Strategie & Management

Unternehmensführung

Die grossen Herausforderungen für Verwaltungsräte

Die Finanzkrise von 2008, die ökonomische Machtverschiebung Richtung Osten und die digitale Transformation haben den Druck auf hiesige Verwaltungsratsgremien massiv erhöht. Eine Studie zeigt nun, welche Herausforderungen europäische Verwaltungsräte beschäftigen und was dies für die Nominierung neuer Board-Mitglieder bedeutet.

Das World Economic Forum 2015 widmete sich dem «New Global Context», der in der Ankündigung des Anlasses als «höchst schnelllebig und vernetzt» beschrieben wurde. Sowohl bahnbrechende, miteinander verzahnte Entwicklungen in den Bereichen Technologie, Politik und Gesellschaft als auch komplexe Herausforderungen wie der Klimawandel und die anhaltende wirtschaftliche Instabilität wälzen die Welt, wie wir sie kennen, im Sekundentakt um.

Globaler Kontext

Genau dieser «neue globale Kontext» ist es, der laut einer aktuellen Studie von Korn Ferry und Ecoda (European Confederation of Directors Associations) zur europäischen Corporate-Governance-Landschaft für Verwaltungsräte die grösste Herausforderung darstellt. Er erfordert es, dass Verwaltungsräte besonders «flexibel» sein müssen. Eine der wichtigsten Faktoren in dieser Hinsicht ist dabei ihre Lernfähigkeit. Lern­agile Verwaltungsräte zeichnen sich dadurch aus, dass sie mit Ungewissheit umgehen können. Sie erkennen auch im dichten Nebel die relevanten Muster, denken in Alternativen und testen ihre Hypothesen.

Als zweite grosse Herausforderung für Verwaltungsräte identifiziert die Studie von Korn Ferry und Ecoda die zunehmende Regulierungsflut, die seit der Finanzkrise 2008 anhält. So haben die meisten europäischen Länder in den letzten Jahren ihre Corporate-Governance-Richtlinien angepasst und verschärft, etwa im Hinblick auf die Rechnungslegung. Als Antwort darauf unterziehen sich viele Verwaltungsräte einer externen Prüfung in Bezug auf ihre Performance und Effektivität. Auch nehmen sie zunehmend Einfluss auf das Talent-Management sowie die Nachfolgeplanung des Top-Kaders, um sicherzustellen, dass in jedem Fall die besten und geeignetsten Führungskräfte bereitstehen.

Regulierungsflut und Diversity Die drittgrösste Herausforderung europäischer Verwaltungsräte kann laut der Studie unter dem Begriff «Diversity» zusammengefasst werden. Einer breiteren Öffentlichkeit geläufig wurde der Begriff erstmals im Zuge der bis heute anhaltenden politischen Diskussion um die Einführung einer gesetzlichen Frauenquote in Chefetagen. Auch in den letzten Jahren gab es starke Bemühungen, die Gender-Quoten zu verbessern, wie Länder wie etwa Norwegen, Island, Belgien, Frankreich, Italien und jüngst Deutschland gezeigt haben: Sie alle schreiben heute Gender-Quoten gesetzlich vor. Andere europäische Länder, wie etwa Grossbritannien, haben sich der Einführung einer Quotenregelung bislang widersetzt. Dennoch wurden auch hier Bestrebungen unternommen, die Gender-Balance zu verbessern.

Heute wird der Begriff «Diversity» insbesondere im Unternehmenskontext breiter verstanden und über das Geschlecht hinaus auf Merkmale wie etwa das Alter, die Kultur und Sprache sowie die Erfahrungen ausgedehnt. So ist man bemüht, Verwaltungsräte und andere Führungsgremien aus Mitgliedern zusammenzusetzen, welche möglichst divers sind, das heisst, Verschiedenheiten aufweisen.

In der heutigen globalen, vernetzten Welt ist dies ein notwendiges Erfordernis, damit kluge Entscheide getroffen werden können. Nicht zuletzt lässt sich damit womöglich ein fatales Gruppendenken verhindern, das für manche Experten als mitverantwortlich für die Dysfunktionalität der europäischen Wirtschaft anzusehen ist.

Einflussfaktor Aktionäre

Als vierte grosse Herausforderung gilt der Umstand, dass Investoren immer aktiver werden. In der Schweiz fand diese Entwicklung in der Minder-Initiative seinen Ausdruck: Sie zielte darauf ab, den Aktionären ein grösseres Mitspracherecht zu gewähren, insbesondere, was die Vergütungen betrifft. Laut der Studie von Korn Ferry und Ecoda wird sich der Einfluss der Aktionäre in den nächsten Jahren noch verstärken.  

In diesem Zusammenhang interessant ist ebenfalls, dass in den meisten europäischen Ländern der Einfluss der ausländischen Investoren während der letzten zehn Jahre zugenommen hat. Bei börsennotierten Unternehmen macht der Anteil ausländischer Investoren inzwischen gar 40 Prozent aus. In den Niederlanden, Ungarn und Slowenien ist dies mit 70 Prozent sogar noch höher. Sogar auf Kapitalmärkten mit relativ wenigen ausländischen Investoren, wie es in Italien oder Deutschland der Fall ist, fordern internationale Investoren die Unabhängigkeit von Verwaltungsräten sowie mehr Respekt gegenüber Minderheits­beteiligten aktiv ein.

Einflussfaktor Staatsfonds

Ein aufkommender Trend in Europa ist in diesem Kontext die zunehmende Rolle von Staatsfonds. Qatar Investment Authority beispielsweise hat über mehrere Jahre hinweg verschiedene Beteiligungen an grossen europäischen Organisationen erworben. Darunter sind Namen wie Credit Suisse, Barclays. J Sainsbury, VW, Lagardère, LVMH und Siemens. Andere Staatsfonds wie etwa der norwegische Pensionsfonds, die Abu Dhabi Investment Authority sowie die Singapur Investment Corporation sind ebenso zu Referenzpunkten für europäische Boards geworden.

Die eingangs beschriebenen Entwicklungen haben einen zentralen Einfluss auf die Rolle heutiger Verwaltungsräte. So haben sie sich in den letzten Jahren von passiven Supervisors zu aktiven Impulsgebern und Entscheidern entwickelt. Heute reicht es nicht mehr aus, Themen wie Governance oder Compliance zu behandeln, die Verwaltungsräte von heute müssen sich zunehmend auch mit der Strategie von Unternehmen, der Vergütung, dem Auditing, dem Diversity-Management, der Nachfolgeplanung und technologischen Aspekten wie etwa Cybersecurity beschäftigen.

Saubere Nachfolgeplanung

Vorbei sind vor diesem Hintergrund die Zeiten, in denen Verwaltungsratsmandate mit Freunden, Familienmitgliedern oder sonstigen Bekannten besetzt wurden. Der sorgfältigen Auswahl und Nominierung von Verwaltungsräten wird immer mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Formalität, das heisst die Sicherstellung eines fairen und unabhängigen Verfahrens über die sozialen Netzwerke der aktuellen Führung hinaus, ist dabei eine der wichtigsten Erfordernisse. Darunter fällt auch, dass eine saubere Nachfolgeplanung erstellt wird. Diese umfasst sowohl vorhergesehene Fälle als auch Ad-hoc-Szenarien. Berücksichtigt man diese und weitere Faktoren, sollten Schlagzeilen wie «Unternehmen XY sucht Nachfolger» hoffentlich seltener werden.