Der Fachkräftemangel äussert sich dadurch, dass es für Arbeitgebende zunehmend schwierig ist, Mitarbeitende zu finden und zu halten. Besonders stark betroffen sind die Bereiche Ingenieurwesen, Technik, Informatik sowie Humanmedizin und Pharmazie. «Bereits vor 20 Jahren wurde davor gewarnt, dass es durch den demografischen Wandel zu einem Fachkräftemangel kommt. Mein Eindruck ist, dass dieser nun eingetroffen ist. Rein statistisch gesehen, wird es nächstes Jahr weniger potenzielle Arbeitnehmende als Arbeitsstellen auf dem Markt geben. Es könnte also sein, dass Dienstleistungen nicht ausgeführt oder Produkte nicht hergestellt werden können, weil es zu wenig Personal gibt», sagt Stephanie Escher, Lead Sourcing, Recruiting und Talents bei der SBB.
KMU stark betroffen
Besonders betroffen sind KMU. Marco Rast ist Geschäftsführer der Vision-Inside AG. Sein Unternehmen bietet IT-Dienstleistungen an und spürt den Fachkräftemangel insofern, als es Mühe hat, Mitarbeitende in den Bereichen ICT und Elektro zu finden. Rast beschreibt die Problematik wie folgt: «Wir müssen viel tun, damit die Mitarbeitenden bleiben, und gleichzeitig wird es immer schwieriger, neue zu finden. Oft erhalten wir wenig qualifizierte Bewerbungen, auch wenn wir unsere Stellen auf verschiedenen Kanälen ausschreiben.»
Teilweise ähnlich sieht dies auch Josua Regez, CEO bei isolutions, einem Unternehmen, das andere Firmen bei der digitalen Transformation begleitet. «Wir spüren den Fachkräftemangel in sehr spezifischen Bereichen, zum Beispiel in einigen Teilen der IT, in denen sich der Markt schneller entwickelt, als Leute sich aus- und weiterbilden», sagt er. Doch wie kam es dazu? Wo sind all diese Fachkräfte geblieben?
Gründe für Fachkräftemangel
Zu einem Mangel kommt es immer dann, wenn die Nachfrage grösser ist als das Angebot. «Es gibt eine Verschiebung vom Arbeitgeber- zum Arbeitnehmermarkt», sagt Escher. Im Rahmen des Fachkräftemangels führen verschiedene Faktoren zu dieser Situation. Einerseits gibt es viele Babyboomer, die in Rente gehen und offene Stellen hinterlassen. Hinzu kommt, dass die Wirtschaft wieder wächst und dadurch die Nachfrage nach Arbeitskräften noch weiter steigt.
Andererseits stagniert das Angebot an Arbeitskräften: Viele arbeiten heute Teilzeit, andere Fachkräfte aus dem Ausland sind in ihr Heimatland zurückgekehrt und in nochmals anderen Bereichen werden nicht genügend Personen aus- und weitergebildet. Aufgrund von aktuellen Trends, wie zum Beispiel der Digitalisierung, sind einige Kompetenzen besonders stark gefragt, weshalb diese Fachkräfte ganz speziell begehrt und rar sind.
Einige dieser Faktoren können nur schwer beeinflusst werden. Bei anderen wiederum liegt der Ball bei den Unternehmen, denn sie hängen damit zusammen, dass die Firmen den Arbeitnehmenden nicht das bieten, was diese wollen. Gerade sehr junge Leute aus der Generation Z haben andere Lebensideen und Werte. «Früher warst du cool, wenn du pro Woche 70 Stunden gearbeitet hast und dem Bild des leistungsorientierten Über-Performers entsprachst. Die jungen Menschen heute können oft nicht verstehen, weshalb jemand 100 Prozent arbeitet. Sie sind – zu Recht – nicht bereit, ihr ganzes Leben auf die Karriere auszurichten», sagt Escher.
Hinzu kommt, dass sich gewisse Berufsgruppen auch sehr schwertun, Frauen anzuziehen. Unternehmen müssen also auch hier Lösungen finden, um für ihr Zielpublikum attraktiv zu werden. «Wir haben früh in unser HR investiert und eine gute Employer Experience aufgebaut. Zu einer Zeit, als es noch gar keine Notwendigkeit war. Uns war immer klar, dass es entscheidend ist, über die guten Leute zu verfügen. Genauso, wie du Produkte den Kundinnen und Kunden verkaufst, solltest du dich auch gegenüber potenziellen Mitarbeitenden positionieren», sagt Regez.
Die Employer Experience
Das Unternehmen Vision-Inside AG hat 2019 eine Auszeichnung für den besten Arbeitgeber der Schweiz erhalten. Trotzdem leidet es unter dem Fachkräftemangel. Unternehmen müssen sich also richtig ins Zeug legen. «Die Konkurrenz schläft nicht. Jedes Unternehmen hat sein Steckenpferd: Die einen haben sehr attraktive Büro-Räumlichkeiten, andere bieten gleich zu Beginn acht Wochen Ferien und nochmals andere haben einen Standort im Zentrum von Zürich. Gerade als KMU kann man nicht überall punkten, deshalb musst du dir gut überlegen, in welchen Bereich du investieren willst», sagt Rast.
Employer Experience heisst das Zauberwort. Unternehmen müssen sich so positionieren, dass es für Arbeitnehmer erstrebenswert wird, dort zu arbeiten. «Es braucht Unternehmenskulturen, die den Bedürfnissen der heutigen Arbeitnehmenden besser entsprechen», so Escher. Hierbei ist es wichtig, wirklich auf die Bedürfnisse der Zielgruppe einzugehen. Es bringt nichts, einen übertrieben hohen Lohn anzubieten, wenn das Zielpublikum flexible Arbeitszeiten und Homeoffice möchte. Viele junge Menschen wollen keine klassische Karriere mehr, sondern sind eher auf der Suche nach Sinnhaftigkeit. Unternehmen, die sich für Nachhaltigkeit einsetzen, einen hohen Wert auf Gendergerechtigkeit legen und soziale Strukturen unterstützen, stehen deshalb hoch im Kurs. «Wir sind konstant an dem Thema Generation Z dran und bemühen uns, auch Frauen in unsere Branche zu locken. Wir können uns gar nicht erlauben, dieses Thema nicht anzugehen», sagt Rast.
Ein ganzheitlicher Ansatz
Bei isolutions wird Employer Experience als ganzheitlicher Ansatz umgesetzt und umfasst unterschiedliche Aspekte, wie flachen Hierarchien, ansprechende Räumlichkeiten, das Feiern von Meilensteinen und einen Bierstand im Büro. «Employer Experience muss aus einer Überzeugung entstehen und nicht aus einem temporären Problem», so Regez.
In Bezug auf die Generation Z verfolgt isolutions daher eine sehr mutige und proaktive Strategie: Sie befähigen die jungen Leute und übergeben ihnen viel Verantwortung. Ihre Lernenden-Betreuerin gehört beispielsweise selbst zu dieser Generation und kann den Lernenden somit auf Augenhöhe begegnen. «Es ist eine Win-win-Situation. Wir geben jungen Leuten Verantwortung und sie können ihre Ideen umsetzen. Dabei überschätzen sich die jungen Mitarbeitenden teilweise und merken, dass es nicht ganz so einfach ist. Doch das ist auch gut, denn so lernen sie», so Regez.
Für grosse Unternehmen wie die SBB ist es aufgrund von grösseren Ressourcen natürlich einfacher, den Mitarbeitenden mehr Zusatzleistungen zu bieten. Kleine Unternehmen können aber davon lernen und sich einzelne Elemente abschauen. «Wir merken, dass wir noch viel schneller sein müssen. Sind wir zu langsam, ist die Chance gross, dass die Leute zwischenzeitlich bereits etwas anderes gefunden haben», so Escher. Deshalb führt die SBB gerade in handwerklichen Bereichen sogenannte «Speed-Recruitings» durch. Dabei führt sie direkt in den Unterhaltswerken Gespräche mit potenziellen neuen Mitarbeitenden. Wenn es für beide Parteien passt, wird noch vor Ort eine Zusammenarbeit vereinbart.