Wer daran glaubt, dass ein Kuchen nach einer Verhandlung zu 100 Prozent fair aufgeteilt werden kann, sieht sich getäuscht. Erstens gibt es keine allseits anerkannte mathematische Formel, auf die man sich stützen könnte, und zweitens wird das Wort «fair» so unterschiedlich interpretiert wie die Unternehmenssteuerreform III oder die «AHV plus»-Initiative. Wer also eine Verhandlung mit dem wohligen Gefühl verlässt, eine absolut freundschaftliche Lösung gefunden zu haben, gehört eventuell zu jener Partei, die weniger mit nach Hause trägt, als ihr zugestanden hätte.
Dennoch, wer während der Verteilphase mit attraktiven Trades – etwas, dass die eigene Partei wenig bis nichts kostet, für den Verhandlungspartner aber von gros-sem Wert ist – handelt, sich auf möglichst beidseitig anerkannte Bewertungskriterien abstützen kann und seine Batna (best alternative to a negotiated agreement) im Auge behält, reduziert das Risiko, massiv übervorteilt zu werden.
Die Konkurrenz wird grösser, die Margen sinken, der Druck steigt. «Mehr für mich heisst weniger für dich.» In diesem Spannungsfeld greifen Parteien vermehrt zu fragwürdigen Taktiken, die zuweilen destruktiv sein können. Man kann sich solchen Verhandlungen nicht immer entziehen, dafür aber gekonnt und sicher auf unseriöse Taktiken reagieren. Die folgenden Situationen treten, falls, in unterschiedlicher Ausprägung auf und verfolgen in der Regel ein Ziel: Die Gegenpartei zu destabilisieren. Das psychologische Muster ist einfach: Emotionen, auch gespielte, provozieren Emotionen und diese sorgen dafür, dass man sich vom klaren Denken verabschiedet.
Forderungen und Emotionen
Ein durch die Gegenpartei extrem hoch gesetzter Anker (Forderung) kann fatale Folgen haben. Ist der Anker erst einmal gesetzt, ist von ihm kaum mehr wegzukommen. Es gibt im Wesentlichen zwei praktikable Verhaltensmuster, um die Wirkung eines zu hoch gesetzten Ankers ins Leere laufen zu lassen.
Erstens, den zu hoch gesetzten Anker einfach ignorieren, nicht darauf eingehen und so, als ob er nie ausgesprochen worden wäre, zum nächsten Thema übergehen. Wer hier einen Gegenanker setzt, hat verloren und den ersten überrisse-nen Anker indirekt akzeptiert. Alternativ könnte man mit Humor auf den überrissenen Anker reagieren. Humor entzieht dem Anker seine Berechtigung. Doch der Grat zwischen Humor und Zynismus ist schmal, wer zynisch reagiert, lässt ungewollt den Anker im Spiel.
Der wohl sinnvollste Weg wäre, gleich von Beginn weg selber den ersten, sehr fordernden, aber dennoch realistischen Anker zu setzen. Dann liegt das Problem bei der Gegenpartei.
Wenn es um Emotionen geht, ist aggressives Verhalten ein gängiges Muster. Andere Menschen ziehen es beispielsweise vor, die Mitleidskarte zu ziehen, um geschont, bemuttert und umsorgt zu werden. Welche Emotionen auch immer ins Spiel gebracht werden, die beste Art darauf zu reagieren ist mit Ruhe und Besonnenheit. Sachlich und freundlich bleiben, heisst die Devise. Wer sich vor der Verhandlung mental darauf vorbereitet, dass die Gegenpartei Emotionen bewusst als Druckmittel einsetzen könnte, wird weniger überrascht und dadurch ruhiger und souveräner reagieren.
Alternativ kann die Partei, die mit Emotionen spielt, darauf angesprochen werden. Wenn das Spiel beim Namen genannt wird, verliert es in der Regel an Kraft.Dominante Verhandlungspartner stellen in kurzer Kadenz fortlaufend Forderungen. Kaum ist die erste gestellt, folgt die nächste. Fordern ist freilich nicht verboten, fortlaufend darauf eingehen aber unklug. Auf eine Forderung sollte man, falls überhaupt, nur denjenigen Teil hingeben, den man in der Vorbereitung als Verhandlungsmasse, als «Trade» definiert hat.
Eine harte Gegenpartei wird diesen Trade vermutlich als irrelevant abtun und sofort eine nächste Forderung stellen. Nun ist es wichtig, dass vorerst kein weiteres Zugeständnis gemacht wird. Nach dem Prinzip der Reziprozität soll die Gegenpartei im Tausch auf das soeben stattgefundene Entgegenkommen auch etwas hergeben. Wer darauf verzichtet, mutiert zum Geschenk-Onkel und droht Schritt für Schritt wie eine Weihnachtsgans ausgenommen zu werden.
Persönliche Angriffe
Härter wird es, wenn man das Gefühl bekommt, persönlich angegriffen zu werden. So paradox es klingen mag, man sollte den Angriff nicht persönlich nehmen. Das ist leichter gesagt als getan. Eine Pause oder eine Unterbrechung einfordern kann helfen, die eigenen Emotionen wieder in den Griff zu bekommen. Gründe, um den Verhandlungstisch wegen den eigenen, aufkommenden Emotionen kurz zu verlassen, gibt es genügend. Ein dringendes Telefongespräch, Bio-Pause, Rück- und Absprachen usw. Hier ist im Notfall etwas Fantasie gefordert.
Nebst der Tatsache, dass man nach einer Kurzpause wieder gefasster in die Verhandlung einsteigt, kommt hinzu, dass die Verhandlung nach einem Unterbruch weder am gleichen Ort noch mit der gleichen Dynamik weitergeht. Mit ein Grund, wieso im Umkehrschluss eine gut laufende Verhandlung niemals unterbrochen werden sollte. Wenn diese Pause aber nichts bringt oder man die Pausen-Karte nicht ziehen mag, sollte das Ärgernis sachlich, aber unmissverständlich angesprochen werden. Eine klare und kurze Ansage, dass dieses Verhalten nicht akzeptiert wird, reicht in der Regel. Insbesondere dann, wenn man mit der gleichen Bestimmtheit sofort zum nächsten Punkt übergeht.
