Strategie & Management

Generationenwechsel

Mit einer Fokusstrategie in die Zukunft

Die Zürcher Firma Wohnbedarf feiert ihr 80-Jahre-Jubiläum. Vor drei Jahren haben Felix H. und Barbara Messmer das Traditionshaus übernommen und einen Generationenwechsel eingeläutet, welcher Tradition und Moderne verbinden soll.
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«Eine Lektion in Tradition», titelte unlängst die renommierte Schweizer Architekturzeitschrift Hochparterre zum Thema Wohnbedarf. Das Zürcher Unternehmen feiert dieses Jahr ihr 80-jähriges Bestehen. Wohnbedarf wurde 1931 von Sigfried Gideon, Werner Max Moser und Rudolf Graber gegründet. Angetrieben vom Willen, dem Publikum eine Auswahl praktischer und formal einwandfreier Möbel, Stoffe, Lampen und Weiteres zu bieten. Die Gründerväter entschieden sich trotz damals schwierigen Zeiten dafür, diesen Schritt zu wagen. Das Unternehmen bot an, was andere nicht im Sortiment hatten: Möbel, die den Aufbruch in die Moderne ausstatten sollten. Das erste Geschäft wurde an der Claridenstrasse 47 in Zürich eröffnet und vom Architekten Ernst F. Burckhardt gestaltet. Das Logo kreierte der bekannte Schweizer Künstler und Architekt Max Bill. Zwei Jahre später zog das Geschäft an die Talstrasse, wo es auch heute noch beheimatet ist.

Design und Architektur

Für die Gestaltung des Ladens war der bekannte Architekt Marcel Breuer zuständig, der auch für den Umbau zum 25-Jahre-Jubiläum 1956 zuständig war – Architekt Anton Bee stand ihm zur Seite.

Bereits 1947 entstand der Kontakt zwischen Wohnbedarf und der Hans G. Knoll Associates Inc. in New York. So erhielt Wohnbedarf die Schweizer Lizenz für die Wohnmöbel von Knoll International. Zeitgleich begann auch die Zusammenarbeit mit dem Maler und Grafiker Richard Paul Lohse, welcher diverse Prospekte und Inserate für Wohnbedarf gestaltete. Es folgten Kooperationen mit Le Corbusier, Pierre Jeanneret, Max Bill und weiteren namhaften Designern und Architekten dieser Zeit.

1958 kamen die Büromöbel von Knoll International dazu. Hierfür gründete Wohnbedarf dann eine Engrosabteilung, welche unter der Leitung von Kurt Ochsner die Knoll Büromöbel an die Schweizer Normen adaptierte. Acht Jahre später erhielt die Engrosabteilung eine eigene Identität – «wb form». Es entstand bereits nach kurzer Zeit eine eigene Kollektion «wb form collection», die auch international vertrieben wurde.

1988 kaufte Toni Wicki die Wohnbedarf AG. Und in den 90er-Jahren produzierte Wohnbedarf Zürich diverse Reeditionen von längst vergriffenen Schweizer Möbeltypen. So wurden Modelle von Alvar Aalto, Battista und Gino Giudici, Max Bill und weitere wieder aufgenommen. 2006 konnte Wohnbedarf sein 75-jähriges Jubiläum feiern. Dazu wurden spezielle Limited Editions auf den Markt gebracht. Zwei Jahre nach dem Jubiläum, 2008, übernahm Felix H. Messmer das Unternehmen von Toni Wicki, dieser ist weiterhin im Verwaltungsrat.

Emotionale Bindung

Wohnbedarf ist zu einem Familienunternehmen geworden. Während Felix H. Messmer für die Geschäftsführung zuständig ist, sitzt seine Frau Barbara im Verwaltungsrat und baut für wb form eigene Möbelkollektionen auf. «Wir sind daran, unsere Felder abzustecken, das ist wichtig, wenn zwei Alphatiere miteinander unterwegs sind», sagt sie. Und ihr Mann ergänzt: «Die Firma gehört uns beiden zusammen.»

Felix H. Messmer hatte schon immer mit Bauzulieferung zu tun. «Einst beim Küchengerätehersteller Bosch-Siemens-Gaggenau, zuvor als Geschäftsleiter einer Leuchtenfirma.» Seine Frau ist studierte Betriebswirtin und hat in Geschäftsleitungen von Konzernen, die Konsumgüter und Luxus verkaufen, gearbeitet, z.B. bei Estée Lauder. «Dort habe ich die Werkzeuge des Marketings und Verkaufs zu bedienen gelernt. Das unterstützt uns nun bei der Weiterentwicklung von Wohnbedarf als Marke», erklärt sie. Als Stadtzürcher ist Felix H. Messmer schon als Jugendlicher mit Wohnbedarf in Kontakt gekommen. «Wir haben das Geschäft als Orientierungspunkt genutzt und später habe ich auch Möbel gekauft», sagt er. Als er 2007 angefragt wurde, ob er das Traditionshaus übernehmen wolle, habe er nicht lange überlegen müssen. «Die emotionale Bindung war sofort da.»

Rundum-Service

Die Firma mit ihrer spannenden Entstehungsgeschichte sei eine Institution im Wirtschaftsraum Zürich, die mehr verkaufe als nur Möbelstücke, so Messmer. «Es geht um Ästhetik und Emotionen, denn Möbel sind Teil des täglichen Lebens und mit Erinnerungen verknüpft.» Aber natürlich handle es sich bei Wohnbedarf auch um ein wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen, das sich im Wettbewerbsumfeld positionieren muss. «Die Struktur mit den Geschäftsfeldern Privat-, Geschäftskunden und Dienstleistungen bietet noch sehr viel Potenzial für den Ausbau der Geschäftstätigkeit», betont er.

Heute habe sich Wohnbedarf in zwei Bereichen etabliert. Einerseits bietet die Firma Privatpersonen vom einzelnen Möbelstück bis zur Gesamteinrichtung einen Rundum-Service an. Andererseits übernimmt Wohnbedarf für Firmenkunden das gesamte Projektmanagement, wenn es um Raumkonzepte und um die Einrichtung von Arbeitsplätzen geht. So geschehen zum Beispiel im Bürogebäude «Platform» beim Zürcher Bahnhof Hardbrücke, welches als horizontales Gegenstück zum «Prime Tower» bezeichnet wird. Dort möblierte Wohnbedarf rund 900 Büroarbeitsplätze für die Beratungsfirma «Ernst & Young» ein. Einen Monat lang lieferten täglich drei volle Lastwagen Pulte und Regale an.

Aber wie es so schön heisst: Man sollte sich nie auf den Lorbeeren ausruhen. Felix H. und Barbara Messmer haben sich zum Ziel gesetzt, das Unternehmen für das nächste Jahrzehnt fit zu machen. Prozesse und Strukturen wurden modernisiert und an die Kundenbedürfnisse angepasst.

Fokusstrategie

Die Firma ist schlank aufgestellt und hat kurze Entscheidungswege. «Die hohe Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Zürich bringt es mit sich, dass wir immer mehr mit internationalen Firmen zu tun haben, die ihr Sourcing im Ausland haben», ergänzt Messmer. «Hierauf haben wir uns eingestellt und bauen das Netzwerk aus.» Zudem habe Wohnbedarf die Generalvertretung für verschiedene Marken in der Schweiz übernommen, welche nun exklusiv angeboten werden könnten. Die Firma verfolgt eine «Fokusstrategie», wie Barbara Messmer sagt. «Wir konzentrieren uns auf starke Marken und Designklassiker und bearbeiten damit gezielt unsere Kundensegmente.» Zu der Strategie gehöre die Wiedergeburt von wb form, welche in aller Konsequenz umgesetzt werden soll, ohne dass das bisherige Hauptgeschäft darunter leide.

Selektive Distribution

Dieses Jahr liess Wohnbedarf bereits stark limitierte Auflagen der bekannten Moser Sessel Modell 1434/35 und 1436 neu aufleben. Im September wurde zudem eine Reedition der Max-Bill-Möbelkollektion lanciert. Der Schweizer Künstler kreierte für Wohnbedarf diverse Möbel, die auch international grosse Beachtung fanden und bis heute begehrte Klassiker sind. Nun werden sie neu aufgelegt. Wohnbedarf hat die weltweiten und exklusiven Produktions- und Vertriebsrechte der Max-Bill-Möbel erworben. «Damit haben wir auch die Pflicht übernommen, alle sieben Möbelentwürfe von Max Bill herauszugeben», sagt Barbara Messmer. «Wir mussten uns gegen andere Mitbewerber durchsetzen.» Nach dem Entscheid ging es darum, geeignete Möbelproduzenten zu finden. «Es bewarben sich Hersteller aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.» Sie fertigten Prototypen und mussten nachweisen, dass sie auch eine grössere Serie qualitativ gut produzieren können – natürlich auch zu marktfähigen Preisen. Diese liegen von 240 Franken für den Ulmer-Hocker bis zu knapp 4 000 Franken für den Quadratrundtisch.

Geplant ist, dass die Reedition der Max-Bill- Möbelkollektion über Handelspartner im ganzen deutschsprachigen Raum vertrieben wird. «Die Distribution wird selektiv sein», erklärt Barbara Messmer. Interesse werde auch aus Japan, den USA und Skandinavien signalisiert. «Wir können uns vorstellen, überall hinzugehen, wo Max Bill verankert ist.» Die Max-Bill-Kollektion bildet den Auftakt zu weiteren Projekten von «wb form». Im Fokus stehen Wirtschaftlichkeit und Marktchancen. An Ideen mangelt es nicht. «Wir sind sicher, dass wir in den nächsten Jahren noch einiges bewegen können», freut sich Barbara Messmer. Konkret sind weitere Kollektionen – klassische und moderne – in der Pipeline, die 2012 lanciert werden.