In der Informationstechnologie gibt es den scherzhaft gemeinten Satz: «Never change a running system», dem die Annahme zugrundeliegt, dass jegliche Veränderung eines fertig gewordenen IT-Systems Wechselwirkungen zur Folge hat, deren Beherrschung sich der menschlichen Intelligenz entzieht oder die zumindest eine hohe Korrekturmühe erfordern. Ist dieser Satz unter IT-Fachleuten noch wirklich scherzhaft gemeint, denn jene Fachleute wissen ja, dass irgendwann ein Update oder Upgrade ansteht und man damit auch ausgezeichnet verdienen kann, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass «Never change a running system» in manch anderen Branchen nicht mehr scherzhaft verwendet, sondern fast schon zum Dogma erhoben wird. Das Funktionierende, Bestehende wird als erhaltungswürdig eingestuft, koste es, was es wolle.
Warum auch die vermeintlich funktionierenden Systeme auf den Prüfstand gehören
«Kostet?» Halt: Es kostet ja gar nichts, nichts zu verändern, und das ist das Charmante. Ein Verfahren, das nicht verändert wird, weil die Veränderung Seiten- sowie Wechselwirkungen zur Folge hätte, kostet ja eben meist nicht mehr, als die Veränderung herbeizuführen. Eine neue Art und Weise der Kundenbedienung mühsam einführen? Wozu? Kunden kommen, werden bedient, fertig. Wir könnten hier beliebig fortsetzen und kommen im weiteren Verlauf auch noch zu Beispielen.
Festzustellen ist aber zunächst einmal, dass eine Veränderung, derer man sich annehmen müsste, um beispielsweise ein neues Leistungsniveau zu erreichen, vermutlich mehr direkte Kosten verursacht, als entstehen würden, wenn der Status quo einfach fortgeschrieben werden würde. Die Opportunitätskosten zu berechnen birgt Interpretationspotenzial sowie Unwägbarkeiten, darüber wird man sich im Zweifelsfall nicht einig und Zeit erfordert es auch. Zudem: Kunden kaufen ja, siehe oben. Ob mit einer Veränderung mehr Kunden auch mehr kaufen oder mehr bezahlen? Äusserst fraglich. Warum also das funktionierende System verändern?
Sehr einfach: Weil das funktionierende System vielleicht inzwischen völlig aus der Zeit gefallen ist, man dies bisher aber nicht bemerkt hat, weil es sich um einen schleichenden Prozess handelt, an dem man täglich teilnimmt. Es sind keine «Stufen» erkennbar, die einem sofort vor Augen führen, dass ein Prozess veraltet, ein Gebäude nicht mehr «up-to-date», ein Produkt oder eine Dienstleistung unterdessen unzeitgemäss, die Art und Weise der Kundenansprache überholt ist und darum einer Erneuerung bedarf. Häufig tritt die Erkenntnis erst ein, wenn man die Unterschiede direkt vor Augen geführt bekommt. Ebenso häufig ist es für die Erkenntnis dann schon sehr spät, nicht selten zu spät, um noch zu reagieren, denn wir wissen alle, dass die Wirkung einer Veränderung, selbst wenn man diese unverzüglich vornimmt, fast immer verzögert eintritt.
Wachstumsbremse Lethargie
In vielen Branchen haben sich tradierte Muster etabliert, an welche sich fast alle Marktteilnehmer, vor allem die führenden, halten, die aber dazu führen, dass eine hohe Lethargie eintritt, um nicht von Selbstzufriedenheit oder gar Selbstgefälligkeit zu sprechen. Ein Beispiel aus unserer Beratungspraxis: Der Sprecher der Geschäftsführung eines führenden Grosshandelsunternehmens seiner Branche kam auf uns zu mit der Bitte, dass wir uns gemeinsam um die Aktivierung seines Vertriebs kümmern mögen. Der Geschäftsführer hatte die Beobachtung gemacht, dass sich eben jene oben zitierte Selbstzufriedenheit eingestellt hatte, gepaart mit einer Vertriebsweise, welche die immer gleichen Produkte auf die immer gleiche Art und Weise bei den Kunden, in diesem Fall Handwerksbetrieben, anbot.