Die nächste industrielle Revolution steht angeblich schon an der Türschwelle und verheisst Wunder: Industrie 4.0, Arbeiten 4.0 und Management – natürlich 4.0. Die technologischen Entwicklungen der jüngsten Zeit machen die «digitale Transformation» angeblich nicht nur notwendig, sondern zwingen gerade kleine und mittlere Unternehmen dazu, dadurch die nächste Evolutionsstufe zu erklimmen. Existiert diese Revolution denn wirklich oder ist sie nicht vielmehr ein temporärer Hype?
Update für alte Denkmuster
Sie ist ein Hype, der die Notwendigkeit einer Transformation deutlich und dringlich macht. Jedoch handelt es sich nicht um eine digitale Transformation, sondern eine organisationale, die notwendig ist. Die hat nichts mit Technologien zu tun und steht bereits seit vielen Jahrzehnten vor den Türen der Unternehmen. Sie steht dort, seit wir das Industriezeitalter verlassen und uns zu einer Wissensgesellschaft entwickelt haben. Und sie ist essenziell, damit Organisationen endlich ihr Management der Dynamik und Komplexität des Marktes anpassen. Die technologischen Entwicklungen bieten viele Möglichkeiten, die sich aber nur nutzen lassen, wenn aus dem Hype ein Dauerbrenner wird.
«Die sogenannte horizontale Vernetzung – mit Lieferanten, Kunden, Partnern und so weiter – bringt neue Produktideen und Produktionsmöglichkeiten. Durch sie werden die Teams im eigenen Unternehmen automatisch selbstorganisiert arbeiten, mehr Eigenverantwortung übernehmen und damit mit höherer Motivation mehr Leistung bringen.» Alles 4.0-Versprechen, denen ein fataler Denkfehler zugrunde liegt: dass es einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen der Vernetzung (meistens technisch gemeint) mit anderen Organisationen und der eigenen Arbeitsform gibt. Glauben wir an diese einfache Ursache-Wirkungs-Relation, sind wir schon in die Kausalitätsfalle getappt.
Die Automatisierung von Arbeitsprozessen und die hochgradige Vernetzung führen nicht notwendigerweise zu einer Veränderung in der Art, wie die eigene Organisation «tickt». Dort wirken Glaubenssätze, Werte, Normen und Regeln, die über viele Jahre etabliert und gefestigt sind und nicht mal eben durch das «Internet of Things» oder die «Industrie 4.0» verändert werden, denn eine Organisation ist komplex und nicht einfach.
Die Produktionsprozesse werden schlanker, die Produktion somit effizienter. Das ist das Wunschergebnis in vielen Unternehmen, die sich zurzeit mit der digitalen Transformation beschäftigen. Das ewige Trachten nach mehr Effizienz ist ein ebenso altes wie überholtes Denkmuster, das aus dem Industriezeitalter stammt. Damals war die Hauptaufgabe des Managements, für die Optimierung der Arbeitsdurchläufe zu sorgen und die vornehmlich repetitiven Aufgaben effizienter zu gestalten. Dieses Dogma ist überholt. Unsere Arbeitswelt ist komplex, die Aufgaben nicht mehr repetitiv. Es geht vielmehr um neue Ideen, Innovationen und die Anpassungsfähigkeit an sich schnell verändernde Märkte. Mit den alten Denkmustern wird das nicht gelingen.
Industrie 4.0 ist kein Effizienzhebel, sondern macht uns den Grad der Komplexität deutlich. Somit stellt sich die Frage, wie wir darauf reagieren. Der Versuch, mit den gegebenen Möglichkeiten die Effizienz in der Produktion zu steigern, kann leicht scheitern. Dann bleibt am Ende nur ein weiterer Hype, der nicht halten konnte, was seine Prediger versprachen. Alle neuen Technologien, Vernetzungen und Optionen nützen wenig, wenn die «Denke» in den Organisationen die alte bleibt. Sie produziert eben nur die gleichen alten Ergebnisse. Damit Neues möglich wird, müssen zunächst die Komplexität und ihre Aspekte akzeptiert werden. Das bedeutet, auf Vereinfachung und schnelle Kausalformulierungen zu verzichten und die Unvorhersagbarkeit, Intransparenz und Dynamik der Märkte und auch der eigenen Organisation zu begreifen. Und zu lernen, damit umzugehen. Der Fokus eines jeden Unternehmens muss wieder auf der Wertschöpfung liegen und nicht allein auf der Effizienz.
Viele Daten, wenig Durchblick
Ein Heilsversprechen, das gerade an KMU gerichtet wird, lautet: «Viele Daten sorgen für genauere Prognosen über Absatzmöglichkeiten und helfen, gute Entscheidungen zu treffen.» Abgesehen davon, dass diese Aussagen wieder einmal trivialisieren, steckt darin noch ein wesentlicher Komplexitätsirrtum. Gute Entscheidungen werden auf Basis von relevanten Informationen getroffen, nicht auf der Basis von möglichst vielen.
Dennoch ist «Big Data» eines der Modewörter der letzten Jahre. Laut IDC (International Data Corporation) wird sich das Datenvolumen bis 2020 auf circa 44 Zettabytes erhöhen. Im Jahr 2013 waren nur rund 22 Prozent der gesamten Daten nutzbar, im Sinne einer Verarbeitung (Kategorisierung, Analyse). Nur fünf Prozent wurden überhaupt analysiert. Es existieren also viele Daten; es wird nur sehr wenig damit angefangen. Jetzt wird Big Data als Lösung propagiert und versprochen, damit auch die Interpretation der Daten durchführen zu können. Da genau liegt der Haken, denn der bisherigen systematisierten Datenanalyse bringt der Umgang mit den enormen Datenmengen nichts. Sie liegen unstrukturiert, in den verschiedensten Formaten und in ihren Werten uneindeutig vor. Eine Analyse im herkömmlichen Sinne wird keinen Gewinn für die Unternehmen bringen. Die Daten interpretieren muss am Ende immer noch der Manager oder Geschäftsführer. Das Mehr an Bits und Bytes sorgt nicht für bessere Daten, sondern erstmal nur für mehr. Und das bringt die Menschen paradoxerweise in einen Zustand des gefühlten Informationsmangels.