Die von der US-Justiz und der Presse an- und aufgeheizte Stimmung um die Abgasskandale haben nicht nur den Volkswagen-Konzern in ein schiefes Licht gestellt. Es mag deshalb wenig populär sein, in diesen Tagen die Automobilin-dustrie als Vorbild zu zitieren. Und trotzdem, erinnern wir uns: Die Automobilindustrie inspirierte bzw. übernahm immer wieder zukunftsweisende Technologien. Die von Henry Ford angewendete und von Chaplin ironisierte Fliessbandproduktion Anfang des letzten Jahrhunderts oder die vom Tavistock Institut of Human Relation entwickelten teilautonomen Arbeitsgruppen, welche in den 1970er-Jahren von den Volvo-Werken in Kalmar und daraufhin auch von der japanischen Automobilindustrie eingeführt wurden, sind nur zwei Beispiele für die methodisch technologische Innovationsbereitschaft einer Industrie.
Externe Innovationstreiber
Und heute? Der Audi-Konzern hat eine Auszeichnung erhalten, weil er den gesellschaftlichen Megatrend der Individualisierung gekonnt übernommen und auf das Auto übertragen hat. Die Entwickler bei Audi liessen sich von der Tatsache inspirieren, dass heute in der westlichen Welt ein grosser Teil der Bevölkerung tätowiert und damit bildlich individualisiert ist. Sie entwickelten eine sogenannte «Zauberschicht», welche unter dem Autolack angebracht das Tätowieren (Zeichnungen, Schriftzüge) und damit Individualisieren des eigenen Autos erlaubt. Der Blick in Operationssäle brachte ebenfalls einen Innovationsschub. Die Autobauer beobachteten, dass dem operierenden Arzt die Instrumente auf Zuruf von einer OP-Assistentin in die Hand gelegt werden. Er bewegt sich kaum und sein Blick bleibt auf die durchzuführende Operation fixiert. In der Automobilindustrie gibt es nach wie vor zahlreiche Montageschritte, die von menschlicher Hand ausgeführt werden. Bei den modernsten Produktionsstrassen sind es nun allerdings Roboter, die dem montierenden Menschen das genau richtige Teil zeitgenau in die Hand geben.
Ein drittes Beispiel: Der Audi-Konzern hat sich bei Mc Donalds umgesehen. Die Autobauer haben sich gefragt, wie es möglich ist, dass die Produkte dieser Fast-Food-Gruppe auf der ganzen Welt in präzis derselben Form produziert werden und dann sogar gleich schmecken. Konsequente Modularisierung heisst in diesem Fall das Stichwort. Mc Donald hat jedes Produkt in zahlreiche Module zerlegt, so dass den Lieferanten sowie den produzierenden Verkaufsstellen eindeutige Vorgaben gemacht werden können. Auch diese Erkenntnisse sind bei Audi in die Produktion eingeflossen. Ein Audi – unabhängig von welchem Modell man spricht – ist heute in Module zerlegt. Jedes Auto ist modular aufgebaut, was in der Produktion eine enorme Flexibilität ermöglicht. Auf derselben Produktionsstrasse kann einem Modell A ein Modell B folgen, ohne dass die Roboter respektive die Produktionslinie umgestellt werden müssen. Die Liste der Beispiele liesse sich ergänzen. Sie zeigen alle, dass es in der heutigen Automobilindustrie für die Entwickler und Forscher eine faszinierende Selbstverständlichkeit geworden ist, sich von aussen und von scheinbar vollkommen anderen Branchen inspirieren zu lassen. Innovation findet sich gelegentlich nicht (nur) im eigenen System, in der eigenen Unternehmung, Abteilung oder Branche.
Vom Bergführer lernen
Ein Beispiel aus einer anderen Branche: Anfang der 1980er-Jahre absolvierte Robert Stucki die Bergführerausbildung. Dort kam er erstmals mit dem handlungsorientierten Lernen in Kontakt. Ihm und seinen Kollegen wurde weder das Klettern noch das Überqueren von Gletschern beigebracht, denn diese Grundfähigkeiten wurden vorausgesetzt (und geprüft). Der Fokus bei der Ausbildung der Aspiranten lag auf der Schulung der Persönlichkeit. Es galt, am Berg schwierige Situationen zu meistern und im Anschluss daran aus den gemachten Erfahrungen zu lernen. Die Reflexion der Wirkung des eigenen Verhaltens als Bergführer in einer konkreten Situation war der Ansatz dieser Schule.
Ähnlich der beschriebenen Beispiele in der Automobilindustrie übertrug Stucki diese in der Bergwelt erlebte und erprobte Methode auf die Führungsausbildung in der Unternehmerwelt. Er gründete ein Unternehmen und wurde zum Pionier des handlungsorientierten Lernens im deutschsprachigen Raum. Dabei konnte er sich auf die bereits vorhandenen Erfahrungen und Konzepte im angelsächsischen Raum abstützen. Robert Stucki hat das handlungsorientierte Lernen zwar nicht erfunden, aber in den letzten dreissig Jahren konsequent auf die Fragestellungen des Zeitgeistes angewendet. Als Trendsetter machte Stucki damals Schlagzeilen wie: «Challenge – wo die Manager das Schwitzen lernen» (Berner Zeitung, 1985) oder «Schweizer Manager am Berg».
«Ein Bergführer bringt Führungskräften bei, Ängste zu überwinden und Herausforderungen anzunehmen» (Sonntagszeitung, 1985). Oft wurde er später von Nachahmern kopiert, war aber mit seinen Konzepten und Ideen bereits wieder einen Schritt weiter. Heute ist der Trend zu «Adrenalinschüben» längst vorbei und die Unternehmungen stellen für Führungsmodule oft auch deutlich weniger Zeit als damals zur Verfügung. Auch die Themen und Herausforderungen haben sich gewandelt. Ging es in den frühen 80er-Jahren noch eher um das Ablösen des weit verbreiteten, aber zunehmend an Legitimation verlierenden militärischen Führungsstils, so sind es heute tendenziell eher der Umgang mit Komplexität, Vieldeutigkeit, Informationsflut oder die Herausforderungen einer permanenten Erreichbarkeit, die Führung von unterschiedlichen Generationen mit ihren teils fundamental verschiedenen Wertsystemen oder die als zunehmend sinnstiftend erlebte Entschleunigung, welche die Führungs- und Teamentwicklung fordert.
