Stellen Sie sich folgende Situation vor: Die Geschäftsführung fordert den Personalchef auf, ein neues Bonussystem zu entwerfen und einzuführen – und das so schnell wie möglich. Er versucht, von der Unternehmensleitung zu erfahren, welche strategischen Absichten hinter dem Projekt stecken, stattdessen bekommt er schematische Antworten und die Empfehlung, sich doch einmal bei der Konkurrenz umzuschauen und Erkundigungen einzuholen: «Wofür bezahlen wir Sie denn eigentlich?» Führungskräfte und andere Stakeholder, die sich beim letzten Versuch, ein variables Vergütungsmodell zu entwickeln, aktiv und kreativ eingebracht hatten, unterstützen ihn diesmal nicht bei der Definition relevanter Kriterien und Kennzahlen. Zu gross ist die Frustration darüber, dass es damals trotz vieler Vorschläge dann doch bei den üblichen Finanzkennzahlen geblieben ist. Viele Führungskräfte sind inzwischen der Meinung, dass die Personalabteilung selbst sehen muss, wie sie diesen Auftrag erledigt.
Verschleierte Salärkürzung
In seinem Dasein als Einzelkämpfer gelingt es dem Personalchef, einige Beispiele von anderen Unternehmen sowie ein paar eigene Ideen halbwegs zu einem Bonusmodell-Entwurf zusammenzubasteln – weit entfernt von der optimalen Lösung. Dennoch wird das Flickwerk, ergänzt um ein paar neue Kennzahlen, durch alle Entscheidungsgremien im Unternehmen freigegeben und trotz seiner mangelnden strategischen Ausrichtung unternehmensweit ausgerollt. Hinter vorgehaltener Hand erfährt der Personalchef dann, dass die Manager das System vor allem als Alibi für Salärverhandlungen nutzen: «Ich hätte dir ja mehr gegeben, aber dieses System von HR lässt mich ja leider nicht». Die Unternehmensziele, deren Erreichung das System fördern sollte, hat man mittlerweile aus den Augen verloren. Fazit: ein Misserfolg – mit dem das Unternehmen aber nicht allein dasteht. Über 30 Prozent der Bonuspläne in der Schweiz erfüllen die in sie gesetzten Erwartungen nicht. Das ergab die Studie «Variable Compensation Measurement» 2010 von Aon Hewitt.
Beginnen wir das Ganze noch einmal, diesmal mit einem Witz. Die Personalchefin sagt zum Bewerber: «Sie können am Montag anfangen. Bezahlt werden Sie nach Leistung.» Der Bewerber erwidert: «Tut mir leid, davon kann ich nicht leben.» Hinter diesem Witz verbirgt sich ein durchaus angebrachtes Misstrauen des Mitarbeiters: Deckt sich das Verständnis von Leistung im Unternehmen tatsächlich auch mit seinen eigenen Vorstellungen? Grundlegend leuchtet die Orientierung an der Leistung zwar ein. Wie genau diese aber definiert und verstanden wird, und wie sie sich konkret auf die Vergütung auswirkt, ist vielen Mitarbeitern nach wie vor schleierhaft.