Mensch & Arbeit

Führungsverhalten

Wie emotional sollte eine Führungskraft sein?

Die Neurowissenschaftler wissen es längst: Menschen werden von nichts so direkt gesteuert wie von Emotionen. Wer sich als Führungskraft dieses Wissen zu Eigen macht und Gefühle zeigt, sorgt für reibungslose Abläufe, effiziente Mitarbeiter und gute Stimmung im Team.
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Der unternehmerische Alltag kann für Führungskräfte schnell frustrierend sein. Sie geben klare, sachliche, und wie sie selbst meinen, unmissverständliche Anweisungen an ihre Mitarbeiter. So lassen sie jegliche Emotion aussen vor – schliesslich soll nichts vom Inhalt ablenken. Werden die Anweisungen dennoch nicht umgesetzt, gibt es womöglich eine wiederholt sachliche Aufforderung, bis schliesslich Druck aufgebaut wird. Zielvereinbarungen und Abgabefristen werden gesetzt und auch diese Konsequenzen führen nicht zum gewünschten Ergebnis. Die Führungskräfte müssen sich schliesslich vor dem eigenen Vorgesetzten rechtfertigen und versuchen ihre Wut den entsprechenden Mitarbeitern gegenüber nicht zum Ausdruck zu bringen. Emotionen haben im Job schliesslich nichts zu suchen.

Mit Emotionen steuern

Diese Auffassung herrscht nach wie vor in vielen Unternehmen, während moderne Führungskräfte das Potenzial von Emotionen für sich entdeckt haben: Sie zeigen ihre eigenen Gefühle, gehen auf die der Mitarbeiter ein und sorgen somit für reibungslose Abläufe. Die Neurowissenschaften haben längst herausgefunden, dass Menschen von nichts so direkt gesteuert und gelenkt werden wie von Emotionen. Es gibt Alltagssprichworte, die das schon immer belegten und ein Gedanke an unsere evolutionäre Entwicklung lässt es völlig logisch erscheinen: Unser Gehirn entscheidet heute, genauso wie vor Hunderttausenden von Jahren, binnen Millisekunden, ob unser Gegenüber Freund oder Feind ist. Früher war dies überlebenswichtig, heute ist es ein rudimentärer Mechanismus, der sich schlichtweg nicht weiterentwickelt hat. Wir entscheiden also immer erst, ob uns etwas gut tut oder eben nicht und reagieren entsprechend – noch bevor unser bewusstes Denken einsetzt.

Die beschriebene Führungskraft kann so sachlich und nüchtern sein, wie es einem Menschen möglich ist, sie schafft damit vermutlich nur eines: Sie wirkt unsympathisch und ist damit nicht der Vertraute, dem man zuhört und folgt.

Regel 1: Je sachlicher und emotionsloser eine Führungskraft Anweisungen gibt, desto grösser ist die Gefahr, dass diese ignoriert werden. Emotionen sind immer mächtiger als Drohungen und Sachlichkeit – nutzen Sie deshalb Emotionen, um für Umsetzung zu sorgen.

Praxistipp:

  • Wenn eine übertragene Aufgabe besonders wichtig ist, dann zeigen Sie dies nicht durch Sachlichkeit, sondern durch das passende Gefühl. Zeigen Sie, dass Ihnen diese Aufgabe wichtig ist, viel davon abhängt und Sie nervös, zuversichtlich oder voller Herzblut sind. Dann wird Ihr Mitarbeiter spüren, dass es sich um etwas Wichtiges handelt.
  • Sie möchten Höchstleistungen von Ihren Mitarbeitern abrufen? Dann müssen Sie das Feuer zeigen, das Sie in Ihren Mitarbeitern entzündet sehen wollen. Sie müssen Ihre Bereitschaft zur Höchstleistung ausstrahlen und absolut überzeugt sein von Ihrem Anliegen. Dann können Sie Ihre Mitarbeiter mitreissen!
  • Ist etwas übersehen worden und muss noch dringend geschrieben werden, obwohl Ihr Mitarbeiter schon Feierabend hat? Wenn Sie Ihre Not, Befürchtungen und Dankbarkeit ehrlich zeigen, werden Sie auf Verständnis stossen und man wird Ihnen bereitwilliger etwas abnehmen.
  • Falls Sie über einen Fehler oder eine vergessene Aufgabe verärgert sind, dann zeigen Sie das. Niemand will absichtlich verärgern; weshalb Ihr Mitarbeiter zukünftig nicht mehr verantwortlich sein will für die schlechte Stimmung eines anderen.
  • Bereiten Ihnen aktuelle Zahlen Sorgen? Stehen Sie offen dazu und seien Sie greifbar. Nur so können Mitarbeiter adäquat reagieren und Ihnen mit Unterstützung und Angeboten entgegenkommen.

Vom Sinn der Emotion

Emotionen sind in erster Linie Kommunikationssignale und bringen etwas zum Ausdruck: Ein Aussenreiz ist vorgedrungen bis zum eigenen Wertesystem und provoziert eine Reaktion. So werden Menschen beispielsweise wütend, wenn ein Wert missachtet oder verletzt wurde, der für sie wichtig ist. Menschen freuen sich hingegen, wenn sie auf Bestätigung treffen oder ein zentraler Wert Förderung erfahren hat. Eine Emotion gibt damit stets einen Hinweis auf Reize, die von aussen das innere Wertesystem getroffen haben. Gleichzeitig gibt dies dem Gegenüber die Möglichkeit, die entsprechende Werteberührung wahrzunehmen. Nun haben Emotionen als Kommunikationssignale die Eigenschaft, sich erst dann aufzulösen, wenn sie aktiv wahrgenommen und bestätigt wurden.

Definiert man Führen nicht nur als Verteilen von Aufgaben, sondern vielmehr als Motivieren der Mitarbeiter zu Höchstleistungen, wird die Wichtigkeit von Emotionen deutlich. Um eine Atmosphäre von Spitzenleistungen, Kreativität und Zuverlässigkeit zu schaffen, ist die Gemütslage der Mitarbeiter ein zentraler Parameter, den es kontinuierlich zu beachten gilt. Wer emotional intelligent handelt, erkennt die Gefühle seiner Mitarbeiter an und sorgt für diese Atmosphäre.

Regel 2: Wer als Führungskraft die Gefühle seiner Mitarbeiter missachtet, der ignoriert deren Botschaft und eine wichtige Regel: Erkennen Sie die Emotionen an und sorgen Sie so für gute Stimmung. Sie erklären sich damit noch lange nicht mit dem Gesagten einverstanden.

Praxistipp:

  • Je besser Sie Ihre eigenen Emotionen anerkennen, desto geübter werden Sie auch bei Ihrem Gegenüber. Es gibt stets eigene Emotionen, die man nicht gerne spürt, an sich nicht mag oder fürchtet. Machen Sie sich zunächst bewusst, wie es Ihnen selbst geht und stellen Sie sich diese Frage mehrmals täglich. Reflektieren Sie Ihren eigenen Gemütszustand, um sich zu üben. Erkennen Sie Ihre erfühlten Emotionen in einem nächsten Schritt an und erkennen Sie sie als einen Teil von sich selbst an. Je besser Sie das schaffen, desto schneller verschwinden auch ungeliebte Gefühle. Wenn Sie Ihre Emotionen hingegen verdrängen, werden diese vorbewusst stets präsent bleiben und wirken – wie bei Ihren Mitarbeitern auch.
  • Nachdem Sie an sich selbst geübt haben, beschreiben Sie, was Sie an Ihrem Gegenüber wahrnehmen. Zeigen Sie Wertschätzung für die Emotion! Einfache Sätze wie «Das macht Sie wütend/traurig, oder?», «Das frustriert/verärgert Sie, nicht wahr?» helfen bereits, die wahrgenommenen Emotionen zu lockern und wieder Raum zu schaffen für ein konstruktives Arbeiten.
  • Wenn Sie Übung haben, können Sie den Grund in Ihre Rückmeldung mit aufnehmen: «Ich verstehe gut, dass Sie diese Absage traurig macht» oder «Ich kann nachvollziehen, dass Sie die Überstunden ärgern, weil Ihre Familie auf Sie wartet.» Je besser Sie Ihre Mitarbeiter und deren soziales, berufliches und persönliches Gefüge kennen, desto passender können Ihre Rückmeldungen ausfallen. Zeigen Sie also auch Interesse an den Menschen, nicht nur an deren Arbeitsleistungen.
  • Trennen Sie Ihre Wahrnehmung der Gefühle von Ihrer Meinung. Sie können anerkennen, dass Ihre Mitarbeiterin traurig ist wegen der Absage, obwohl Sie diese selbst ausgesprochen und befürwortet haben. Das ist kein Widerspruch. Wer Emotionen anerkennt, muss sie nicht teilen und darf auch inhaltlich anderer Meinung sein – gerade diese Situation erfordert dann besonderes Einfühlungsvermögen und emotionale Intelligenz.

Steuerung, keine Manipulation

Wenn es um den bewussten Einsatz von Emotionen geht, werden schnell Stimmen laut, die vor Manipulation warnen. Manipulation meint die bewusst verdeckte und dem Mitarbeiter letztlich zum Nachteil gereichende Einflussnahme, was dem tatsächlichen Sinn des emotionalen Führens völlig widerspricht: Führen mit Emotionen ist das Gegenteil von Manipulation. Führungskräfte, die ihre eigenen Emotionen zeigen, handeln eben nicht verdeckt, vielmehr legen sie die Karten offen auf den Tisch. Die Einflussnahme basiert auf Verständnis, Einfühlungsvermögen und passiert offen und transparent. Genau das wünschen sich Mitarbeiter: Führungskräfte, die greifbar sind und einen stets spüren lassen, woran man ist – inhaltlich wie emotional. Die Befürchtung vor Manipulation mag aus der Unsicherheit entstehen, mit Emotionen so bewusst umzugehen oder sogar der Angst davor. Mit ein wenig Übung und ersten vorsichtigen Schritten wird jedoch schnell klar, dass von offener und ehrlicher Kommunikation die Rede ist, nicht von Manipulationen gegen den eigenen Willen.

Regel 3: Mitarbeitende über Emotionen zu steuern und zu motivieren, ist keine Manipulation – ganz im Gegenteil. Wer seine Emo­tionen offenbart, der beeinflusst offen und lässt Mitarbeitende wissen, woran sie sind.

Praxistipp:

  • Sie befürchten, Ihre Mitarbeiter zu manipulieren, wenn Sie auf deren Emotionen eingehen, um etwas zu erreichen? Probieren Sie es doch einfach in einer Situation aus, in der Sie selbst nicht Auslöser der Emotion waren, und achten Sie auf Ihr eigenes Gefühl. Sie werden merken, dass emotional intelligentes Handeln und Eingehen auf Ihren Gesprächspartner nichts Manipulatives hat, sondern lediglich einfühlsam ist. Steigern Sie Ihre Übungsintensität, indem Sie beim nächsten Mal nur kleine Anliegen emotional formulieren.
  • Menschen neigen dazu, die Angst vor Unbekanntem als die Angst vor etwas Verbotenem zu erleben. Nur weil Ihnen emotional intelligentes Handeln nicht vertraut und bis jetzt völlig unbekannt war, ist es nichts Verbotenes. Die Angst zu manipulieren, entspringt diesem urmenschlichen Mechanismus, Erklärungen für Unbekanntes zu konstruieren – machen Sie sich immer wieder bewusst, dass Sie nichts Verwerfliches tun, sondern schlicht etwas Ihnen bis dato Unbekanntes.

Fazit

Der bewusste Umgang mit Emotionen ist für viele Führungskräfte ungewohnt und neu, zumal der Trend in den Unternehmen lange Zeit gegenläufig war. Emotionen haben im Beruf nichts zu suchen, diesen Satz hörte man in vielen Führungsseminaren. Das Gegenteil ist der Fall. Wer die drei Regeln einhält und sich in emotionaler Intelligenz übt, wird Führen bei Weitem nicht mehr als den kräfteraubenden Akt erleben, der es durchaus sein kann, wenn man nur sachlich und nüchtern kommuniziert. Wer Emotionen zeigt, der motiviert; denn Emotionen sorgen für Motivation und Leistungsbereitschaft. Wer Emotionen zeigt, wird greifbar und bekommt ebenso Motivation, Verständnis und Empathie von seinen Mitarbeitern zurück.

Porträt