Strategie & Management

Automobile Trends und Flottenmanagement I

Das Mobilitätsmanagement von morgen

Die Mobilitätslösungen in den Unternehmen werden in den kommenden zehn Jahren von vier Megatrends bestimmt: Digitalisierung, Sharing, Dekarbonisierung und autonomes Fahren. Was dahintersteckt und zu erwarten ist, zeigt dieser Beitrag.
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Welcher dieser Megatrends in Zukunft den grössten Einfluss haben wird, lässt sich heute nur schwer prognostizieren – zu komplex sind die Wechselwirkungen zwischen den Menschen, der Technik und der Regulatorik. Was aber steckt hinter diesen Trends?

Digitalisierung

Das Internet der Dinge steht für den rasant ansteigenden Anteil von Geräten des Alltags – so auch das Automobil, das in Echtzeit Daten vom Fahrzeug an eine Zentrale sendet. Heute werden diese Daten zumeist nur bei den Fahrzeugher­stellern intern genutzt, um die Fahrzeuge technisch zu «überwachen». Gerade hier schlummert aber ein grosses Potenzial zur Steigerung der Effizienz bei der Verwaltung einer Fahrzeugflotte. Nur ein paar wenige Beispiele dazu:

Kilometerstände: Grössere Flotten haben Mühe, die Kilometerstände der Fahrzeuge aktuell zu halten, um Ausreisser und damit Kostenabweichungen zu den Budgets zu erkennen. Über einen Zugang zu der Fahrzeugschnittstelle können interne oder externe Fuhrparkmanager die Einsatzplanung der Flotte deutlich effizienter gestalten.

Unfallmeldung: Bereits beschlossene Sache ist die Einführung von E-Call (emergency call), eine Notruffunktion, mit der sämtliche Neufahrzeuge ab Frühjahr 2018 ausgestattet sein müssen. Bei einem Unfall wird dank diesem System automatisch ein Notruf vom Fahrzeug an eine Notrufzentrale ab­gesetzt. Ziel ist es, schneller Hilfe zu leisten, um die Überlebenschancen von Schwerverletzten zu erhöhen.

Fahrzeugversicherung: Mit den Echtzeitdaten aus dem Fahrzeug über Fahrstil und -gewohnheiten des Fahrers sind ganz neue Versicherungslösungen denkbar, die stärker auf das tatsächliche Risiko ausgerichtet sind und damit den Prämienbedarf der Versicherung genauer beschreiben.

Risikomanagement: Fahrzeugdaten können wichtige Hinweise auf das Fahrverhalten und damit auch auf die Unfallrisiken liefern, zum Beispiel durch gezielte Fahrtrainings können Einsparungen im Verbrauch und beim Verschleiss – also bei den Betriebskosten – erzielt werden.

Die Liste ist an dieser Stelle noch lange nicht abgeschlossen. Einem exzessiven Ausbau der Anwendungen stehen jedoch Bedenken beim Datenschutz gegenüber. Die berechtigten Interessen der Fuhrparkbetreiber und die «Entpersonalisierung» der Daten werden aber dazu beitragen, dass die Nutzung dieser Möglichkeiten zügig voranschreiten und im Bereich der Fuhrparkkosten weitere Einsparungspotenziale freilegen wird.

Sharing-Ökonomie

Studien und auch die gelebte Praxis belegen eindrucksvoll, dass sich das Wertesystem der verschiedenen Generationen nachhaltig verschiebt. Insbesondere die jüngeren Menschen messen dem Eigentum an einer Sache nicht mehr so viel Bedeutung bei und fangen an – aus Gründen der Ökonomie, aber auch weil es «hip» ist – ihre Dinge zu teilen. Eindrücklich ist der Erfolg von Airbnb, der weltweit führenden Plattform zur kurzzeitigen Vermietung der eigenen Wohnung. Oder Sharoo, einer Plattform, über die Sie Ihr eigenes Auto einem von Ihnen selbst definierten Kreis von Nutzern überlassen können und dafür eine Gebühr in ebenfalls selbst definierter Höhe erhalten. Das macht absolut Sinn, stehen doch Autos oft ungenutzt herum.

Das gilt auch für viele Firmenfahrzeuge, insbesondere bei sogenannten Benefit-Cars, also Fahrzeugen, die als Gehaltsbestandteil zur Verfügung gestellt, aber für die eigentliche Berufsausübung gar nicht benötigt werden. Unsere Kunden berichten, dass besonders die jungen Bewerber das Auto teilweise gar nicht mehr als Teil der Vergütung möchten, im Gegenzug aber eine Möglichkeit schätzen, bei Bedarf ein Fahrzeug aus dem Firmenfahrzeug-Pool «leihen» zu können. Was den meisten Unternehmen dafür noch fehlt, sind organisatorische und formale Voraussetzungen. Ausser von einigen wenigen Totalverweigerern wird der Einfluss der menschengemachten Erhöhung der Treib­hausgase sowie den damit einhergehenden Klimaveränderungen mit allen nega­tiven Konsequenzen von niemandem wirklich bezweifelt. Aus diesem Grund haben sich nahezu alle Staaten auch dazu verpflichtet, die CO2-Emissionen in Zukunft massiv zu reduzieren, um den Klimawandel abzuschwächen.

Ökonomische Motive

Die Motive dahinter sind in der Zwischenzeit schon mehr ökonomisch als ökologisch geprägt. Industriestaaten, die schon seit längerer Zeit CO2-Ziele verfolgen, stellen unterdessen ausnahmslos fest, dass die Verursacher Energieerzeugung, Industrieproduktion, Wärme- und Energieversorgung von Wohnungen ihre Ziel­vorgaben vergleichsweise gut erreichen, während der Sektor Mobilität kaum Einsparungen generiert. Und das hängt mit dem dramatischen Anstieg des Verkehrsaufkommens durch Fahrzeuge mit konventionellen Antrieben zusammen (Benzin- und Dieselmotoren für Personen- und Güterverkehr).

Alternative Antriebe

Unter verantwortungsvollen Politikern gilt es als ausgemacht, dass die Zukunft den alternativen Antrieben gehören wird (ob sich batterieelektrische, Brennstoffzellenantriebe oder Power-to-Gas-Konzepte durchsetzen, kann heute allerdings noch nicht sicher beantwortet werden). Sicher ist, Verbrennungsmotoren, die auf fossile Rohstoffe angewiesen sind, werden es nicht sein. In Norwegen sowie den Niederlanden wird bereits diskutiert, ob der Verkauf von Fahrzeugen mit fossilen Antrieben ab 2025 gänzlich verboten werden soll. Und das ist erst der Anfang – andere Länder werden folgen. In China bekennt sich die Regierung öffentlich dazu, dass eine weitere Motorisierung der Bevölkerung mit konventioneller Antriebstechnologie das Land nicht überstehen kann, weil die Lebensbedingungen aufgrund der Luftverschmutzung in den Ballungsgebieten unerträglich würden.

Autonomes Fahren

Im «Urbegriff» ist die Evolution bereits angelegt: Automobil – autos (griechisch: selbst) – mobilis (lateinisch: beweglich). Das sich bewegende Automobil ohne Fahrer ist somit die wahre Entsprechung des Begriffs. Wenn in der heutigen Zeit Experten über die Zukunft des autonomen Fahrens sprechen, haben sie zwei grundlegend unterschiedliche Bilder vor Augen. Die Vertreter der Automobilindustrie sehen moderne Fahrzeuge, die vom Konzept nach wie vor für Kunden gestaltet sind, die gerne selbst Hand anlegen und nur gelegentlich das Steuer aus der Hand geben möchten. Vertreter anderer Branchen hingegen sehen hier auch völlig andere Fahrzeugkonzepte, die Fahrzeugführer gar nicht mehr berücksichtigen, sondern eher «Gefässe» für die komfortable Beförderung von Fahrgästen mit allerlei Funktionalitäten für eine möglichst sinnvolle und freudvolle Gestaltung der Fahrtzeit darstellen. Das Fahren als Selbstzweck entfällt.

Der Grund für die unterschiedliche Sichtweise ist recht einfach zu erklären. Die Automobilindustrie hofft darauf, weiterhin stark emotionsgetriebene Kunden bedienen zu können, die sich völlig unwirtschaftliche und teilweise für den eigentlichen Zweck unpraktische Dinge für viel Geld kaufen, um am bestehenden Geschäftsmodell festhalten zu können. Das reine «Transportgefäss mit praktischen Funktionalitäten» hat aber entscheidende Nachteile für die Hersteller. Die persön­liche Bindung fehlt beispielsweise fast gänzlich und es werden zur Deckung des Bedarfs viel weniger Fahrzeuge benötigt, da die Auslastung erheblich steigen wird. Heute ist ein Fahrzeug durchschnittlich mit 1,3 Personen besetzt und steht 90 Prozent ungenutzt in der Landschaft. Wenn Sie in beiden Kriterien bei der Auslastung entscheidende Verbesserungen erreichen, werden in Zukunft viel weniger Fahrzeuge benötigt.

Auswirkung auf Firmenflotten

Die Digitalisierung und Vernetzung der Fahrzeuge bietet erhebliche Potenziale für eine effizientere Bewirtschaftung der Fahrzeugflotte. Der Umgang mit den Daten erfordert einige Disziplin und Augenmass, um die berechtigten Ängste der Mitarbeitenden zu würdigen. Gut gemacht eröffnen sich aber bereits heute spannende Möglichkeiten. Die sich verändernden Werte und Bedürfnisse der Arbeitnehmer erfordern An­passungen bei den Vergütungssystemen und Lohnnebenleistungen. Firmeninterne Carsharing-Angebote können hier eine Bereicherung des Angebots und damit ein Differenzierungsmerkmal im Wettbewerb um die besten Mitarbeitenden sein. Etwas weiter gedacht, bieten einige Unternehmen ihren Mitarbeitern bereits heute ein gesamthaftes Mobilitäts-Budget, dessen Höhe, in Abhängigkeit von Funktion und Hierarchie definiert, dem Mitarbeiter eine freie und flexible Nutzung unterschiedlicher Verkehrsmittel ermöglicht sowie extern administriert wird. Einhergehend mit der Nutzung von verkehrsträgerübergreifenden Abrechnungs- und Buchungssystemen inklusive der Trennung von Privat- und Geschäftsreisen eröffnet dies den Unternehmen wie auch den Mitarbeitenden maximale Flexibilität im Bereich der Mobilität.

Spezialwissen gefragt

Die zunehmende Verbreitung von alternativen Antrieben erfordert neues Wissen, das die meisten Unternehmen intern kaum aufbauen können. Ob es um die Einsatztauglichkeit für den Geschäftszweck von Elektrofahrzeugen oder die dafür erforderliche Ladeinfrastruktur geht, es ist Spezialwissen gefragt, das derzeit leider nur bei wenigen Anbietern ganzheitlich aufgebaut wird. Zu verhaftet sind die Branchen in ihren klassischen Geschäftsmodellen. Aber auch diese Diversifizierung bietet Unternehmen gute Chancen, sich im Wettbewerb um Kunden und gute Mitarbeiter von ihren Marktbegleitern abzuheben, ohne mittel- und langfristig höhere Kosten in Kauf nehmen zu müssen.

Autonomes Fahren wird zwei wesentliche Effekte hervorbringen. Die Steigerung der Effizienz und der Sicherheit. Die Zeit des Fahrens kann sinnvoller genutzt werden – vergleichbar einer Reise im Zug. Zudem werden langfristig deutlich weniger Unfälle passieren, je weniger Entscheidungen im Strassenverkehr von Individuen getroffen werden. Das ist gut für die Gesundheit der Mitarbeitenden und für die Kosten. Der Zeitpunkt und die Geschwindigkeit für die Verbreitung dieser Technologie sind jedoch am schwierigsten von allen Trends vorherzusagen. Auf der einen Seite hat die Schweizer Post ein erstes Projekt mit einem autonom fahrenden Bus in Sitten lanciert, auf der anderen Seite ist allen Beteiligten klar, dass sowohl die rechtlichen Rahmenbedingungen als auch die Topografie der Schweiz einer schnellen Verbreitung dieser Technologie im Wege stehen.

Die Zukunft beginnt heute

Obwohl noch einige Hürden zu überwinden sind, werden diese Entwicklungen wahrscheinlich viel schneller relevant, als man es im Moment erwartet. Oder hätten Sie erwartet, dass ein Fahrzeughersteller innerhalb von drei Wochen nach der Präsentation des ersten Vor­serienmodells eines massentauglichen Elektrofahrzeugs über 300000 Vorbe­stellungen mit je einer Anzahlung von 1000 US-Dollar erhält? Die Welt verändert sich – immer schneller.

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