Mit der Aufhebung der Homeoffice-Pflicht kehren viele Arbeitnehmende in ihre Büros zurück. Die Lehren aus den letzten beiden Jahren dürften aber viele Unternehmen dazu bewegen, moderne Arbeitsmodelle auch künftig zu fördern und weiterzuentwickeln. Die Voraussetzungen dafür sind gegeben: Viele Firmen haben in den letzten Jahren beträchtliche Investitionen in die digitale Infrastruktur und neue Telekommunikationstechnologien getätigt und sich so für die Zukunft gewappnet.
Zunehmende Flexibilität
Von alternativen Arbeitsmodellen profitieren nicht nur die Mitarbeiter. Anlässlich einer europaweiten Studie von Vitreous World in Zusammenarbeit mit Owl Labs im Mai 2021 wurden über 2000 Entscheidungsträger zum Thema befragt. 92 Prozent der Führungskräfte wollen auch nach der Coronakrise fortschrittliche Arbeitsmodelle erproben und umsetzen und elf Prozent erwarten, dass die Mitarbeiter wieder Vollzeit ins Büro zurückkehren werden.
Die Pandemie hat also in zwei Jahren geschafft, was sonst noch deutlich länger gedauert hätte: Die Präsenzpflicht im Büro erodiert. Fast zwei Drittel der Führungskräfte bestätigen, dass die Rentabilität des Unternehmens gesteigert wurde. Auch in Sachen Recruiting bringt das Remote-Arbeiten Vorteile mit sich: Ohne fixen Standort kann aus einem grösseren Talentpool geschöpft werden (Quelle: resources.owllabs.com/state-of-hybrid-work/2021/europe).
Die anfängliche Skepsis ist vielerorts der Erkenntnis gewichen, dass flexible Arbeitsmodelle umsetzbar sind sowie die Produktivität und die Zufriedenheit der Mitarbeiter steigern. Es ist davon auszugehen, dass auch Schweizer Unternehmen das hybride, flexible und dezentrale Arbeiten fördern und weiterentwickeln. Regelmässiges Homeoffice ist dabei erst der Anfang, denn alternative Arbeitskonzepte gibt es verschiedene. Nebst der Einführung der Vier-Tage-Woche, der Nutzung von Kern-Arbeitszeiten oder der vertrauensbasierten Ferienpolitik spielt auch das ortsunabhängige Arbeiten eine immer gewichtigere Rolle.
Job und Freizeit verschmelzen
Die konsequente Trennung von Arbeit und Freizeit verschwindet zusehends – und selbst das «Home» in Homeoffice ist ein flexibler Begriff. Man arbeitet dort, wo man gerade ist. Und das immer öfter auch am Ferienort. Das Buzzword Workation beschreibt diese Kombination aus Ferien und Arbeit. Laut einer Studie von booking.com, mit über 20 000 teilnehmenden Personen, gab ein Drittel (37 Prozent) der Befragten an, dass sie bereits in Erwägung gezogen haben, einen Workation-Aufenthalt zu buchen, um etwas Abwechslung vom Homeoffice zu erleben. Und über die Hälfte der weltweit Reisenden (52 Prozent) vermerkte, dass sie bei Gelegenheit eine Geschäftsreise verlängern würden, um noch etwas Freizeit einzuplanen. Viele würden an ihren Urlaub auch ein oder zwei Wochen anhängen, um vom Urlaubsort aus zu arbeiten (Quelle: resources.owllabs.com/state-of-hybrid-work/2021/europe). Damit verschmelzen die Grenzen zwischen Arbeit und Ferien immer mehr und die Mitarbeiter können die Aufenthalte flexibler gestalten – was sich schlussendlich in einer ausgewogenen Work-Life-Balance und einer erhöhten Zufriedenheit auszahlt.
Ferienlösungen gesucht
E-Domizil, der Schweizer Marktführer für Online-Vermittlungen von Ferienwohnungen und Ferienhäusern, kann den Trend in der Schweiz bestätigen. Laut Geschäftsführer Marcel Meek wird explizit nach geeigneten Domizilen gesucht. Die Reservationen verdeutlichen dies: «Die Anzahl Buchungen durch Alleinreisende hat sich seit 2019 mehr als verdoppelt. Diese reisten vermehrt ausserhalb der Hauptreisezeiten an und weisen eine überdurchschnittlich lange Aufenthaltsdauer auf» (die höchste Zahl an Alleinreisenden war 2021 im September und Oktober auszumachen).
Im Servicecenter von E-Domizil seien zudem ausgesprochen viele Anfragen nach Feriendomizilen mit starkem WLAN und gut eingerichteten Arbeitsplätzen eingegangen. Und auch die Vermieter der Unterkünfte hätten zurückgemeldet, dass viele Reisende die gute Einrichtung der Arbeitsplätze geschätzt hatten. Generell erlebt der Ferienwohnungsmarkt derzeit einen regelrechten Boom. Die Vermittlungsplattform hat die letzten zwei Jahre neue Rekordergebnisse verbuchen können. «Dies ist auch darauf zurückzuführen, dass die pandemische Lage das Bedürfnis nach Ferienlösungen mit ho-hen Hygiene- und Sicherheitsmassnahmen gesteigert hat», meint Meek.
Hotellerie passt sich an
Und auch in der Hotellerie werden die sich ändernden Gästebedürfnisse zunehmend spürbar. «Unsere Gäste arbeiten immer öfter im Hotel und kombinieren dies mit Freizeitaktivitäten», erklärt etwa Thomas Vogt, Direktor des Valbella Resort auf der Lenzerheide. Immer öfter sehe man beispielsweise den Familienvater am Laptop arbeiten, während die Kinder in der Skischule sind. Vogt will sein Angebot auf ebendiese Bedürfnisse anpassen.
Anlässlich eines umfassenden Umbaus im Frühling 2022 werden 14 Zimmer des Resorts zu sieben grösseren Junior-Suiten mit neuster Technikausstattung zusammengeführt. Das soll den Gästen die Verbindung von Arbeits- und Wohnraum ermöglichen und die notwendige Infrastruktur bereitstellen, damit beispielsweise Zoom-Calls auch bei hoher Internetauslastung ohne Stocken abgehalten werden können. Auch der Aussenbereich erhält eine Generalüberholung: Der Hotelpark soll Raum für Seminare im Freien bieten, während ein Bio-Schwimmteich für die kurze Abkühlung sorgt.
Vorteile der Workation
Arbeiten in der Ferienunterkunft bringt verschiedene Vorteile mit sich. Es bietet den Reisenden die Möglichkeit, die Zeitplanung zu optimieren – Wochenenden können sinnvoll verlängert und die Hauptreiseströme umgangen werden. Workation entlastet den Verkehr, reguliert die Personenströme vor Ort und ermöglicht die ganzjährige Nutzung von Unterkünften. Denn leere Betten während der Nebensaison werden für viele Bergregionen zunehmend zum Problem. Auch Marcel Meek von E-Domizil erachtet Workation in vielerlei Hinsicht als sinnvoll.
Nebst den Unternehmen profitieren auch die Ferienregionen von diesem Trend. «Gerade weil Workation saisonunabhängig ist und viele Reisende ausserhalb der Hauptsaison diese Möglichkeit nutzen, werden die Destinationen belebt. Mit belegten Betten in den Ferienregionen ist der Erhalt der lokalen Strukturen wie des Gewerbes, der Restaurants, der Dorfläden und der Freizeiteinrichtungen gewährleistet.»
Der Workation-Trend ist in der Schweiz also bereits klar erkennbar und hat viele Vorteile. Er stellt den Tourismus aber auch vor neue Herausforderungen. Um die Bürotauglichkeit einer Ferienunterkunft zu gewährleisten, sind Innovationen in der Angebotsgestaltung gefragt: neue Infrastrukturen, angepasste Dienstleistungen und eine differenzierte Preisgestaltung – um nur ein paar Bereiche zu nennen. Gelingt dies langfristig, so entstehen abseits der überfüllten Ballungszentren kleine Business Hubs.