Christian Schaaf, geschäftsführender Gesellschafter der Corporate Trust, Business Risk & Crisis Management GmbH in München, über die Entwicklung der Wirtschaftskriminalität, den Datenklau durch Mitarbeitende und komplexe Sicherheitsanforderungen.
Herr Schaaf, was hat sich in den letzten Jahren in Bezug auf Kriminalität im Unternehmen verändert, speziell für den Mittelstand?
Hier hat sich in der Tat einiges verändert. Zum einen sind die meisten Mittelständler immer mehr global unterwegs, sei es vertrieblich durch die Eroberung neuer Märkte oder sei es durch neue Produktionsstätten bzw. Lieferanten. Dies bedeutet, der Mittelstand ist zunehmend den Risiken der weltweiten politisch-kulturellen Veränderungen sowie von Naturereignissen ausgesetzt. Angeführt seien in diesem Zusammenhang die Gefahren durch politische Umbrüche im Rahmen des Arabischen Frühlings oder der Unruhen in Thailand, Terroranschläge in London, Madrid oder Moskau sowie Aschewolke durch den Vulkanausbruch in Island oder der Tsunami in Japan. Die Risiken durch Reisetätigkeit nehmen deutlich zu, seien es Gesundheits- oder Sicherheitsrisiken.
Zusätzlich steigt im Mittelstand deutlich das Risiko von Wirtschaftskriminalität durch eigene Mitarbeiter. Hier findet man vor allem Fälle von Korruption, meistens sogenannte Kick-back-Zahlungen, Manipulation in den Buchhaltungsdaten oder Diebstahl von Unternehmensdaten. Waren früher vor allem grosse Konzerne betroffen, gibt es zunehmend Fälle im Mittelstand. Dies vor allem daher, weil es auch hier immer öfter unzufriedene Mitarbeiter gibt bzw. weil allgemein die moralischen Wertevorstellungen sinken. Vor allem der Diebstahl von Unternehmensdaten scheint sich in den Augen der Mitarbeiter mehr und mehr zum Kavaliersdelikt zu entwickeln. Dies ist jedoch ein Trugschluss und fügt inzwischen auch mittelständischen Unternehmen horrende Schäden zu.
Als dritte Veränderung für den Mittelstand sehen wir die zunehmende Bedrohung durch Industriespionage. Die steigende Zahl von IT-Angriffen, häufig sogenannte APT’s (Advanced Persistent Threats), erfordern sehr viel Know-how und eine klare Sicherheitsstrategie bei der IT-Abteilung, um sich gegen diese umfassenden und fortwährenden Angriffe verteidigen zu können. Leider sind viele mittelständische Unternehmen im Bereich der IT-Sicherheit jedoch nicht ausreichend aufgestellt. Hier fehlen entweder qualifizierte Verantwortliche, zeitliche Ressourcen, um sich einmal frei von Administrationsaufgaben mit den neuen Herausforderungen zu beschäftigen oder das finanzielle Budget, um die Hard- und Software entsprechend nachzurüsten.
Welche Strategien muss man anwenden, um sich davor zu schützen?
KMU benötigen vor allem einen Sicherheitsverantwortlichen, der sich umfassend um alle Sicherheitsthemen kümmert und übergreifend die Verantwortung für alle Bereiche trägt und diese koordiniert, also die klassische Sicherheit sowie die IT-Sicherheit. Die Sicherheitsanforderungen sind sehr komplex geworden. Daher ist es nötig, dass jemand mit Sachverstand die verschiedenen Sicherheitsdisziplinen so verknüpft, damit alle Massnahmen sinnvoll ineinandergreifen. Dies muss nicht immer ein im Unternehmen angestellter Sicherheitsverantwortlicher sein. In vielen Unternehmen ist es wirtschaftlich sinnvoller, einen externen Berater hinzuzuziehen, um zusammen mit dem Management die Strategie zu erarbeiten. Die Umsetzung kann dann in der Regel mit den eigenen Personal-Ressourcen durchgeführt werden. Sicherheit ist jedoch Chefsache und sollte im Unternehmen von oberster Stelle verantwortet und die Strategie vorgegeben werden. Gerade für die oben beschriebenen Themen IT-Sicherheit, Prävention von Wirtschaftskriminalität und Reisesicherheit ist es heute wichtig, entsprechende Strukturen im Unternehmen einzuziehen, um sich professionell mit den Risiken auseinandersetzen zu können.
Wie bewerten Sie Clouds und BYOD?
Die Cloud ist grundsätzlich eine wirtschaftlich sinnvolle und manchmal auch sicherheitsrelevant vernünftige Lösung. Beispielhaft sei hier das Hosting eines Exchange-Servers für die E-Mail-Kommunikation durch einen Cloud-Dienstleister genannt. Ein professioneller Dienstleister kann die permanente Auseinandersetzung mit dem Thema und die regelmässige Prüfung hinsichtlich der besten Konfigurationen, um Schaden durch IT-Angriffe abzuhalten, in den meisten Fällen besser bewerkstelligen als eine mit administrativen Aufgaben hoffnungslos überlastete interne IT-Abteilung. In dieser Hinsicht hat der Einsatz von Cloud absolut Sinn. Genauso ist es mit dem Einsatz von eigenen Kommunikationsgeräten der Mitarbeiter. Sicherlich erspart es der IT-Abteilung eine Menge Aufwand und Arbeit bzw. Kosten für das Unternehmen. Darüber hinaus weiss man aus Erfahrung, dass Mitarbeiter häufig auf eigene Geräte besser aufpassen und sorgsamer damit umgehen als mit Firmengeräten. Daher ist es eine vernünftige Option, damit Mitarbeiter auf modernsten Kommunikationsmitteln, die ihnen im Umgang sehr vertraut sind, auch Firmenkommunikation betreiben können.
Allerdings bergen beide Lösungen, Cloud und BYOD, das Risiko, dass Firmeninternas an unberechtigte Dritte abfliessen. Cloud-Dienstleister sind häufig in Ländern angesiedelt, deren Datenschutzrecht sich von Deutschland oder der Schweiz wesentlich unterscheiden. Der Zugriff auf die Daten ist für Behörden oder unberechtigte Dritte im Ausland oft sehr viel einfacher und ohne rechtliche Grundlage möglich. Bei Bring Your Own Device verhält es sich ähnlich. Ein privates Handy oder Tablet des Mitarbeiters kann niemals gleich stark kontrolliert oder abgesichert werden wie ein Firmengerät. Installiert der Mitarbeiter Schadsoftware, fängt sich einen Trojaner ein oder speichert allzu viele Unternehmensdaten darauf, können sensible Informationen schnell in falsche Hände geraten.
Daher ist bei beiden Lösungen vor allem eines gefragt: Klare Sicherheitsanweisungen, welche Daten in welcher Form auf welchen Geräten kommuniziert bzw. gespeichert werden dürfen. Dafür ist es vor allem nötig, durch eine Schutzbedarfsanalyse einmal das wichtige Know-how des Unternehmens zu identifizieren. In der Regel hat jedes Unternehmen nur etwa fünf bis zehn Prozent «Kronjuwelen», die es mit einem wirklich hohen Ansatz zu schützen gilt. Für dieses sensible Wissen sollten Cloud-Dienstleistungen oder die Kommunikation über eigene Geräte der Mitarbeiter untersagt sein. Hierfür sollten die Daten nur im eigenen Unternehmen auf eigenen Servern gespeichert sein und für die Kommunikation eine klare Vorgabe existieren.
Gibt es Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz?
Im Rahmen unserer Studie wurden nur deutsche Unternehmen befragt. Bei der Häufigkeit von Vorfällen, die wir tagtäglich sehen, gibt es jedoch proportional gleich viele Fälle bei schweizerischen oder deutschen Unternehmen. Unsere Kunden kommen hauptsächlich aus dem deutschsprachigen Raum, also Deutschland, Schweiz und Österreich. Nichtsdestotrotz sehen wir eine Häufung von Korruptionsfällen in osteuropäischen Ländern. KMU zeichnen sich in der Regel durch langfristiges Management-Denken und Mitarbeiter mit überproportional hoher Verbundenheit zum Unternehmen aus. Dies ist jedoch aufgrund der Wirtschaftskrise europaweit rückläufig.
Durch das zunehmende globale Handeln von Unternehmen und die stetig steigenden Anforderungen an Mitarbeiter entwickeln sich die Strukturen von vielen KMU zusehends in Richtung Konzerndenken. Dies bringt auch einen Wandel bei der Mitarbeiter-Loyalität mit sich. Darüber hinaus bestehen heute in sehr viel mehr Ländern Risiken bzw. können sich sehr viel schneller politische Instabilitäten ergeben, so dass Unternehmen heute oftmals sehr viel schneller reagieren müssen. Dies erfordert eine frühzeitige professionelle Vorbereitung und ein hohes Bewusstsein für die Anforderungen. Sicherheit ist in erster Linie Managementaufgabe und muss von dort verstanden, mitgetragen und vorgelebt werden.
Christian Schaaf ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der Corporate Trust, Business Risk & Crisis Management GmbH in München. Der studierte Diplomverwaltungswirt (FH) arbeitete 19 Jahre im Polizeidienst. Nach seinem Ausscheiden war er Prokurist und Leiter der Bereiche Ermittlungen und Informationsschutz bei einem international tätigen Business Risk Consulting-Unternehmen.