Jeder dritte Schweizer ist bei der Arbeit gestresst, meldete das Seco vor einigen Monaten. Viele nehmen Medikamente, um dem täglichen Druck standzuhalten. Bei über vier Millionen Schweizer Franken liege der Schaden für die Schweizer Wirtschaft, so die Studie. Die Aussichten auf Besserung sind eher düster: Nach einer Schätzung der WHO werden bis zum Jahr 2020 ganze 80 Prozent der krankheitsbedingten Arbeitsausfälle von psychischen Krankheiten verursacht sein.
Zusammen mit Meldungen wie dieser entflammt eine hitzige, oft emotionale Diskussion darüber, inwieweit das Verhalten von Vorgesetzten den hohen Krankenstand begründet oder zumindest teilweise verursacht. Auf jeden Fall haben Vorgesetzte die Hebel in der Hand, um Einfluss zu nehmen und das Blatt zu wenden. Die Frage ist nur: Welche Konzepte sind seriös? Was ist nachweislich wirkungsvoll? Die moderne Gehirnforschung kann dazu Aussagen liefern.
Wie Worte physisch werden
Worte sind ein mächtiges Werkzeug und können sogar körperliche Symptome erzeugen. Wie, das wird deutlich, wenn man ihre Verarbeitung im Gehirn nachvollzieht. Was also passiert im Kopf eines Mitarbeiters, der von seinem Vorgesetzten getadelt worden ist? Mindestens sieben Areale seines Gehirns werden aktiv.
1. Im Zentrum steht das VTA, das ventrale tegmentale Areal. Hier beginnt und endet die Verarbeitung.
2. Die Amygdala, auch Mandelkern genannt, ist Bestandteil des limbischen Systems. Sie bewertet alle Signale, die über die fünf Sinne eingehen. Gute Signale bewertet sie positiv. Geht ein Tadel ein, wie in unserem Beispiel, signalisiert sie «schlecht».
3. Der Nucleus accumbens wirkt sich auf die Motivation aus, da er ein wesentlicher Teil des Belohnungssystems ist. Da im Beispiel keine Belohnung zu erwarten ist, sinkt die Motivation.
4. Der orbitale Cortex ist eine Hirnwindung
direkt über dem linken Auge. Er beurteilt emotionale und motivationsbezogene Signale mit den gespeicherten Erfahrungen. Der Mitarbeiter lernt durch den Tadel, dass sich sein Verhalten ungünstig auf ihn auswirkt.
5. Im anterioren cingulären Cortex finden Prozesse statt, die für Entscheidungen, Sozialverhalten und Lernprozesse eine grosse
Rolle spielen.
6. Neurotransmitter sind die Botenstoffe all dieser Prozesse. Sie transportieren Informationen von Gehirnzelle zu Gehirnzelle. Im Hypothalamus werden die Neurotransmitter in Neurohormone umgewandelt. Anschliessend werden sie über die Hypophyse, also über die Hirnanhangdrüse, ausgeschüttet.
7. Die Hypophyse liegt bereits ausserhalb unseres Gehirns und hat direkten Zugang zum Blutkreislaufsystem. Über den Blutkreislauf gelangen die Neurohormone zu den Organen und können dort ihre Wirkung entfalten.
Diese sieben Areale sind in einem komplexen Wechselspiel eng miteinander verbunden. Sie sorgen dafür, dass sich der Mensch glücklich oder unglücklich fühlt, und sie zeigen, wie Worte am Ende eines komplizierten Prozesses stofflich werden.