Es sind turbulente Zeiten: Dynamische Märkte und neue Technologien erhöhen den Innovationsdruck auf die Unternehmen. Eine Generation junger Arbeitnehmer drängt auf den Arbeitsmarkt, deren Arbeits- sowie deren Kommunikationsgewohnheiten sich deutlich von den bisherigen geregelten Abläufen und Entscheidungsprozessen in den Unternehmen unterscheiden.
Stabilität und Flexibilität
Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, sind agile Organisationsformen hoch im Kurs. Die Idee dahinter ist ebenso einfach wie einleuchtend: Der Ungewissheit und Unplanbarkeit der Märkte soll ein Unternehmen entgegengesetzt werden, das nicht nur innovativ und konsequent auf den Kunden ausgerichtet ist, sondern ausserdem schnell und wendig auf die unberechenbaren Marktentwicklungen reagieren kann. Flexibilität wird zum Wettbewerbsvorteil.
Von jeher ist die Vorstellung der optimalen Organisationsform stark beeinflusst von den gerade herrschenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. In einer Zeit einer stabilen Wirtschaftslage waren solcherlei Organisationsstrukturen gefragt, welche Planbarkeit und Effizienz sicherstellten. Mit zunehmendem Konkurrenz- und Kostendruck tauchten Organisationskonzepte auf, die die Unternehmen zur Verbesserung der Produktivität auf «schlank» (lean) trimmten.
In der Vuca-Welt (volatility, uncertainty, complexity and ambiguity), wie wir sie heute kennen, herrscht die Idealvorstellung, dem Unternehmen die Innovations- und Wandelfähigkeit sozusagen in die Organisations-DNA zu impfen. Holokratie, kollegiale Führung oder agile Organisation heissen die Konzepte, mit denen die Hierarchie zugunsten von Selbstorganisation abgebaut wird und die Unternehmen fit werden für eine unsichere Zukunft.
So unterschiedlich die verschiedenen Organisationsformen auch scheinen, im Grunde drehen sie sich alle um die eine, immerwährende Herausforderung: den notwendigen Ausgleich zwischen Stabilität und Flexibilität zu finden.
Stabilität braucht ein Unternehmen, um seine Produkte und Dienstleistungen zuverlässig, effizient und kostengünstig auf den Markt bringen zu können. Die Flexibilität ist notwendig, damit das Unternehmen laufend auf die neuen Kundenanforderungen und Technologien reagieren kann. So gesehen ist Hierarchie nicht generell negativ. Sie schafft Klarheit und Entscheidungsfähigkeit. Kippt Hierarchie jedoch um in Bürokratie, dann wird aus Klarheit Trägheit und aus Entscheidungsfähigkeit wird Ideen-Armut.
Diesen Umkipp-Effekt kann es in jeder Organisationsform geben. Stabilität und Flexibilität sind plötzlich nicht mehr im Fliessgleichgewicht. Die Frage ist also nicht, welches die richtige Organisationsform ist, sondern wie in der gewählten Organisationsform – sei es Hierarchie oder Holokratie – der permanente Ausgleich zwischen Stabilität und Flexibilität geschaffen werden kann.
Agile Prinzipien
Wertvolle Anregungen dafür liefern die agilen Prinzipien. Agile Prinzipien haben ihren Ursprung in der Softwareentwicklung, aber sie werden immer mehr als allgemeine Organisations- und Führungsprinzipen verstanden. Entstanden sind sie als Antwort auf die zunehmende Komplexität und Ungewissheit der Rahmenbedingungen grosser Software-Projekte – also genau die Situation, der sich heute die Unternehmen unabhängig von Branche und Grösse ausgesetzt sehen. Die agilen Prinzipien überbrücken die hierarchische Trennung von «denen da oben», die entscheiden, und «denen da unten», die ausführen. Sie schaffen damit mehr Flexibilität und eine erhöhte Reaktionsgeschwindigkeit auf Veränderungen.
Agiles Führen und Arbeiten basiert auf selbstorganisierten Teams. Lineares Planen und Umsetzen wird aufgebrochen
in eine Abfolge von kurzen Arbeitszyklen und institutionalisierten Feedbackschleifen. Das eröffnet Freiräume, in denen Gedanken reifen, Ideen erprobt werden und innovative Lösungen entstehen können. Die konsequente Ausrichtung an den Erwartungen der Kunden gibt den agilen Teams Orientierung.
In agilen Teams werden autonome Individuen und freie, spontane Interaktion höher gewichtet als starre Prozesse und Werkzeuge. Aber gleichzeitig werden der so geschaffenen Offenheit und Flexibilität auch Grenzen gesetzt durch gemeinsam verabredete Regeln wie die Arbeitsteilung, die Arbeitsweisen, die Entscheidungsfindung, die Rollen sowie die Verantwortung im Team.


