Eine Vielzahl kritischer Ereignisse in im Grunde gut organisierten und international ausgerichteten Unternehmungen und Organisationen haben in letzter Zeit aufgezeigt, dass der Risikomanagement-Prozess nicht integriert oft ungenügend strukturiert ist. Der integrierende Ansatz kommt heute auch im häufig angestrebten «Governance, Risk & Compliance»-Ansatz (GRC) vieler Unternehmungen zum Tragen. Mit diesem Ansatz wird versucht, die verwandten Gebiete allumfassend anzugehen.
Blick in die Praxis
Ein jüngstes und schockierendes Beispiel eines nicht integrierten Risikomanagement-Ansatzes lieferte BP/Transocean. Am Anfang der Bohrloch-Katastrophe stand wahrscheinlich ein Risikomanagement, das nicht mit der nötigen Gründlichkeit und Tiefe in den Geschäftsprozessen der BP/Transocean integriert war. Das Risiko eines grössten anzunehmenden Unfalls auf einer Ölplattform, die in der Tiefsee Bohrungen vorantreibt, ist eigentlich auch einem Laien klar. Unklar ist, warum ein solches Risiko nicht durch getestete und funktionierende Notfallpläne verringert wurde. Eine Möglichkeit könnte darin liegen, dass die Entwicklung technischer Risiken schneller voranschreitet, als die Risikobeurteilung innerhalb der Organisation sie erfassen kann. Technik und Tiefe von Tiefseebohrungen haben sich in den vergangenen drei Jahrzehnten rasant entwickelt – und dementsprechend auch die Risiken. Auf jeden Fall zeigt das Beispiel BP/Transocean, was nicht integriertes Risikomanagement bewirken kann. Nicht funktionierende Notfallpläne, schlechte Krisenkommunikation und öffentlich sichtbare Hilflosigkeit führten zu Vernichtung von Aktionärsvermögen in Milliardenhöhe und Gefährdung der gesamten Unternehmung. Der Fall BP/Transocean unterscheidet sich jedoch zu dem der Finanzkrise. Letztere wurde wesentlich durch intransparente Systemdynamiken in einer gesamten Branche genährt. Die Bohrloch-Katastrophe lag aber in der Verantwortung einer einzelnen Organisation – und somit auch das Fehlverhalten der Mitarbeiter, welche die offensichtlichen Warnzeichen der technischen Anlagen ignorierten oder die kommunizierten Warnsignale auf entsprechender Stufe nicht wahrnahmen, respektive ignorierten.
Auch im Fall UBS hat ein nicht integriertes und und modellgläubiges Risikomanagement zum Milliardenausfall geführt (14. Oktober 2010, 11:49, NZZ Online): Der zu starke Glaube an statistische Modelle der Rating-Agenturen habe «den Blick auf fundamentale Risiken in den USA verstellt». Dazu kamen Fehler bei der Risikokontrolle und -koordination. So habe es in der Bank keine Übersicht über die Konzentration der Risiken gegeben.
Die Kernherausforderungen
Für das Integrierte Risk Management zeigen diese neben vielen vergangenen Katastrophen wieder einmal auf, wo die Kernherausforderungen liegen: Nämlich in der Zusammenführung von Risk-Management-Fachthemen mit internationalen Standards, rechtlichen Aspekten, Corporate Governance mit den bestimmenden Faktoren der jeweiligen Unternehmenskultur und den Unternehmensprozessen.
Hervor sticht beim Studium bestehender Risikomanagement-Modelle, dass eine praxisorientierte Variante fehlt, welche die Umsetzung von Risikomanagement in einer Organisation erleichtert und den Anwendern eine integrierte Lösung anbietet. Die verfügbaren Standards sind teilweise sehr generisch und wenig praxisorientiert. Ein Risikomanagement-Modell, das die Bedürfnisse nach Integration, Wertsteigerung und Anwenderfreundlichkeit erfüllt, wurde in einer Arbeitsgruppe als «Luzerner Risikomanagement-Modell» erarbeitet. Darauf wird später eingegangen.
