Strategie & Management

Beschaffungsmanagement (Teil 3 von 3)

Global Sourcing – Abenteuer mit überwindbaren Hürden

Die Materialkosten sind auf ihrem Tiefststand, die Prozesse sind optimiert und die Produktivität ist gesteigert – wo können Unternehmen ansetzen, wenn sie trotzdem um ihre Wettbewerbsfähigkeit kämpfen müssen? Global Sourcing birgt Risiken und Hürden, aber mit der richtigen Strategie und gut vernetzten, lokal tätigen Partnern und Beratern wird es zur lohnenden Investition
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Im ersten Artikel der Serie «Beschaffungsmanagement» («KMU-Magazin» 09/12) ging es darum, welch enormen Wertbeitrag die Einkaufsabteilung heute zum Unternehmenserfolg leistet. In industriellen Betrieben ist diese Tatsache aufgrund des hohen Anteils an Materialkosten besonders deutlich, er macht am Gesamtumsatz oft mehr als 50 Prozent aus. Derzeit kämpfen viele Schweizer Unternehmen gegen die internationale Konkurrenz um ihre Wettbewerbsfähigkeit, zusätzlich spüren sie den Preisdruck aufgrund der Frankenstärke. Eine anspruchsvolle Situation, besonders weil kein Ende in Sicht ist – keine kurze Krise, die mit Ad-hoc-Massnahmen überbrückt werden kann.

Die Geschäftsleitungen suchen jetzt Möglichkeiten, weiter Kosten einzusparen und Prozesse zu optimieren. Allerdings sind diese Hausaufgaben meist längst erledigt und das Potenzial an naheliegenden Verbesserungen im Unternehmen ist nahezu unauffindbar. Gefragt sind mittel- oder langfristige Strategien und Mut zur Veränderung.

Warum nicht in «Best-Cost-Countries» einkaufen? Viele Geschäftsführer, besonders in kleineren und mittleren Unternehmen, sträuben sich dagegen aufgrund ihrer Wertschätzung gegenüber Schweizer Lieferanten, und sie scheuen sich davor, weil sie vielleicht von misslungenen Aufträgen, schlechter Qualität und beträchtlichem Aufwand gehört haben. Nicht von ungefähr, denn all diese Kriterien gilt es abzuwägen und unter die Lupe zu nehmen, bevor Unternehmen entscheiden, global zu beschaffen.

Global Sourcing ist nicht gleichzusetzen mit «in China einkaufen» und es gibt verschiedene Modelle, die auch für kleinere Unternehmen interessant sein können. Besonders wenn es um kleine Stückzahlen oder spezielle Materialien geht, kann die Beschaffung innerhalb Europas eine passende Option sein.

Bevor Unternehmen globale Bezugsquellen und Potenziale nutzen, müssen die Verantwortlichen eine ganzheitliche Strategie entwickeln und die operativen Ziele festlegen. Voraussetzung dafür ist das absolute Commitment der Geschäftsführung und der involvierten Abteilungen. Als Basis für eine solch folgenschwere Entscheidung sollten verschiedene Grundlagen eruiert werden, wie:

› aktuelles Einkaufsvolumen

› Produkte- und Lieferantenstruktur

› Dokumentation der Produkte

› Ressourcen

› Zeithorizont

Die Gebrüder Meyer AG ist im Maschinenbau tätig und international ausgerichtet. Mit dem Wunsch, ihre Produktion ins Ausland zu verlegen, gelangte sie nach ersten Gesprächen mit der OSEC und der Handelskammer Schweiz-Osteuropa (SEC) an Obal AG. Die Obal AG ist spezialisiert auf Beschaffung/Outsourcing, Markteintritt und Niederlassungsaufbau im Bereich von Maschinen- und Anlagenbau sowie technischen Gütern in Zentral- und Osteuropa (Schwerpunkt Südosteuropa) sowie Österreich.

Obal schlug dem Geschäftsführer Max Meyer drei potenzielle Firmen in Osteuropa vor, die über gute Kompetenzen verfügen und die Voraussetzungen erfüllen, vom Maschinenpark über Fertigungsverfahren, Erfahrungen bis hin zur Sprache für den Informationsaustausch. Auch im administrativen Bereich unterstützte Obal AG seinen Kunden stark, wodurch die Gebrüder Meyer AG ihre Ressourcen voll im Tagesgeschäft einsetzen konnte. Geschäftsführer Max Meyer lehnt sich zufrieden im Stuhl zurück: «Wir haben die Wende geschafft, dank den Vorteilen aus der Partnerschaft in Rumänien blicken wir mit Zuversicht in die Zukunft.»

Flexibilität gefordert

Das Traditionsunternehmen Stöcklin Logistik AG ist eines der wenigen Schweizer Logistikunternehmen, das in der Schweiz produziert, aber seit vielen Jahren auf dem internationalen Markt einkauft. Bei der Beschaffung ist für Stöcklin wichtig, dass die Firma sowohl lokal als auch weltweit zu ausgezeichneten Gesamtkosten und zur bestmöglichen Qualität beschaffen kann. Das Einkaufsportfolio umfasst Serienprodukte, Bauteile für spezifische Anlagen sowie komplette Projekte. Peter Voser, Mitglied der Geschäftsleitung und Geschäftsbereichsleiter Supply Chain Management, ist denn auch überzeugt: «Global Sourcing ist ein Mosaikstein und hilft uns, konkurrenzfähig zu sein. Wenn immer möglich, beschaffen wir in jenem Land, in dem unser Kundenprojekt entsteht.»

Ein geringes Risiko, minimale Aufwendungen und kurze Realisierungszeiten sind die Merkmale des «Operations-Hub», der sich besonders für KMU als Lösung eignet. Bei diesem Modell teilen sich mehrere Unternehmen einen oder mehrere Schwerpunktstandorte in verschiedenen Sourcing-Ländern. Experten des Operations-Hub sind lokal vertreten und sorgen vor Ort für Qualität. Mitte Oktober eröffnete die OSEC zum Beispiel einen Swiss Business Hub in Hongkong, vor den Toren Chinas. »

Das Swiss Import Promotion Programme «SIPPO» der OSEC vermittelt Direktkontakte zwischen Schweizer Importeuren und exportwilligen KMU aus Entwicklungs- und Transitionsländern und unterstützt Schweizer Unternehmen bei der Suche nach neuen Beschaffungsmärkten, Produkten und Kooperationspartnern. Gelegentlich begibt sich das SIPPO gemeinsam mit Industrievertretern auf «Sourcing Mission» für spezifische Branchen. Auf diesen Reisen besucht die Gruppe Lieferanten verschiedener Materialgruppen, begleitet von Delegierten der entsprechenden Handelskammer. Im September dieses Jahres reisten beispielsweise Vertreter der Lebensmittel-, Pharma- und Kosmetikindustrie nach Peru. Auf dem Programm standen Firmenbesuche und die Lebensmittelmesse Expoalimentaria, die in Lima stattfand.

SwissCEE unterstützt deutschsprachige Unternehmen und Organisationen dabei, Geschäfts­beziehungen mit den wirtschaftlich aufstrebenden Ländern Mittel- und Osteuropas (MOE-Länder) aufzubauen. Unternehmen erhalten eine Einschätzung der Marktchancen oder einen Überblick über die Beschaffungs- und Vertriebsstrukturen in den MOE-Ländern. SwissCEE bietet Lösungen für Outsourcing, Offshoring, Markteintritt und Sprachdienstleistungen. SwissCEE ist mit eigenen Büros direkt in den Märkten vor Ort präsent.

Global Sourcing Services AG ist ein Schweizer Unternehmen mit Sitz in Uerikon / Stäfa (ZH) und eigenem Produktions- und Einkaufs-standort in China sowie einem weltweiten Netzwerk mit Partnerfirmen, insbesondere in Asien sowie Mittel- und Osteuropa. Als Produktionsdienstleister verlagert GSS im Kundenauftrag gesamte Anlagen und Maschinen in diese Zielländer einschliesslich Lokalisierung dieser Produkte. Eigene Schweizer Mitarbeiter vor Ort garantieren für Schweizer Qualität.

ALS Solutions AG ist spezialisiert auf die praxisbezogene Unterstützung und pragmatische Umsetzung von Sourcing-Projekten mit Fokus auf die asiatischen sowie osteuropäischen Beschaffungsmärkte. Um die internationalen Beschaffungsaktivitäten zum grösstmöglichen Erfolg führen zu können, unterstützt die ALS Solutions AG den gesamten Beschaffungsprozess, beginnend bei der Potenzialanalyse/Marktrecherche, Lieferantenselektion und Angebotseinholung bis hin zur operativen Abwicklung.

Global Sourcing ist eine Chance für viele Unternehmen. Das Beschaffungsmanagement ist in einem solchen Projekt zweifelsohne die wichtigste Schaltzentrale, es steuert und überwacht die Prozesse. Einkaufsmanager sind dabei stark in die Unternehmensstrategie und den Unternehmenserfolg eingebunden. Geschickt eingefädelt und mit den richtigen Partnern kann Global Sourcing reibungslos funktionieren, das Unternehmen stärken oder sogar vorwärtsbringen. Nicht zuletzt stützen florierende Unternehmen wiederum den Wirtschaftsstandort Schweiz und tragen bei, ihn zu erhalten.

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