Mensch & Arbeit

Persönlichkeitsentwicklung

Wie psychologische Sicherheit die Unternehmenskultur stärkt

Eine schlechte Atmosphäre im Unternehmen unterdrückt jede Form von Kreativität und ­positiver Entwicklung und damit das gesamte Betriebsergebnis. Der Beitrag zeigt die ­Ursachen einer solchen negativen Energie im Unternehmen und wie mit dem Aufbau ­psychologischer Sicherheit gegengesteuert werden kann.
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In vielen Unternehmen herrscht eine ­Atmosphäre negativer Energie, eine angespannte Verdichtung, Unzufriedenheit oder Misstrauen. Was sind die Auswirkungen? Gute Leistungen der Mitarbeiter nehmen kontinuierlich ab, sie beschweren sich oft, haben innerlich gekündigt oder verlassen das Unternehmen. Eine hohe Fluktuationsrate in Unternehmen ist oft ein ernst zu nehmendes Warnsignal. Die Gespräche unter den Angestellten sind von einer negativen Dominanz geprägt. Kritiken, Klatsch, Disharmonie, abnehmende Kooperationen bis hin zu Mobbing und weiteren bedenklichen ­Faktoren ­belasten in extremis die psy­cho­logische Sicherheit in einem Betrieb. Dies ist mit Sicherheit kein Ort für In­novation, Kreativität oder Entwicklung.

Ursachen negativer Energie

Die Ursachen dieser Dissonanz müssen auf jeden Fall differenziert analysiert werden und stellen eine grosse Herausforderung für das betroffene Unternehmen dar. Wichtige Gründe sind mangelnde Anerkennung, fehlendes Lob, keine oder nur unterschwellig funktionierende Fehlerkultur. Ängste werden geschürt. Eine autokratische Hierarchie beziehungsweise ein Top-down-Prinzip begünstigen dies. Berufliche Aufstiegsmöglichkeiten sind nicht absehbar oder es werden Steine in den Weg gelegt. Man wird nicht oder zu wenig ernst genommen. Die Arbeit wird zur Last oder der Sinn der Tätigkeit wird hinterfragt.  Zu hohe Belastungen können zudem unangenehme Situationen zusätzlich ver­stärken. Unternehmensziele und -werte existieren kaum oder werden schlecht oder nicht für jedermann verständlich kommuniziert. Grabenkämpfe, Rivalitäten zwischen Führungskräften finden auf allen Hierarchieebenen statt. Probleme werden nicht offen diskutiert oder werden gar nicht erwähnt. Grundsätzlich fehlt es auch oft an einer angemessenen Transparenz.

Eine «vergiftete» Unternehmenskultur ist folglich ein Erfolgshemmnis, das sich kein Unternehmen auf Dauer leisten kann. Ein Instrument, einen anderen Weg einzuschlagen, ist, «psychologische Sicherheit» im Team zu fördern. Psychologische Sicherheit ist ein wichtiges Element der Teamresilienz und einer der zentralen Faktoren für erfolgreiche Zusammenarbeit. Auf der einen Seite liegt es in der Verantwortung von Teamleitenden und Führungskräften, eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen. Auf der anderen Seite liegt es in der Verantwortung jedes Mitgliedes, zur mentalen Sicherheit beizutragen.

Was es braucht

Zwei Aspekte sind dabei besonders wichtig: Innere Haltung und Kommunikation. Was heisst innere Haltung? Als innere Haltung bezeichnet die Psychologie die Einstellung, mit der ein Individuum auf Geschehnisse, bestimmte Gruppen von Menschen, Objekte und Situationen reagiert und wie es diese bewertet. Diese ­innere Haltung drückt sich aus in Überzeugungen, Emotionen und Verhalten.

Akzeptanz herstellen

Unternehmen erkennen in der Regel nicht frühzeitig, dass es ein Problem mit ihrer Kultur gibt. Vor allem für das Topmana­gement ist es schwierig zu erkennen, da das Problem oft strukturell bedingt ist. In der Regel merken es die Mitarbeitenden viel schneller, wenn die offiziellen Werte und Leitbilder nicht mehr mit der Kultur übereinstimmen, in der sie gerne leben und arbeiten möchten. Dies deutet bereits auf eine der Massnahmen hin, die jedes Unternehmen ergreifen sollte: Möglichkeiten für die Mitarbeitenden zu schaffen, ihre Eindrücke direkt an das Topmana­gement weitergeben zu können.

Alle Mitarbeiter ins Boot holen

Einige Autoren sind überzeugt, dass es ­einen einfachen Weg zu einer gesunden Kultur gibt. Sie denken, dass ein Senior Manager die Fähigkeit haben sollte, «seine» Kultur im Alleingang zu verbessern. Hier ist ein Zitat: «Manager müssen sich darüber klar werden, wie die Kultur aussehen soll, drei bis fünf Leitlinien erstellen und diese kommunizieren.» Das hat vielleicht vor vielen Jahren noch eini­ger­massen funktioniert, heute ist diese An­gelegenheit viel komplexer und es bedarf des Zusammenwirkens aller Mitarbeiter.

Change und Vorgehensweise kommunizieren

Es ist keine Hexerei, eine Kulturänderung anzustossen. Die erste, einfachste und trotzdem sehr wichtige Handlung hin zu einer gesunden Kultur ist es zu akzep­tieren, dass es ein Problem gibt, und das die Mitarbeitenden auch wissen zu lassen. Die Vorgehenspläne müssen kommuniziert und ein Feedback zu einem bestimmten Termin eingeholt werden. Dies ist der erste Schritt, um das Vertrauen wiederherzustellen und alle mit aufs Boot zu holen.

Ursachenforschung

Eine Kultur kann nicht von Grund auf neu aufgesetzt werden. Es gibt dafür keine ­Reset-Taste. Also, wie startet man mit der Veränderung? Zunächst ist herauszu­finden, was nicht gut läuft. Dies können leitende Führungskräfte oder gleich die Geschäftsleitung übernehmen. Sie ana­lysieren die Kultur und machen sich Gedanken, wie die Kultur einer Organisation ausgerichtet und verändert werden kann. Auch die Personalabteilung übernimmt eine entscheidende Funktion, indem sie Ursachen und Konflikte von Mitarbeitenden identifiziert und analysiert, wie ausgeprägt deren Engagement für das Unternehmen ist. Leider sind jedoch leitende Führungskräfte (und auch die Personalabteilung) oft nicht sehr empfindsam, wenn es darum geht, Gefühle der Mitarbeitenden und kulturelle Hindernisse zu verstehen. Es ist hilfreich, mittels Umfragen oder persönlichen Gesprächen bei den Mitarbeitenden Feedbacks einzuholen.

In Fokusgruppen und/oder Workshops können sich Mitarbeitende treffen, um die wichtigsten Probleme zu analysieren und zu diskutieren. Auf diese Weise trägt der Veränderungsprozess erneut dazu bei, Vertrauen und Engagement aufzubauen. So könnte man herausfinden, was die Mitarbeitenden tatsächlich als ver­giftet empfinden, wie sich das konkret zeigt und welche Bereiche betroffen sind.

Der Inbegriff von psychologischer Sicherheit ist: Jedes Mitglied fühlt sich gehört und gesehen und kann ohne Bedenken vor negativen Konsequenzen seine Meinung äussern. Es ist der vermutlich wichtigste Faktor für jedes Mitglied in einem Unternehmen, es fördert eine gesunde Weiterentwicklung eines jeden einzelnen Individuums und die Teamresilienz.

Messung des Istzustands

Amy Edmondson, Professorin an der ­Harvard Business School, hat einen kurzen Fragebogen entwickelt, der es jedem Team ermöglicht, den aktuellen Zustand der psychologischen Sicherheit zu messen. Sinnvollerweise füllen alle Teammit­glieder den Fragebogen aus, danach bespricht man im Team die gemeinsamen ­Ergebnisse. Für Statistikliebhaber sei angemerkt, dass der Median eine geeignetere Auswertung ist als der Mittelwert. Für alle diejenigen, die nur einfach im Team die ­Ergebnisse besprechen wollen, reicht eine deskriptive Auswertung vollkommen aus. Punkte des Fragebogens sind:

  • Wenn du in diesem Team einen Fehler machst, wird das oft gegen dich verwendet.
  • Mitglieder dieses Teams sind in der Lage, Probleme und schwierige Themen anzusprechen.
  • Personen in diesem Team lehnen manchmal andere dafür ab, dass sie ­anders sind.
  • Es ist sicher, ein Risiko in diesem Team einzugehen. (Erläuterung zum Begriff  «Risiko»: Gemeint ist ein soziales Risiko, zum Beispiel, eine ungewöhnliche Idee vorzustellen, ohne zu wissen, wie die anderen Teammitglieder darauf reagieren.)
  • Es ist schwierig, andere Teammitglieder um Hilfe zu fragen.
  • Niemand in diesem Team würde absichtlich auf eine Art handeln, die meine Anstrengungen untergräbt.
  • In der Zusammenarbeit mit den Mitgliedern dieses Teams werden meine einzigartigen Skills und Talente geschätzt und genutzt.

Jede Frage wird auf einer Skala von 1 (stimme überhaupt nicht zu) bis 5 (stimme völlig zu) bewertet. Die Fragen messen die folgenden vier Dimensionen:

  • Hilfsbereitschaft und Teamfähigkeit
  • Inklusion und Diversität
  • Einstellung zu Risiko und Misserfolg
  • Offene Kommunikation.

Diese Selbstbeurteilung ist ein guter ­Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung der psychologischen Sicherheit. Die Teams können ihre spezifischen Ent­wicklungsfelder, aber auch ihre Stärken sehen. Wie immer bei Teambewertungen geht es nicht nur um die absolute Höhe der Beurteilung, sondern auch um die ­gemeinsame Sichtweise. Also wie weit liegen die Ansichten auseinander be­ziehungsweise wie sehr überlappen sich die Auffassungen.

Notwendige Eigenschaften

Laut Amy Edmondson entsteht psycho­logische Sicherheit in Teams, wenn folgende Eigenschaften gegeben sind:

  • Offen, das heisst die eigene Meinung äussern können
  • Jeder spricht gleich viel
  • Soziale Empathie muss vorhanden sein
  • Fehler dürfen gemacht und besprochen werden
  • Individuelle Stärken, Talente und Fähigkeiten werden geschätzt

Doch bevor psychologische Sicherheit in Teams entstehen kann, muss dies erst mal bei jedem Einzelnen geschehen.

In uns selbst ist das Gefühl von Sicherheit auf der einen Seite durch die Qualität ­unserer zwischenmenschlichen Be­ziehungen bestimmt. Wenn wir wissen, dass wir Menschen um uns haben, denen wir ­vertrauen können, gibt das Sicherheit. Vertrauen entsteht in der Kindheit, je nach Bindung zu den Bezugs­personen. Bereits Kinder lernen, dass es Menschen gibt, denen sie vertrauen können. Dass Menschen füreinander da sind und altruistisch handeln können. Auf der an­deren Seite verstärkt das Vertrauen in sich selbst – das Selbstvertrauen – auch das Gefühl der psychologischen Sicherheit. Die Tabelle zeigt einen ersten Einblick, wie psychologische Sicherheit ­gefördert werden kann. Diese Einblicke sollten vorgängig mit Übungen getestet werden.