Mensch & Arbeit

Krisenmanagement

Warum Unsicherheit ein wertvoller Wirtschaftsmotor sein kann

Unsicherheit ist kein Ausnahmezustand, den es zu überstehen gilt. Vielmehr waren die Zeiten schon immer unsicher und bleiben es ganz sicher auch. Alleine die Herausforderungen haben sich geändert. Entscheidend ist, diese Herausforderungen konstruktiv zu nutzen. Und Gelassenheit wird zum Wettbewerbsvorteil.
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Wirtschaftskrise, Atomkrise, Terrorismus oder starker Franken sind nur einige aktuelle Themen. Wenngleich sie auf den ersten Blick heterogen wirken, vereint sie dennoch eine zentrale Eigenschaft: sie verunsichern! Es mag daran liegen, dass sie für den Einzelnen nur schwer oder nicht beeinflussbar sind, oder aber die weitere Entwicklung nicht abzusehen ist. In der Summe erzeugen sie Unbehagen und geben Anlass zu permanentem Kopfzerbrechen. Es wird gejammert und gestöhnt, die Schuld auf andere geschoben und nach Erklärungen gesucht, warum es nicht gut werden kann.

Permanente Krisenzeit

Krisen und Unsicherheit werden behandelt wie Krankheiten, die es auszukurieren gilt. Ein Blick in die Geschichtsbücher verrät jedoch, dass schon immer Unsicherheit herrschte. Die Erfindung des Rads im vierten Jahrtausend vor Christus ist ein prominentes Beispiel – plötzlich war der Handel mit Nachbarstädten unproblematisch und es drohte Konkurrenz. Oder wie es wohl den Steinmetzen ging, als das Papier erfunden wurde; oder den Schreibern nach Erfindung des Buchdrucks? Durchschnittlich wird die Wirtschaft alle zehn Jahre von einer Krise oder einschneidenden Veränderung gebeutelt. Kurzum: es ist immer Krisenzeit. So sehr wir auch jammern, nörgeln und mit Prozessoptimierungen, Standardisierungen und Flexibilisierung gegen die Unsicherheit vorgehen, bleibt sie fester Bestandteil des Wirtschaftslebens.

Manche Unternehmer können bei all der Schwarzmalerei nur den Kopf schütteln. Sie wissen: nach der Krise ist vor der Krise. Sie geben nichts auf Panikmache oder Prognosen, die aus vergangenen Krisen abgeleitet werden. Vielmehr nutzen sie die Unsicherheit konsequent als Motor und Antriebsfeder und blühen in herausfordernden Zeiten erst richtig auf. Die folgenden fünf Praxistipps verraten, wie Unternehmer Krisenprofi werden und mit Unsicherheit nicht nur souverän umgehen, sondern sie als Motor zu nutzen lernen.

Haltung überdenken

Unsicherheit geht mit jeder Veränderung einher. Sie ist Teil des alltäglichen Lebens und Teil unserer Persönlichkeit. Es gibt Manager, die bei steigendem Stress zusehends gelassener werden. Man könnte den Eindruck gewinnen, Unsicherheit ist ihre Nervennahrung und ausschlaggebender Grund für Spitzenleistungen. Und tatsächlich, manche Menschen brauchen die Unsicherheit, den Wandel und den Nervenkitzel, weil sie daraus ihre Energie ziehen. Gleichzeitig wirken sie ausgeglichen, weil sie ihre überschüssige Energie konstruktiv verwerten können. Wie lässt sich dieses Phänomen erklären? Sie haben schlichtweg eine andere Haltung zum Gefühl Unsicherheit.

Das Thomann-Riemann-Kreuz (siehe Grafik) illustriert diese Haltung und die Bedürfnisse solcher Manager. Jeder Mensch braucht Nähe und Distanz, ebenso Dauer und Veränderung. Die Pole schliessen sich dabei nicht aus, vielmehr trägt jeder alle vier Bedürfnisse in unterschiedlichen Gewichtungen in sich. So gibt es Unternehmer, die erst in einem, von Veränderung und ständigem Wandel geprägtem Umfeld ihre besten Leistungen abrufen können und dabei ihre grösstmögliche Gelassenheit erfahren. In einer Organisation mit hoher Sicherheit und Planbarkeit hingegen würden diese Menschen unruhig, nervös oder ermüden. Ihnen gegenüber gibt es Unternehmer, die viel Energie aufwenden, um alle Unsicherheiten zu eliminieren, um sich leistungsfähig zu erleben. Wie schätzen Sie Ihre Bedürfnisse ein? Überdenken Sie Ihre eigene Haltung zu Unsicherheiten und versuchen Sie, darin die positiven Aspekte der Veränderung wahrzunehmen. Abwechslung, Herausforderung, Entwicklung und Wandel sind allesamt positive Aspekte des Wechselbedürfnisses, unter das auch die Unsicherheit fällt. Je nachdem, worauf Sie sich konzentrieren, werden Sie Phasen der Veränderung zukünftig als Belastung oder aber als persönliche und inspirierende Herausforderung erleben.

Keine falsche Stärke zeigen

Als Chef müssen Sie das Ruder fest im Griff haben – so oder ähnlich klingen typische Regeln patriarchisch-autoritärer Führungsratgeber, die durchaus funktionieren. Sie sollen an dieser Stelle auch nicht als veraltet abgewertet werden, wichtig ist nur zu erkennen, dass sie sämtliche Verantwortung auf eine Person konzentrieren. Alles hängt vom Chef ab. Sobald er Unsicherheit zeigt, schwankt der gesamte Betrieb und gerät ins Schlingern; so zumindest die Überzeugung vieler Manager und Unternehmer. Viel ratsamer ist es jedoch, offen mit Nachdenklichkeit oder gar Ratlosigkeit umzugehen. Zeigen Sie eigene Schwäche und Unsicherheit; erst dadurch geben Sie Raum für Impulse und Lösungsideen von aus­sen. Unsicherheit zu verbergen und so weit wie möglich zu verdrängen, ist hingegen keine gute Option. Ausschliesslich das Positive zu betonen, macht neuesten Studien zufolge sogar krank. Die Psychologie spricht von positivem Pessimismus, den Sie stattdessen entwickeln sollten. Sehen Sie gleichsam Positives wie auch Negatives und finden Sie ein ausgewogenes Mittelmass.

Den Horizont erweitern

Wer an den deutschen Unternehmer Claus Hipp denkt, hat wahrscheinlich einen Garten vor Augen. Herr Hipp steht vor einem Obstbaum, hat eines seiner Gläschen mit Aprikosenmus in der Hand und bürgt persönlich mit seinem Namen für die Qualität der Kindernahrung. Können Sie sich diesen Herrn Hipp ängstlich und pessimistisch in einem Büro vorstellen? Er spielt nervös mit einem Kugelschreiber und läuft den Raum auf und ab – eine befremdliche Vorstellung. Er ist der Typ Unternehmer, der seine Crew unbeschadet durch jeden Sturm manövriert, nicht jammert und sich einen unverfälschten, realistischen Blick bewahrt hat.

Es mag ein wenig überspitzte Idealisierung sein, aber ist es nicht im Kern genau diese Sicherheit und Gelassenheit, die er vermittelt? Neben dem Spass an der Arbeit und einem hohen Grad an Identifizierung mit dem Unternehmen braucht es gesunde und realistische Sichtweisen. Wann haben Sie für Ihr Unternehmen zuletzt vor der Kamera gestanden? Wann waren Sie mit Ihren Mitarbeitern in der Mittagspause zusammengesessen und haben sich deren Themen, Ideen, Wünsche und Sorgen angehört? Wann haben Sie zuletzt in der Produktion selbst Hand angelegt? Erweitern Sie Ihren Horizont, indem Sie Ihr Unternehmen von einer anderen Seite kennenlernen. Nehmen Sie sich Zeit und beschäftigen Sie sich mit Themen, die Sie verunsichern. Sie erhalten dadurch eine neue Sichtweise auf Ihr Unternehmen. Daraus ergeben sich neue Eindrücke, Ideen und Gelassenheit – weil Sie noch näher dran sind.

Gegen Traditionen

Denken Sie an Griechenland als aktuelles Beispiel wichtiger Entscheidungen. In diesem Fall gibt es keine richtige oder falsche Entscheidung. Jeder Weg hat negative und positive Konsequenzen für alle Beteiligten. Entscheidungen sind längst nicht mehr eindeutig richtig oder falsch, sondern hochkomplex im Netz der Interdependenzen und Verknüpfungen auf globalisierten Märkten. Neue Kredite sichern das Fortbestehen, sorgen aber für hohe monatliche Belastungen. Einsparungen und Entlassungen schränken hingegen die Flexibilität ein und werden beim nächsten Grossauftrag zum Problem. Es gibt keine richtige Entscheidung, beide Lösungen sind risikobehaftet – oder aber Chancen auf Veränderung und Verbesserung.

Eben weil es kein Richtig oder Falsch mehr gibt, sind Entscheidungen immer so gut, wie konsequent sie umgesetzt werden. Seien Sie mutig und entscheiden Sie anders, als Sie es immer tun, gehen Sie neue Wege und erweitern Sie Ihr Entscheidungsspektrum. Sammeln Sie Erfahrungen durch ungewohnte Schritte und profitieren Sie von einer enormen Flexibilität, die sich dadurch entwickelt – im Unternehmen, aber auch in Ihnen.

Krisenprofi werden

Unsicherheit ist ein Gefühl. Entweder beherrscht es Sie, oder Sie beherrschen es. Um ein Gefühl wie Unsicherheit nicht überhand gewinnen zu lassen, ist es wichtig, ein Verständnis für die Mechanismen von Krisen, Unsicherheit oder auch Jammern zu entwickeln. Werden Sie Krisenprofi und ziehen Sie daraus Souveränität.

Auf Konsumentenebene hat sich dieses Denken bereits etabliert, wie eine von der Friedrich-Ebert-Stiftung initiierte Umfrage in Privathaushalten ergab: Trotz einer Wirtschaftskrise von immensem Ausmass fiel das subjektive Sicherheitsempfinden unter den Befragten zwischen 2006 und 2010 nicht ins Bodenlose, vielmehr stieg es sogar an: von 38,9 Prozent auf 39,1 Prozent. In der Wirtschaft hat diese «neue Gelassenheit», wie führende Soziologen dieses Phänomen bezeichnen, noch nicht Einzug gefunden. Vielmehr ist es Ihre individuelle Herausforderung, diese Gelassenheit zu entwickeln.

Fazit

Unternehmerische Unsicherheit bleibt so lange bestehen, wie Menschen beteiligt sind. Manche agieren und reagieren vorsichtig, andere strategisch oder auch rein emotional. Eine Prognose wird durch diese Unterschiede kaum brauchbar, wodurch Unsicherheit immer Teil menschlicher Interaktion sein wird. Je schlechter einzelne Unsicherheiten und Angst aushalten können, desto irrationaler werden die Handlungen. Ebenso unberechenbar werden Menschen, wenn sie Unsicherheiten verdrängen und nur das Positive sehen wollen. Unsicherheit ist und bleibt ein ständiger Begleiter des beruflichen Alltags, also machen Sie das Beste daraus. Sie können gegen die Windmühlen kämpfen und all Ihre Energie damit vergeuden. Sie können die Mühlen aber auch umfunktionieren und zur Stromgewinnung für sich arbeiten lassen. Es ist und bleibt eine Frage der Einstellung. Wer die Unsicherheit auf seiner Seite hat und sich von ihr inspirieren und antreiben lässt, hat den entscheidenden Wettbewerbsvorteil auf seiner Seite, unabhängig von Krisenzeit oder Wirtschaftsboom.