In der Ausgabe 10/2016 des «KMU-Magazin» (Seite 14) hat der Verfasser in seinem Fachartikel argumentiert, die Digitalisierung werde zunehmend auf Eigenverantwortung aller – statt auf formale Hierarchie – setzen müssen, und in der Ausgabe 11/2016 (Seite 86) gezeigt, was es heisst, dass die Übernahme von Eigenverantwortung eine minimale Reife der persönlichen Handlungslogik aller Beteiligten voraussetzt. Wer diesen beiden Argumentationen folgt und sich fragt, wie denn der Weg hin zu einer hierarchiefreien Organisation in einem KMU aussehen könnte, findet hier eine knappe Skizze zum Vorgehen in elf Schritten.
1. Apriori-Entscheid
Auf der Stufe des Eigners beziehungsweise des CEO muss ein Grundsatzentscheid getroffen werden, wonach die Organisation a priori beschliesst, nicht mehr auf formale Hierarchie als leitendes Organisationsprinzip zu setzen, sondern auf die Eigenverantwortung aller in einer netzwerkbasierten Unternehmung. Dass dieser Entscheid hierarchisch, top-down, eigentlich autoritär erfolgt, ist zwar paradox, aber unvermeidlich (die verfassungsgebende Versammlung einer zu gründenden Demokratie ist auch nicht demokratisch legitimiert). Das Motiv für diese unternehmerische Entscheidung sollte in der Überzeugung begründet liegen, dass die Chancen der Digitalisierung nur dann voll ausgeschöpft werden können, wenn eine Organisation maximal agil ist – und dass dies mit der Starrheit und Trägheit von formaler Hierarchie nicht vereinbar ist.
2. Sinn
Es muss explizit geklärt werden, worin der Sinn der Unternehmung besteht. Dieser Sinn muss nachvollziehbar sowie potenziell handlungs- und entscheidungsleitend sein. Dabei darf es sich bei der Ausformulierung dieses Sinns nicht um eines dieser vielen wohlklingenden, aber dennoch nichtssagenden Vision/Mission-Statements handeln, welche heute üblich und meist völlig überflüssig sind. Und die Formulierung des Sinns muss von denen, welche in Schritt 1 den Apriori-Entscheid getroffen haben, bedingungslos ernst gemeint sein. Und: Weder Wachstum noch Gewinn können Teil des Sinns sein – sie sind bestenfalls die Folge seiner erfolgreichen Realisierung.
3. End-to-end-Prozesse
Nun sind – immer von der Sicht des Kunden her gedacht, also «end to end» – die Kernprozesse des Unternehmens zu definieren. Dazu können nur Prozesse gehören, die tatsächlich und unmittelbar Kundenmehrwert generieren. Alles andere sind Hilfsprozesse, die es ebenfalls zu definieren, vor allem aber radikal zu hinterfragen gilt: Braucht es sie wirklich oder sind sie nur Gewohnheit? Dies gilt typischerweise etwa für Funktionen im HR oder im Controlling.
4. Rollenklärung
Für jeden Prozess sind die Aufgaben als Tätigkeitsbeschreibungen, welche zu seiner Realisierung erforderlich sind, mit den entsprechenden Befugnissen zu formulieren. Diese Beschreibungen der Tätigkeiten sind als Rollen zu denken. Dahinter sei also nicht eine «Stelle» gedacht. Diese Rollen sind als Arbeitsschritte und/oder durch ein Ergebnis definierte Funktionen zu verstehen. Es dürfte eher die Regel als die Ausnahme sein, dass sich in einer Stelle – respektive bei einer Person – mehrere Rollen wiederfinden und nicht nur eine (was, siehe Punkt 11, künftig auch für Führung gilt).
5. Funktionale Abhängigkeiten
In manchen Fällen sind einzelne Rollen nicht unabhängig von anderen. Es ist daher das Netzwerk der funktionalen Abhängigkeiten zu beschreiben. Abhängigkeiten können zeitlicher Art sein (etwas muss vor etwas Anderem gemacht sein) und sie können logischer Art sein (indem die Art, wie etwas gemacht wird, prädestiniert, wie etwas Anderes zu machen ist). Diese Abhängigkeiten müssen vor dem und im Hinblick auf den nächsten Schritt geklärt werden.
6. Ganzheitliche Aufgaben
Die Gesamtheit der Rollen in Bezug auf die Kernprozesse ist nun zu clustern, um in sich möglichst geschlossene Aufgabeneinheiten zu schaffen, die mit ihrem Umfeld durch klar zu definierende Input-/Output-Grössen verbunden sind. Es sind hier die strukturellen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass später ein Team in Eigenverantwortung eine Aufgabe übernehmen kann. Dies kann nicht gelingen, wenn zu viele und zu schlecht definierte und beeinflussbare Abhängigkeiten zu anderen Bereichen existieren.