Geahnt haben es die Menschen aller Nationen ja schon immer: Der Sitz unserer Emotionen liegt in der Mitte des Körpers. Dort, wo freudige Aufregung Schmetterlinge flattern lässt und Freude und Glück seltsam kribbeln. Anspannung umgekehrt auf den Magen drückt, und Angst ein Beben erzeugt. Werden Menschen gefragt, wo Gefühl und Gesundheit, Emotion und Intuition, Wohlbehagen und Leidenschaft am besten zu orten sind, zeigen alle, egal ob Frau oder Mann, Alt oder Jung, schwarz oder weiss, auf ihren Bauch. Sogar die Herrscherin der Moderne, die Wirtschaft vertraut auf die globale Sprache aus dem Bauch. So heisst es in Managerkursen oft; und Börsenmakler werden angehalten, ihre Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu optimieren.
Das Gehirn im Bauch
Und nun gibt die Wissenschaft allen recht: Der wohl prosaischste Teil des Menschen, sein übel riechendes Gedärm, birgt tatsächlich entscheidende Geheimnisse des Lebens. Den Grund für das Interesse der Forscher, so der amerikanische Neurowissenschaftler Michael Gershon, ist die Erkenntnis des Gehirns im Bauch. Dieses zweite Gehirn ist quasi ein Abbild des Kopfhirns-Zelltypen, Rezeptoren und Wirkstoffe sind exakt gleich, so die Wissenschaftler.
Man darf sagen, dass das Darmhirn denkt, beteuert der Münchener Neurobiologe Michael Schemann. Viele Lebenserfahrungen und vor allem die damit verbundenen Körperreaktionen sind in unserem Gehirn niedergeschrieben. Dabei spielen vermutlich die Bauchreaktionen eine besonders wichtige Rolle. Durch die enge Verbindung von Darm und Kopfhirn werden Gefühle, negative wie positive, vermutlich in Form vom spezifischen Magen-Darm chiffriert und gespeichert. In diesen so überraschend umfangreichen Nervenfasern liegt letztlich unsere Fähigkeit zur Intuition begründet. Diese entsteht aus der Wechselwirkung der zwei intim verschalteten Gehirne.
Der Intuition folgen
So besteht scheinbar eine Emotions-Gedächtnis-Bank, im Kopfhirn, die alle hochgeladenen Informationen und Reaktionen des Bauchs sammelt – etwa besonders beängstigende Informationen und Situationen. Wenn jemand zum Beispiel viel Geld an der Börse verloren hat, weil Aktien nicht rechtzeitig verkauft wurden, wird das damit verbundene Angstgefühl im Bauchhirn abgespeichert. In Zukunft kann dann die Kunde von fallenden Aktienkursen bei demjenigen zur Ausschüttung von Botenstoffen führen, die das früher erlebte körperliche Unbehagen und die entstandene Angst wieder wecken. Positiv gesehen, bewahrt uns dieser Mechanismus davor, erneut Verluste zu machen. Intuition ist somit die geheimnisvolle Fähigkeit, die es uns oft ermöglicht, unwillkürlich die rechte Wahl zu treffen.
Der Intuition folgen heisst handeln, ohne über jeden einzelnen Schritt nachzudenken, blitzschnell verborgene Zusammenhänge erkennen, Situationen erspüren – das ist es auch, was talentierte Künstler, Rennfahrer, Krankenschwestern und viele andere Menschen auszeichnet. Weil uns die Beweggründe, auf denen sie basieren, nicht rational, zugänglich waren, wirkten sie oft wie Hellseherei. So auch in dem Fall des Formel-1-Rennfahrers Juan Manuel Fangio beim Grand Prix von Monaco 1950. Es lief die zweite Runde, und Fangio tauchte aus einem Tunnel auf. Vor ihm lag eine Gerade, ideal, um Vollgas zu geben. Weshalb, wusste er – später befragt – selbst nicht; statt voll auf das Gas zu treten, bremste er seinen Boliden ab.
Es erwies sich als grosses Glück. Als er in die nächste Kurve bog, sah er plötzlich zahlreiche ineinander verkeilte Rennwagen vor sich. Aufgrund seiner geringen Geschwindigkeit konnte er unbetroffen ausweichen. Einige Rennfahrer hinter ihm rasten kurz darauf in die Unfallstelle. Erst nach längerem Überlegen ging Fangio ein Licht auf, was ihn schlussendlich gewarnt hatte. Kommt ein Wagen in Monaco aus dem Tunnel, blicken ihm die Zuschauer gewöhnlich entgegen – ihre hellen Gesichter prägen dann die Kulisse. In dieser entscheidenden Runde jedoch drehten die Menschen am Ende der Geraden Fangio ihre dunkleren Hinterköpfe zu, weil sie gerade in Richtung des Unfalls schauten. Sein Unterbewusstsein registrierte die winzige Veränderung, erkannte sie als Abweichung eines bekannten Musters, interpretierte sie als Gefahrensignal und liess ihn intuitiv bremsen.