Strategie & Management

Arbeitsmodelle

Gesunde Mitarbeitende in gesunden Unternehmen

Die Arbeitswelt verändert sich radikal. Wer ein von Verantwortung geprägtes Menschen- und Unternehmensbild hat, kommt zu grundlegend neuen Antworten auf viel diskutierte Fragen rund um heutige und zukünftige Arbeitsformen.
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Die Digitalisierung bedeutet sicher eine Umwälzung für die Arbeitswelt. Sie verlangt von Mitarbeitenden Mobilität und Flexibilität. Zudem besteht unter anderem aufgrund des Verschwindens namhafter Firmen oder ganzer Tätigkeitsgebiete eine Verunsicherung, welche Arbeit es in Zukunft noch geben wird. Grundsätzlich wird es höher qualifizierte Angestellte und eher niedrig qualifizierte Angestellte mit physischen Kontaktpunkten (Gärtner, Pfleger, Coiffeur etc.) weiterhin und teilweise verstärkt benötigen, wogegen die Zahl mittel qualifizierter Angestellter – zuerst im Industrie-, dann zunehmend auch im Dienstleistungssektor – infolge Digitalisierung und Automatisierung abnehmen wird.

Anspruch auf Gesundheit steigt

Diese Entwicklungen fordern von den Mitarbeitenden nicht nur Flexibilität, sondern auch Durchhaltewillen, Veränderungs- und Gestaltungsfähigkeit. Es gilt konkret, die Arbeit, die Schnittstelle zwischen Arbeit und Freizeit sowie die Erholung so zu gestalten, dass man nachhaltig gesund und produktiv bleibt.

Die Mitarbeitenden der älteren Generation gehen zumeist davon aus, dass eine Verbindlichkeit seitens des Arbeitgebers besteht, wenn man sich über viele Jahre nach Kräften eingebracht hat. Die Mitarbeitenden der jüngeren Generation rechnen kaum damit, dass sie jeweils lange bei einem Arbeitgeber bleiben werden. Daher fordern jüngere Mitarbeitende auch mehr vom Arbeitgeber, insbesondere hinsichtlich der Arbeitsinhalte, der Weiterbildung und generell der Frage, wie man sich arbeitsmarktfähig hält. Dazu gehört auch die Gesundheit. Man opfert sich nicht mehr für das Unternehmen auf, sondern achtet auf seine Arbeitsfähigkeit und Gesundheit. Dies auch, weil der eigene Anspruch auf gute Gesundheit zugenommen hat.

Wir leben eben in gewisser Hinsicht in einer Freizeit- sowie einer Gesundheitsgesellschaft. Dies führt dazu, dass die Angestellten auch erhöhte Erwartungen an den Arbeitgeber stellen, wie sie ihr Berufs- und Privatleben miteinander vereinbaren können. Die Vertreter der jüngeren Generation integrieren ihr Berufs- und Privatleben dabei vermehrt, während die Vertreter der älteren Generation häufig das Berufs- und Privatleben bewusst trennen, damit Abschalten und Erholung besser gelingen. Letztlich ist es aber eine sehr individuelle Angelegenheit, das jeweils passende Vorgehen zu finden und zu leben.

Prävention

Nehmen wir das Beispiel der Prüfungs- und Beratungsbranche: Vor vielen Jahren war die Branche dafür bekannt, dass Mitarbeitende zählen und rechnen. Jetzt und in Zukunft rechnen primär die Computer, aber Mitarbeitende zählen erst recht. Und zwar als Kern der Geschäftsmodelle, indem sie die reale und die virtuelle Welt verbinden, Probleme erkennen und dafür Lösungen für ihre Kunden finden. Prüfungs- und Beratungsunternehmen verkaufen letztlich Denkarbeit respektive Problemlösungen. Weil der Mensch dabei im Mittelpunkt steht, haben Prüfungs- und Beratungsunternehmen bereits vor vielen Jahren begonnen, den Gesundheitsschutz im Unternehmen wirksam zu gestalten, und gehen dabei weit über die gesetzlichen Anforderungen hinaus.

Neben flexiblen Arbeitsmodellen mit der Möglichkeit von Teilzeit und Sabbaticals gehören auch Massnahmen im Bereich der Gesundheitsprävention dazu, inklusive entsprechender Führungskräfte- und Teamentwicklungsprogramme. Dies geschieht aus der Überzeugung, dass im Dienstleistungsbereich insbesondere die psychosozialen Risiken in die Überlegungen des Gesundheitsschutzes einfliessen müssen. Zur Verhinderung von Burn-outs ist es wichtig, dass einen Ausgleich zwischen Belastung und Ressourcen sichergestellt wird.

Persönliche Gesundheitsbilanz

Aus dem Finanzwesen bestens bekannt ist die Bilanz für Firmen; neu ist hingegen die persönliche Gesundheitsbilanz. Sie setzt an der Überzeugung an, dass jeder Mensch primär für seine Gesundheit selbst verantwortlich ist und die erwähnte Balance zwischen Ressourcen und Belastungen aufrechtzuerhalten hat. Belastungen ebenso wie Ressourcen gibt es sowohl im Berufs- als auch im Privatleben. Deshalb ist eine ganzheitliche Sicht wichtig. Wer zum Beispiel im Job seiner Berufung folgt und mit Freude an der Arbeit ist, der zieht viele Ressourcen, sprich Energie, aus der Arbeit. Kann diese Person zum Beispiel beim Sport auch rasch und vollständig abschalten von der Arbeit und sich so erholen, kommen nochmals weitere Ressourcen hinzu. In Summe kann eine derartige Person dann auf viele Ressourcen zurückgreifen und somit auch hohe Belastungen erfolgreich bewältigen.

Anders sieht es aus, wenn jemand mit dem Arbeitsinhalt unzufrienden ist und privat eine schwierige Familiensituation hat. Stress verursacht Schlafstörungen, womit ein wichtiger Erholungsaspekt ebenfalls noch beeinträchtigt ist. Eine solche Person ist sicherlich nur bedingt belastbar, und zu viel Arbeit kann das Verhältnis von Ressourcen und Belastungen aus dem Gleichgewicht bringen. Über die Zeit hinweg sollte man über eine mindestens ausgeglichene persönliche Gesundheitsbilanz verfügen, wohlwissend, dass temporär auch Ressourcendefizite bestehen können (vgl. Abbildung 1).

Gesundheitszustand der Firma

Der Jahresabschluss ist eine beliebte Führungsinformation. Gerade in dynamischen Zeiten stösst die finanzorientierte Führung jedoch an ihre Grenzen. Zur verantwortungsvollen Führung gehört neben einer Rückschau stets auch eine Vorschau. Damit ist weit mehr gemeint als die Ergänzung des Jahresabschlusses um ein Budget. Vielmehr geht es darum, unternehmerische Kenngrös­sen zu identifizieren, die eine nachhaltig erfolgreiche Unternehmensführung sicherstellen. Dabei sollten nicht nur quantitative Kennzahlen, sondern auch Beurteilungsgrös­sen Navigationshilfen sein. Diese werden zu nachfolgenden Kenngrössen aggregiert, welche gesamthaft betrachtet den tatsächlichen Gesundheitszustand eines Unternehmens widerspiegeln.

Oberste Orientierung ist dabei das Interesse des Unternehmens selbst und entsprechend die Fähigkeit, fortlaufend immer wieder zufriedene zahlende Kunden zu haben. In Abbildung 2 sind je die drei wichtigsten Kenngrössen der dazu kumulativ notwendigen finanz-, geschäfts- und menschenorientierten Führung aufgelistet, ergänzt um den externen Aspekt der Marktattraktivität.

Die erwähnten Kenngrössen decken allesamt die wesentlichen Aspekte eines normativen, strategischen sowie operativen Controllings und somit den Gesundheitszustand eines Unternehmens ab. Sie bilden die Basis für eine ebenso verantwortungsvolle wie wirksame integrierte Unternehmens- und Mitarbeiterführung. Dieses Unternehmensbild bietet einen belastbaren Rahmen für das nachhaltig gesunde und produktive Wirken der Mitarbeitenden.

360-Grad-Leadership

Die Verbindung der individuellen Ebene (Gesundheitsbilanz) und institutionellen Ebene (Kenngrössensystem) erfolgt über Führung im Sinne von 360-Grad-Leadership. Gemäss Konzept von 360-Grad-Leadership führen alle zuerst einmal sich selber (Selbstmanagement) und darüber hinaus je nachdem noch Mitarbeitende (lead down), Kollegen/Lieferanten/Kunden (lead across) und den eigenen Vorgesetzten (lead up). Führung ist nach diesem Verständnis nicht einer oder wenigen Personen an der Spitze eines Unternehmens vorbehalten, sondern vielen Personen im Sinne einer unternehmensweit verteilten Funktion.

Dies ermöglicht es – gerade auch wachsenden Unternehmen –, agil zu bleiben, indem kundennahe dezentrale Einheiten mit hoher Autonomie bestehen. Dies bietet auch eine ganz andere Ausgangslage, um innerbetrieblich individuell passende Arbeitsformen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer auszuhandeln.

Lebensentwürfe prägen Arbeit

Arbeitsrechtlich müssen in der Schweiz Änderungen in die Wege geleitet werden, damit Wissensarbeiter ihre Tätigkeit in Zukunft dort ausüben können, wo sie am leistungsfähigsten sind, und an den Tagen und zu den Zeiten, die zu ihrem Lebensentwurf passen. Aber auch die Arbeitsplätze verändern sich; Zonen in Grossraumbüros für ruhiges, leises oder lautes Arbeiten, allein, zu zweit, in Gruppen, am Telefon oder am Computer statt mehrheitlich Einzelbüros und Sitzungszimmer wie früher. Die Digitalisierung führt einerseits zum Entstehen von neuen Unternehmen und dem Verschwinden von etablierten Firmen in viel kürzeren Zyklen als früher und ebenso zu zunehmender oder abnehmender Bedeutung ganzer Tätigkeitsgebiete respektive Berufsbilder. Anderseits bietet die Digitalisierung auch die Möglichkeit, Arbeit ganz neu zu definieren, zu organisieren und zu erledigen. Hierbei wird die Zahl an möglichen Arbeitsformen rapide zunehmen, und von den Arbeitnehmenden wird jeweils passend zu ihrer Aufgabe und ihrem aktuellen Lebensentwurf die beste Arbeitsform gewählt werden.

Fazit

Aktuell wird in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik viel über Arbeit, Führung und Gesundheit gesprochen. Allerdings wird zumeist über isolierte Teilaspekte diskutiert und es werden bestenfalls Teillösungen für Teilprobleme gefunden. Die in diesem Beitrag beschriebenen  Ausführungen gehen einen anderen Weg und zeigen auf, dass letztlich nachhaltig gesunde Unternehmen gesunde Mitarbeitende bedingen und umgekehrt. Neben einer kundenorientierten Geschäftssicht kommt einer menschenorientierten Führung dabei eine zentrale Rolle zu.

Porträt