Strategie & Management

Unternehmensführung

Die neue Rolle des Chief Information Officers

Der Beitrag zeigt, wie es in der Praxis gelingen kann, dass CIOs – gerade in wirtschaftlich turbulenten Zeiten – ihre Qualitäten als digitale Mittelfeld-Aufbauspieler voll ausspielen und möglicherweise zu den heimlichen CEOs vieler Unternehmen avancieren können.
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Je digitaler eine Firma, desto bedeutender die Rolle ihres CIO: Pandemie, neue Technologien und laufende Markttransformationen haben viele traditionelle Firmen in den letzten Jahren zu stark digitalisierten Unternehmen gemacht. Dennoch ist die Rolle des Chief Information Officers (CIO) oft nicht im selben Ausmass mitgewachsen, was eine nicht zu unterschätzende Gefahr für viele Unternehmen darstellt.

Die Suche nach dem «C»

Glücklich sind jene IT-Verantwortlichen, die mit einem «C» am Beginn ihres Titels gleichberechtigt im Topmanagement die Geschicke des zunehmend digitalisierten Unternehmens mitgestalten. Ob Chief Information Officer, Chief Digital/Digi­talisation/Transformation Officer – die Wahrnehmung als Topmitgestalter der heutigen und zukünftigen Wertschöpfung auf Augenhöhe mit CEO, CFO, CMO, CSO, CHRO und anderen ist entscheidend.

Die Realität in vielen Unternehmen sieht jedoch anders aus: Nach wie vor finden sich viele IT-Masterminds als Abteilungs- oder Bereichsleiter wieder. Nicht selten wurden sie historisch auch in wenig schmeichelhafte Rollen gedrängt: Costcenter, Neinsager, Verzögerer. Der sichere Betrieb der gewachsenen, personalintensiven IT-Landschaft scheint hier den täglichen Spieltakt vorzugeben.

CIO als direkter Wertschöpfer

Beschreibt man aber die dringend notwendige Rolle der CIOs in der heutigen Wirtschaft, so sind sie das genaue Gegenteil von statischen Verwaltern: Sie sind nicht nur die Ermöglicher von Wertschöpfung in allen anderen Bereichen, sondern auch direkte Gestalter der Profitabilität und Bestandsicherheit des Unternehmens geworden. Zur Verdeutlichung: 

  • Sie teilen sich mit den CEOs die Verantwortung für strategische Langfristplanung, Transformation und die öffentliche (digitale) Reputation des Unternehmens. 
  • Kein CFO kann analysieren, steuern und den immer grösser werdenden ­Berichtspflichten nachkommen, ohne die Unterstützung des CIO. 
  • Die HR-Abteilung kann keine Orga­nisationsentwicklung, Weiterbildung oder KI-Kompetenzvermittlung ohne digitale Partner planen oder umsetzen.
  • Marketing und Sales – sowohl im B2B- als auch im B2C-Bereich – arbeiten eng mit dem CIO-Team zusammen, wenn es um Digital Customer Expe­rience, E-Payment-Lösungen und Datawarehouses geht, um ihre Ziele zu erreichen. 
  • Ganz zu schweigen von einer automatisierten und bald robotisierten Produktion und Logistik, die nicht mehr von Fliessbandarbeitern, sondern über Dashboards von IT-Experten gesteuert wird.

Ebenen der Digitalisierung

So weit, so klar. Wäre da nicht die Altlast einer gewachsenen und oft heterogenen Applikations- und Datenlandschaft, die den CIO täglich in die Defensive drängt. Wie kann die Mittelfeldrolle der CIOs, die die digitalen Spielbälle für praktisch alle betriebswirtschaftlichen Tore liefern, weiter ausgebaut werden?

Hilfestellung liefert hier das Modell der «drei Ebenen der Digitalisierung»: Es besagt, dass Amazon, Google und Co. seit 25 Jahren die digitale Wirtschaft der westlichen Welt deshalb dominieren, weil sie sich von Anfang an eine ideale IT für ihren Geschäftszweck geschaffen haben. Google hat sich in seinen Anfängen zunächst billige Hardware (CPUs) beschafft und diese dann mit eigener Software verbunden. Diese speziell entwickelte, purpose-driven IT für den Suchmaschinenbetrieb und Online-Werbung war so effizient, dass das Unternehmen schrittweise begonnen hat, eigene Systeme als Cloud-Infrastrukturen für andere Firmen anzubieten. Amazon Web Services mit einer ähnlichen Entstehungsgeschichte erwirtschaftet heute grosse Teile des gesamten Amazon-Umsatzes.

«Von oben» denken

Zusätzlich denken die grossen Plattformfirmen wie Apple, Microsoft, Meta, Net­flix und Co. immer von oben – also vom Geschäftsmodell her – und nicht von einem einzelnen Produkt aus. Datenex­zellenz und neuerdings aggressive Expansionsschritte in die KI-Welt zementieren die wirtschaftliche Dominanz der Digitalgiganten auch in Zukunft ein. Smarte Start-ups wie Whatsapp, Instagram oder Linkedin werden aufgekauft und kommerziell und IT-technisch integriert. Alle Eigentümer, Gründer und Entscheider dieser Unternehmen vereinen technologische Expertise mit grossem Geschäftserfolg.

Was CIOs auf jeden Fall tun können: Raus aus der Abhängigkeit der unteren Schicht der IT – Basis-IT und IT-Infrastruktur. Oft sind es kostenintensive Standardsoftwares in eigenen Rechenzentren, die mit grossem Aufwand an die Bedürfnisse des Unternehmens angepasst werden. Dies führt zu einer langfristigen «Geiselhaft» durch Wartungsverträge und Release-Wechsel und binden wertschöpfungsorientierte Transformationen. Das heisst nicht, dass das Budget dort absolut geringer wird, der Fokus muss aber auf die beiden oberen Ebenen verlegt werden.

Fazit 

Vielleicht muss der CIO nicht gleich zum CEO ernannt werden, aber seine Rolle wird in Zukunft noch stärker die eines Spielmachers für das gesamte Führungs­team sein. Doch sind CIOs gut auf diese Aufgaben vorbereitet? Laufende Kom­petenzentwicklung ist eine klare Voraussetzung. Dazu zählen unter anderem tieferes Kundenverständnis, betriebswirtschaftliches Know-how, strategische Kompetenzen, Führungstechniken, ESG-Wissen und das neueste KI-Know-how.

Die CEOs dieser Welt und die anderen Vorstands- oder Geschäftsführungsmitglieder brauchen sich nicht von erstarkten CIOs bedroht zu fühlen. Vielmehr wären sie klug beraten, ihnen proaktiv die Hand zu reichen und den digitalen Partner aus der IT so gut es geht zu unterstützen. Eine starke CIO-Rolle als Verbündeten in der Wertschöpfung Richtung Markt zu haben, ist für jedes erfolgreiche Leadership-Team unbedingt ratsam.

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