Autokäufer informieren sich zunehmend im Internet, 82 Prozent wollen aber auf die Probefahrt und damit den Besuch beim Händler vor der finalen Kaufentscheidung nicht verzichten. Dies ergab eine Branchenstudie mit dem Titel «Innovating Automotive Retail» der Unternehmensberatung McKinsey & Company. Für die internationale Vergleichsstudie wurden mehr als 4500 Autokäufer in Deutschland, Grossbritannien, Italien, China und den USA befragt. Mehr als 80 Prozent der Neuwagenkäufer und fast 100 Prozent der Gebrauchtwagenkäufer würden ihre Überlegungen zum Kauf eines Fahrzeuges online beginnen, heisst es in der Studie. «Während der Kunde früher fünf Mal ins Autohaus kam, bevor er sich für ein Fahrzeug entschied, ist es heute oftmals nur noch ein Besuch.» Ausserdem kommen die Kunden schon sehr viel besser informiert zu den Händlern.
Zusatzleistungen gefragt
Dennoch macht es für 41 Prozent der Befragten einen grossen Unterschied, ob der Verkäufer Erfahrung hat. Der klassische Autohandel hat also auch in Zukunft eine Chance, so das Ergebnis der Umfrage. So bietet der Bau von Testfahrt-Centern eine Möglichkeit, Kunden anzuziehen. Mit einer breiten Palette für Probefahrten verfügbarer Wagen lässt sich die Bedeutung des stationären Handels untermauern. Eine andere Möglichkeit sind sogenannte Superstores, in denen eine hohe Anzahl verschieden ausgestatteter Modelle und Varianten für den Spontankauf ohne Lieferzeit bereitstehen. In den Auto-Centern von Kenny Eichenberger wird diese Philosophie schon seit Jahren praktiziert. Kenny Eichenberger: «Wir gehen grosszügig mit Probefahrten um und haben im Auto-Center zahlreiche Modelle, die sofort gekauft werden können. Das passiert auch immer öfter. Der Kunde kommt informierter zu uns und kann sich so schneller entscheiden. Das hängt aber ganz von der jeweiligen Person ab. Überhaupt lassen sich die Kunden heute immer weniger in Kategorien einteilen. Das ist aber kein Problem für uns. Denn bei Kenny’s wird jeder Kunde und jede Kundin in seiner oder ihrer Persönlichkeit wahrgenommen. Das machen wir nicht erst heute – das ist mein Erfolgsrezept in meiner 40-jährigen Erfahrung als Autohändler.»
Der Faktor Mensch
Eine andere Studie aus Deutschland bestätigt sein Konzept. Laut einem Test der Zeitschrift «Auto Motor und Sport» wird in Deutschland die Beratungsqualität bei Autohändlern immer schlechter. Das Ergebnis des Beratungsunternehmens Concertare: Die Händler sind nicht schlecht ausgebildet, sondern oft schlicht unmotiviert. Das Internet habe den Autohändler, die Familie und Bekannte mittlerweile als Informationsquelle abgelöst. Dies sei ein Weckruf für die Autohändler. Sie müssen den Mensch wieder stärker in den Mittelpunkt rücken. Dies ginge nur mit einer verbesserten Beratungsqualität, motivierten Mitarbeitern und dem offensiven Bewerben von Probefahrten. Denn dies sei inzwischen das einzige Alleinstellungsmerkmal des Händlers geworden. Auch eine Studie des Beratungsunternehmens Roland-Berger zeigt, wie wichtig der Faktor Mensch im Autohandel ist. Sie ergab, dass 56 Prozent der Menschen lieber zum Zahnarzt gehen, als mit einem Autohändler zu verhandeln. Zwar spielen Faktoren wie Grösse den Ketten unter den Autohäusern in die Hände, wichtiger ist den Käufern jedoch Transparenz und Ehrlichkeit. Eine Chance für jeden Familienbetrieb. 87 Prozent wünschen sich vom Verkäufer, dass er offen auf Nachteile am Produkt hinweist. Dicht gefolgt von der Verbindlichkeit, denn bereits getroffene Zusagen sollen eingehalten werden. Zu diesem Schluss kommt das Magazin «Auto Bild», das 2015 schon zum zweiten Mal den besten Autohändler Deutschlands gesucht hat.
Mit Liebeserklärungen
Dabei ist es erstaunlich, wie sich die Rezepte für erfolgreichen Autohandel ähneln – und dies seit Jahrzehnten. Joe Girard ist laut dem Guinnessbuch der Rekorde der weltbeste Autoverkäufer. Er verkaufte bis zu 174 Fahrzeuge in einer Woche, in 15 Jahren 13 001 Neuwagen. Zu seinem Erfolgskonzept gehörte, dass er jeden Monat Tausende von Grusskarten an seine Kunden verschickte. «Ich bin im Armenviertel von Detroit aufgewachsen. Im Jahr 1963, als ich 35 Jahre alt war, habe ich angefangen, Autos zu verkau-fen. Ich hatte meinen Job verloren, keine Ersparnisse und eine Menge Schulden. Meine Frau sagte mir, dass nicht genügend Lebensmittel im Hause waren, um unseren Kindern zu essen zu geben. Ich flehte einen Autohändler um die Ecke an, mir nur einen Schreibtisch und ein Telefon zur Verfügung zu stellen, und ich versprach, den anderen keine Kunden abspenstig zu machen. Anfangs wählte ich mir an einem Wählscheibentelefon die Finger wund. Eines Abends, als alle anderen schon weg waren, kam ein Kunde zur Tür herein. Ich fiel buchstäblich vor dem Kunden auf die Knie und bettelte – und verkaufte so mein erstes Auto. Der Kunde sagte, er habe im Laufe der Jahre viele Versicherungen, Häuser und Autos gekauft. Aber nie hatte er jemanden so bitten sehen. Danach liess ich mir zehn Dollar meiner Provision von meinem Boss als Vorschuss geben und kaufte Lebensmittel für meine Familie.»