Mensch & Arbeit

Führungsverhalten

Wie Vertrauen zum Erfolgsfaktor werden kann

Was im persönlichen Alltag selbstverständlich ist, darf im Unternehmen nicht fehlen: Vertrauen. Besonders Führungskräfte sollten wissen, wie sie das Vertrauen ihrer Mitarbeiter dauerhaft gewinnen können. Denn so werden nachweislich die Motivation und das Leistungsvermögen gesteigert.
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Schon Goethe stellte fest, dass der Mensch, wenn er über sich selbst oder über für ihn persönlich wichtige Themen spricht, dazu neigt, zu verschleiern, zu beschönigen und dazuzudichten. Dichtung und Wahrheit gehen dann gerne mal Hand in Hand. Hier lassen sich durchaus Parallelen ziehen zu der gängigen Unternehmenspraxis, in der unpopuläre Entscheidungen und gravierende Veränderungen möglichst optimistisch präsentiert werden, ihre Ursachen und denkbare negative Konsequenzen nur rudimentär
vermittelt werden und die Unternehmens­kommunikation nach aussen ganz selbstverständlich beschnitten wird. Doch Mitarbeiter reagieren darauf zunehmend misstrauisch und skeptisch gegenüber dem Unternehmen und seiner Führungslinie, und oft geht damit sinkende Motivation einher.

Dass Vertrauen motiviert und die Bindung ans Unternehmen stärkt, ist messbar, denn Leistungsvermögen lässt sich in Zahlen ausdrücken: Zwei Wissenschaftlerinnen der kanadischen York Universität untersuchten anhand von 88 Filialen eines Handelsunter­nehmens neben den Verkaufszahlen und Umsätzen auch den Einfluss von Vertrauen auf das Arbeitsklima. Dabei fanden sie heraus, dass, wer Vertrauen spürt, sowohl härter und länger arbeitet, als auch motivierter und produktiver ist – und freundlicher mit Kunden umgeht.

Den eigenen Mitarbeitern Vertrauen entgegenzubringen, gilt inzwischen als Basis-Herausforderung; Vertrauen aber als Führungskraft zu gewinnen, wird hingegen noch häufig vernachlässigt. Dabei ist es ebenso entscheidend für den Unternehmenserfolg und schlimmstenfalls kann entstehendes Misstrauen sogar drastisch den Unternehmenszielen schaden.

Einflussfaktoren

Mitarbeitervertrauen ist zweifellos das Bindemittel einer jeden Zusammenarbeit mit der Führungsetage und kann durch vier konkrete Faktoren in seiner Qualität und Stabilität beeinflusst werden:

1. Qualität durch persönlichen Kontakt

Es ist ein ganz menschlicher Prozess: Je mehr Informationen und Eindrücke man zur Verfügung hat, desto eher relativieren sich Unsicherheiten und Skepsis. Mit jeder Begegnung wächst das Gefühl des Bekannten und der Vertrautheit.

In einer Kooperationsstudie der Cornell University New York und der Universität Köln wurden 120 Studenten in einem mehrstufigen Experiment beobachtet, bei dem sie durch Vertrauen ihren Gewinn vervierfachen konnten. Es zeigte sich, dass die Tendenz, den Gewinn zu riskieren, stieg, wenn sie mehr Informationen über ihre Experimentpartner bekamen. Dieses Ergebnis können sich auch Führungskräfte zunutze machen: Die Anzahl der Begegnungen und investierte Zeit können massgeblich die Qualität des Vertrauens mitbestimmen. Ob ein freundlicher Smalltalk im Flur oder die gemeinsame Arbeit am Projekt, jeder persönliche Kontakt trägt zu einer soliden Vertrauensbasis bei.

2. Kleine Gemeinsamkeiten – grosse Effekte

Ähnliche Interessen und Gemeinsamkeiten, wie zum Beispiel der Besuch der gleichen Hochschule oder die Mitarbeit an demselben Auslandsprojekt, verbinden. Solche Schnittmengen schaffen alternative Informationsquellen, die bei der Einschätzung des Gegenübers helfen können, sie stellen gewisser­massen eine Referenz dar.

Die kanadische Wissenschaftlerin Luisa De­Bruine fand heraus, dass dabei schon der kleinste gemeinsame Nenner genügen kann. Sie bat 24 Probanden mit virtuellen Gegnern um Geld zu spielen, wobei die Stärke des Vertrauens mit der Gewinn- oder Verlustsumme gekoppelt war. Das Ergebnis war denkbar einfach: Je ähnlicher die virtuellen Gegner den Probanden waren, umso mehr vertrauten ihnen die Teilnehmer. Ein Ziel der Begegnungen zwischen Führungskraft und Mitarbeitern sollte daher sein, solche Gemeinsamkeit herauszufinden und die Bindung auf diesem Wege zu festigen.

3. Versteckte Stolpersteine: Erwartungen

Jede Interaktion beinhaltet Erwartungen, die Annahme, dass die Aussagen des Anderen grundsätzlich wahr sind ebenso wie das Erreichen-Wollen konkreter Projektziele. Jedoch werden meist nur die explizit genannten erfüllt, die unausgesprochenen dagegen zu oft vernachlässigt. Doch gerade diese Erwartungen sind es, die schnell zum Risiko für die Vertrauensbasis werden, denn bleiben sie unerfüllt, wird dies leicht als mangelnde Zuverlässigkeit ausgelegt. Es lohnt sich also konkret nachzufragen, zu beobachten und genau hinzuhören. Nur so lassen sich versteckte Erwartungen aufdecken und Enttäuschungen letztendlich vermeiden.

4. Smarter Vertrauensvorschuss

Trauen Sie sich! Es liegt zwar im Wesen des Menschen, sich zu schützen und zunächst lieber wenig Vertrauen zu schenken – es ist schliesslich ein Wagnis. Doch ein gut investierter Vorschuss ist der wohl wichtigste Bestandteil eines nachhaltig stabilen Vertrauensverhältnisses. Um selbst bei Enttäuschungen standhaft zu bleiben und sich von Rückschlägen nicht einschüchtern zu lassen, erfordert es vor allem eines: Selbstvertrauen. Durch ein gesundes Selbstbewusstsein lässt sich ein stabiler Standpunkt schaffen, von dem aus sich sogar anfangs misslungene Vertrauensverhältnisse wieder auffangen lassen.

Auch wenn es banal klingt, aber der Aufbau von Vertrauen als Führungsaufgabe erfordert volle Aufmerksamkeit und viel psychologisches Fingerspitzengefühl. Wer jedoch lernt, die genannten Aspekte – Kontakt, Gemeinsamkeiten, Erwartung und selbstbewusster Vertrauensvorschuss – in seinem Unternehmensalltag zu berücksichtigen, wird bald vertrauensvolle, erfolgreiche Mitarbeitende haben.