs betrachtet werden. Die Studenten sollen in dieser Kompetenz gefördert werden und ihr Lernen selbstständig gestalten und dafür auch die Verantwortung übernehmen. 

Im Campus Sursee hat man in den letzten fünf Jahren bereits viele Erfahrungen mit selbstorganisiertem Lernen machen dürfen. Dies hat auch aufgezeigt, wie anspruchsvoll eben SOL für die Teilnehmenden ist und dass die Teilnehmenden sich diese Kompetenz erst aneignen müssen. 

Aus diesem Grunde ist das selbstorganisierte Lernen nicht in erster Linie eine Unterrichtsmethode, sondern eine Kompetenz, die zuerst erarbeitet werden muss. Es entspricht aber drei Grundbedürfnissen aller Studierenden nach Autonomie, neuen Kompetenzen und sozialer Interaktion. 

Dieser Wechsel zu selbstorganisiertem Lernen führt aber zu nachhaltigen Veränderungen am Schulsystem. In einem konventionellen Schulsystem orientiert sich das Lernverhalten am Rhythmus der notenrelevanten Prüfungen und das Auswendiglernen von Ausbildungsinhalten steht im Vordergrund.

Da alles auf die Prüfungsleistung am Tage X fokussiert, wird die Lernintensität unmittelbar vor den Prüfungen massiv erhöht. Im Campus Sursee wird der Lernprozess komplett neugestaltet. 

Nach der Erarbeitung des Wissens haben die Teilnehmenden verschiedene Möglichkeiten, ihr Wissen zu überprüfen. Der anfänglich entstandene Effekt, dass die Studenten versuchten, das Wissen mit dem Auswendiglernen der Kontrollfragen zu erarbeiten, ist unterdessen ver­flogen, denn die Studenten haben gelernt, dass am Ende der Ausbildung kein Wissen mehr abgefragt wird, sondern Kompetenzen dokumentiert werden müssen. In einer zweiten Lernphase werden die Teilnehmenden an die Anwendung des neuen Wissens herangeführt. Im Klassenverbund wird praxisnah geübt und trainiert. 

Mittels Praxisaufträgen dokumentieren die Teilnehmenden ihre neuen Kompetenzen während der anschliessenden Praxiszeit in den Unternehmungen in einer Werkschau auf unserer interaktiven Plattform und können auch die Dokumentationen ihrer Klassenkameraden einsehen und bewerten. Die Reflexion des eigenen Lernprozesses wird ebenfalls durch den Studenten dokumentiert.

 Die Präsentationen dieser Beiträge in den Werkschauen im Unterricht sowie Input-Referate von Spezialisten mit hoher Fachkompetenz bilden die Grundlage für die weiteren Ausbildungssequenzen. 

Die Praxis zeigt, dass selbstorganisiertes Lernen nicht nur positive Auswirkungen auf die Qualität des Lernverhaltens der Studenten hat, sondern sich auch positiv auf die Lernwirksamkeit auswirkt und zu besseren Leistungen an den Berufsprüfungen führt.

Ganzheitliche Kompetenzen

Nur eine ganzheitliche Kompetenzentwicklung kann den künftigen Bedürfnissen der Wirtschaft genügen. Eine Konzentration auf Fachkompetenzen, wie dies früher der Fall war, wird künftig für eine erfolgreiche Berufskarriere nicht reichen. Insbesondere Kompetenzen in Mathematik, Logik und Abstraktion werden für viele Jobs in den meisten Branchen an Bedeutung gewinnen. Die Bedeutung von Soft Skills nimmt zu, eFlexibilität und Mobilität ist gefordert, ebenso die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen. 

Um Teilnehmende nicht nur für heute, sondern auch für morgen und übermorgen fit zu machen, muss die Bereitschaft zu Veränderungen der Arbeitskräfte in den Ausbildungen geweckt werden. Deshalb hat die Digitalisierung massiven Einfluss auf Didaktik und Lerninhalte. Es wird nicht möglich sein, das Klassenzimmer vollständig in eine virtuelle Welt auszulagern. Doch die neuen technischen Möglichkeiten erlauben es, das Potenzial von individualisiertem Unterricht auszuschöpfen. 

Alle Aus- und Weiterbildungen müssen aber trotzdem berufsbefähigend sein. Die Ausbildungen dürfen nicht zu eng gefasst werden, müssen aber die Anschlussfähigkeit an die sich verändernden Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt sicherstellen.

Insgesamt zeigt sich, dass selbstorganisiertes Lernen, ohne dass die Institution und die Ausbildungscoaches grosse Anstrengungen unternehmen, kaum dazu führt, dass auch mehr und besser gelernt wird. Es müssen Lernumgebungen geschaffen werden, die eine Eigenaktivität der Teilnehmenden und eine Selbstregulierung ihres Lernens zulassen und fördern. Es bleibt ein Mass an Gefahr, dass es aufgrund von Überforderung zum Abbruch von Selbstorganisationsprozessen kommt, weil die Kompetenz zur Selbstorganisation des Lernens (noch) nicht ausreichend vorhanden ist.

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