Globalisierung an sich ist kein neues Phänomen. Seit jeher versuchten Unternehmer, jenseits des eigenen Marktes Handel zu treiben. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts können die verflochtenen, entgrenzten (Wirtschafts-)Beziehungen sowie deren Verdichtung nachvollzogen werden. Mit den Technologiesprüngen seit den 1970-er Jahren hat jedoch nochmals eine Akzentuierung der Globalisierung stattgefunden. Der Welthandel «explodierte» förmlich, und auch der Einbruch 2008 oder die aktuellen Wirrungen um staatliche Schuldenkrisen und Wechselkursschwankungen mochten die Tendenz nur vorübergehend abschwächen.
Historische Exportnation
Trotz der rasanten Fortschritte in Wissenschaft und Technik leben Managerinnen und Manager heute jedoch nicht in einer berechenbaren oder gar beherrschbaren Welt, sondern in einer unübersichtlicheren, ja in einer «entfesselten Welt», wie es beispielsweise der britische Soziologe Anthony Giddens formuliert hat. Führung und Management im klassischen Sinn stossen an Grenzen, die zugleich durch die Globalisierung längstens überwunden sind.
Die Schweiz hat den grossen Vorteil, dass diese Erkenntnisse für sie weder neu noch grundsätzlich spektakulär sind. Bedingt durch die sehr beschränkten eigenen Absatzmärkte, die Rohstofflimitierungen und den fehlenden direkten Meerzugang war die Eidgenossenschaft schon immer wirtschaftlich eng mit dem Ausland verflochten. Wenn die Leistungen der mit den Handelssektoren verknüpften Wirtschaftssektoren hinzugenommen werden, gilt eine einfache Gleichung: Durch rund jeden zweiten Schweizer Franken wird im Ausland «Wert geschöpft». Davon stammen gut zwei Drittel aus dem EU-Raum (Deutschland belegt mit rund 20 Prozent den Spitzenplatz), aber auch «ferne und fremde» Kulturen und Wirtschaftsräume nehmen einen immer wichtigeren Anteil ein.
So pflegt die Schweiz seit Längerem überaus rege Handelskontakte mit den Vereinigten Staaten und in zunehmendem Masse mit dem Fernen Osten, Südostasien und den sogenannten BRICI-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Indonesien). Die Bedeutung dieser Handelsbeziehungen ist in den letzten Jahren gestiegen, da weltweit die Schutzmauern immer brüchiger werden und sich die Märkte füreinander öffnen. In dieser Situation kann sich längerfristig nur der kostengünstige oder alternativ der innovativere Wirtschaftspartner durchsetzen.
Zusätzlich werden immer mehr Teile der Wertschöpfungskette von Schweizer Unternehmen ins Ausland verlagert, auch der Personalbestand nimmt im Ausland um ein Vielfaches zu. Das führt zwangsläufig zu mehr interkulturellen Begegnungen, die neue und andersartige Ansprüche an Führung und Management
stellen.
Die Besonderheiten
Nicht nur Grossunternehmen, sondern vermehrt auch KMU sehen sich der Globalisierung des Wirtschaftsgeschehens gegenüber. Die Schweiz verfügt über einen im Vergleich mit den europäischen Nachbarn überdurchschnittlich hohen Anteil an KMU. D. h. für die Schweiz, mit ihrer Vielzahl an kleinen (10 – 49 Mitarbeitende) und mittelgrossen (50 – 249 Mitarbeitende) Unternehmen, eröffnet die beschriebene Veränderung Erfolg versprechende Perspektiven, sofern den schweizerischen KMU die Globalisierung ihrer Geschäftstätigkeit gelingt. Während Grossunternehmen mit oftmals massivem Einsatz von Ressourcen den Globalisierungsanforderungen begegnen, stehen viele KMU einer systematischen Internationalisierung teils ratlos, teils ablehnend gegenüber.
So ist einer Studie der Credit Suisse aus dem Jahre 2010 zufolge das Vertrauen der Schweizer KMU hinsichtlich der Globalisierungserfolge im Sinken begriffen und die zur Jahrtausendwende vorherrschende Euphorie über die Globalisierung gänzlich verflogen: Risiken dominieren im KMU-Kontext das Bild von einer sich zusehends globalisierenden Welt. Bei der anhaltenden Frankenstärke und immer kompetitiveren Heimatmärkten auf staatliche Deregulierung oder Interventionen zu hoffen, ist allerdings kaum eine Erfolgsstrategie. Im Gegenteil – mittelfristig erhöhen diese Randbedingungen sogar den Zwang, KMU in die Internationalisierung zu führen.
Klar ist, dass die Internationalisierung von KMU meist anders vonstatten geht als die von Grossunternehmen. KMU müssen ihre begrenzteren organisatorischen Ressourcen und geringeren Führungskapazitäten für ihre Internationalisierung noch zielgerichteter einsetzen. Damit korrespondiert die Praxisbeobachtung, dass Internationalisierungsentscheide von KMU oftmals nicht auf Basis von Analysen und Vergleichen zustande kommen, sondern durchaus auf «Bauchentscheide» zentraler Führungskräfte zurückzuführen sind.