Mensch & Arbeit

Präsentismus

Wer nicht aufmerksam bei der Arbeit ist, macht Fehler oder verursacht Unfälle

In Krisen wächst die Angst vor Arbeitsplatzverlust und damit die Tendenz der Mitarbeitenden, am Arbeitsplatz anwesend zu sein. Dies, obwohl sie nicht leistungsfähig sind. Nach den Krisen sind die Mitarbeitenden erschöpft, ausgepowert und bedeutend empfindlicher für Stress.
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Die Folgekosten von Präsentismus kommen KMU teurer zu stehen als jene von Absenzen. Mittlerweile ist diese Tatsache nicht nur durch ausländische Studien belegt, sondern auch durch eine Schweizer Untersuchung erhärtet.

Psychische Belastungen

Neben Krankheiten wie Grippe oder Erkältungen sind vermehrt auch psychische Belastungen daran schuld, wenn Mitarbeitende ihren Kopf nicht bei der Arbeit haben, obwohl sie zur Arbeit erschienen sind. In wirtschaftlich herausfordernden Zeiten steigt der Druck. Oft sind es private Sorgen und die wachsende Angst vor einem möglichen Arbeitsplatzverlust, die Ressourcen der Mitarbeitenden verbrauchen. Wer aber nicht aufmerksam bei der Arbeit ist, macht Fehler oder verursacht Unfälle. Wer unter Stress leidet, büsst zusätzlich an Effizienz und damit an Produktivität ein. Eine Entwicklung kann sich anbahnen, die mitunter auch bis zum Burnout führen kann. Die Statistik der Invalidenversicherung (IV) zeigt das Ende der Kette: Die IV-Renten haben sich seit 1985 verdoppelt. Heute sind bereits 40 Prozent der IV-Fälle psychisch begründet.

Schweizer Präsentismus-Studie

Die Versicherung Nationale Suisse wollte es als erste Schweizer Firma genau wissen, was sie die geistige Abwesenheit der Mitarbeitenden, «Präsentismus» genannt, genau kostet. Das Projekt lief über zwei Jahre, die Mitarbeitenden nahmen anonym teil. Rund die Hälfte der 1200 Mitarbeitenden machten mit. Das Resultat erschreckt: Der Produktivitätsausfall durch Präsentismus kostet pro Mitarbeiter im Durchschnitt 6000 Franken im Jahr. Im Vergleich kosten Absenzen die Nationale Suisse durchschnittliche 2500 Franken pro Mitarbeiter und Jahr.

Eine Studie der Cornell University beziffert Präsentismuskosten sogar mindestens dreimal so hoch wie die Kosten, die entstehen, wenn die Angestellten zu Hause bleiben. Präsentismus kostet konkret drei bis sechs Prozent der direkten Personalkosten, so die Experten.

Nicht direkt sichtbar

Das Fatale daran: Präsentismus ist im Unterschied zum Absentismus nicht direkt sichtbar. Auch nicht in KMU, wo die Führungskräfte in der Regel näher bei den Mitarbeitenden sind und die Kommunikationswege kürzer sind. Psychisch angeschlagene Angestellte kommen oft bis kurz vor dem Kollaps ohne auffällige Fehltage zur Arbeit – mit Absenzenmanagement lässt sich Präsentismus nicht erkennen. Aber genau hier wäre Früherkennung notwendig, damit KMU und Taggeldversicherer Langzeitabsenz-Risiken erkennen und vermeiden können. Da Präsentismus in den wenigsten Fällen erkennbar ist, ist rechtzeitiges Eingreifen fast nicht möglich. Zudem werden sich davon betroffene Mitarbeitende nicht von sich aus bemerkbar machen, und wenn man sie darauf anspricht, zum Abstreiten neigen. Die Angst vor Arbeitsplatzverlust ist die grösste Angst, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in der Schweiz haben. Arbeit gehört zu den Werten unserer Leistungsgesellschaft, wir alle vermitteln gerne ein Normalbild von uns. Und versuchen es, mit allen Mitteln aufrechtzuerhalten – bis es nicht mehr geht.

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