Strategie & Management

Nachfolgeregelung

Nur noch eine Frage des richtigen Zeitpunkts

Markus Flühmann ist seinem Wunsch der familieninternen Nachfolgeregelung ein grosses Stück näher gekommen: Nach einer dreijährigen «CEO-Lehre» in der Flühmann AG hat sich Simone Ruckli entschieden, das Lebenswerk ihres Vaters in den nächsten fünf Jahren zu übernehmen.
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Die Nachfolgebereitschaft der jungen Unternehmergeneration schwindet mit dem wachsenden Angebot alternativer Karrierechancen ausserhalb des Familienbetriebs. So übergeben rund 50 Prozent der Schweizer KMU ihr Geschäft in die Hände externer Führungskräfte. Markus Flühmann kann sich zu jenen zählen, die ihre Nachfolge noch familienintern regeln können. Ein Freipass wurde ihm dennoch nicht einfach so erteilt. Eine dreijährige «CEO-Lehre» solle Simone Ruckli ermöglichen, eine Entscheidung zu treffen und in die Rolle der angehenden Geschäftsführerin zu wachsen. Das «KMU-Magazin» hat sie auf diesem Weg begleitet (siehe auch Ausgabe 2/12, Seite 10 und Ausgabe 8/12, Seite 24).

Nun ist die Ausbildungszeit vorbei und Simone Ruckli fühlt sich gewappnet, in den nächsten Jahren den Balanceakt zwischen Firma, eigenen Wertvorstellungen und Kinderwunsch zu meistern. Ihren eigenen Führungsstil muss sie dabei noch erproben. Ihre persönliche Note konnte sie im Unternehmen jedoch bereits einbringen. Als Vertreterin der Social-Media-Generation hat Ruckli im Onlinebereich einiges umgekrempelt. Der Weg zum papierlosen Büro ist ein Ziel, das die künftige Jungunternehmerin ins Auge fassen will.

2010 startete Simone Ruckli die CEO-Ausbildung in der Flühmann AG. Zwar arbeitete sie schon vorher im selben Haus beim Fähren-Vermittler Cruise & Ferry Center, «wie die Mitarbeiter reagieren würden, wenn plötzlich die Tochter des Chefs im Team steht, war allerdings eine gros­se Unbekannte», blickt Flühmann zurück. Erstaunlich schnell habe sie sich jedoch eingelebt. Als Kundenberaterin tätig, fühlt sich Simone Ruckli mittlerweile als vollwertiges Teammitglied akzeptiert. «Eine Herausforderung war für mich eher die Umstellung von einer Führungsposition bei Cruise & Ferry zur Rolle der neuen Mitarbeiterin bei der Flühmann AG. Ich musste lernen, mich zurückzunehmen. Diese Entschleunigung war am Anfang schwierig», gibt Ruckli zu. Im Tagesgeschäft sei sie in der Zwischenzeit sattelfest. Einzig die physischen Ressourcen machen ihr noch zu schaffen: «Am fremdesten sind mir noch die vielen Gebäude mit Anlagen und Installationen. Davor schrecke ich am meisten zurück. Und vor der Mehrwertsteuerabrechnung», ergänzt Ruckli lachend. Dabei gäbe es Dinge, auf die sie niemand vorbereiten kann. Diese lerne sie im Verlauf der Zeit. Darum versucht sie in der Übergangsphase noch so viel wie möglich von ihrem Vater abzuschauen respektive zu reflektieren.

Umgekehrt profitiert auch der erfahrene CEO-Lehrmeister vom Wissensdurst seiner Tochter. «Durch die Zusammenarbeit mit Simone wurde mir konstant ein gros­ser Spiegel hingehalten. In den letzten drei Jahren konnten wir enorm viel von der Generation iPad lernen, zu der Simone gehört», erklärt Flühmann. «Du meinst Digital Natives», ergänzt Ruckli. Als «Digital Immigrants» hätten Flühmann und der langjährige Leiter für Marketing und Verkauf Daniel Montani zu grosse Berührungsängste vor den sozialen Netzwerken gehabt. «Ein Manko, das Simone hervorragend abdeckt.» Ruckli behob «die kosmetischen Schwachstellen», indem sie die Website umkrempelte. «Das Unternehmen hatte die Prioritäten anders gewichtet. Der Onlinebereich entwickelt sich extrem schnell. Es ist wichtig, dort am Ball zu bleiben.» Dabei gehe es nicht darum, über soziale Netzwerke wie Facebook neue Kunden zu generieren. Dafür sei ihr Produkt nicht geeignet. «Da wir Online-Shop-Lösungen anbieten, ist es aber wichtig, dass wir diese Entwicklung mitverfolgen und präsent sind, damit wir nicht am Social-Media-Trend vorbeikonzipieren. Zusätzlich wollen wir die Hemmschwelle gegenüber Logistik- und Outsourcingthemen abbauen, indem wir Facebook als informative Plattform nutzen.»

Anfangs skeptisch, liess sich Flühmann von den Plänen seiner Tochter überzeugen. «Schliesslich liegt unser unternehmerischer Erfolg in der Weiterentwicklung», begründet Flühmann seine Offenheit gegenüber Rucklis neuen Projekten. Gleichzeitig findet es Ruckli eine spannende Herausforderung, etwas Bestehendes mit Überzeugung weiterzuführen. Bereits vor Rucklis Eintritt in die Firma wurde Wert darauf gelegt, Abläufe elektronisch abzuwickeln. «Dies ist extrem wichtig für das Gerüst einer Firma. Würde das fehlen, wüsste ich nicht, ob ich mich für eine Übernahme entschieden hätte.» So werden jetzt schon 98 Prozent der Bestellungen online aufgegeben. Zudem steht ein Refresh des B2B-Shops auf dem Programm und im Mobilebereich sind bereits erste Diskussionen über eine Bestell-App für Druckmaterial im Gange. «Ich habe nicht vor, mich in ein gemachtes Nest zu setzen. Ein papierloses Büro ist mein erstes Ziel.»

Familiengedanke weiterführen

Noch kann sich die 27-Jährige eher mit der Rolle der «Kundenbetreuerin mit Benefits» identifizieren als mit der Rolle der Geschäftsführerin. «Ich bin zu 70 bis 90 Prozent im Tagesgeschäft involviert und habe so die Freiheit, mir Zeit zu nehmen, um potenzielle Kunden zu treffen, Vorträge zu besuchen oder ein Netzwerk ausserhalb der Reisebranche, wo bereits viele Kontakte bestehen, aufzubauen.» Dennoch hat Ruckli erste Vorstellungen über ihren Führungsstil, der vom Vater abweichen würde. Den Leitgedanken der Transparenz und Nachhaltigkeit wolle sie weiterhin beibehalten. «Unter Nachhaltigkeit verstehe ich einerseits die langjährige Kundenpflege, aber auch die Nachhaltigkeit im Firmenaufbau. Das Unternehmen ist organisch und gesund gewachsen. Darin liegt sein Erfolg», erläutert Ruckli.

In einer nächsten Etappe sollen die Kompetenzen zusammen mit Daniel Montani neu definiert und ein Zeitplan erstellt werden. So möchte sich Flühmann nach und nach aus dem operativen Geschehen zurückziehen. Die grosse Unbekannte sei jetzt noch der Zeitpunkt der definitiven Übergabe. Diese könne im Verlauf der nächsten drei bis sieben Jahre erfolgen. Ein grosser Vorteil sei dabei die Flexibilität, denn eine ausschlaggebende Komponente im Timing stellt die Familienplanung von Ruckli dar.

Übernehmen heisst auch übergeben. Gros­se Mühe hätte Markus Flühmann, der in den letzten 20 Jahren seine gleichnamige Firma zu einem erfolgreichen Logistikunternehmen vorangetrieben hat, damit nicht. «Ich habe gelernt, privat vom Geschehen im Betrieb abzuschalten. Zudem läuft die Nachfolgeregelung in einer Art und Weise ab, die mir passt. Ich bin überzeugt, das Unternehmen bei meiner Tochter in guten Händen zu wissen.» «

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