Noch nie waren wir so frei und «satt» wie heute: Unsere Grundversorgung ist gesichert, meistens haben wir sogar viel mehr, als wir brauchen. Die Freizeit können wir – Corona einmal aussen vor – mit einem schillernden Angebot an interessanten Aktivitäten füllen. Und auch in Zeiten der Pandemie mangelt es uns nicht an geistig-intellektuellen Herausforderungen oder Angeboten für emotionale Erfüllung.
Suche nach Befriedigung
Wir könnten uns also ganz entspannt zurücklehnen und das Leben geniessen. Theoretisch. In Wirklichkeit finden wir aber doch immer wieder etwas, das wir noch nicht haben, noch nicht sind, noch nicht erreicht haben. Ist das eigene Leben gerade nicht dramatisch genug, gibt es sicher etwas im Aussen, worüber wir jammern oder meckern können: das Wetter, die Politik, die Nachrichten oder Arbeitskollegen. So bleiben wir immer unzufrieden. Als «Entschädigung» für unser Leiden suchen wir beständig weiter nach Befriedigung: Erfolg, Geld, Essen, Sex, Genussmittel, Schönheit, Spass, Sport etc. Sicherlich hat das innere «Getriebensein» individuelle Ursachen wie verfestigte Kindheitsmuster, alte Gefühle, energetische Blockaden oder einfach schlechte Gewohnheiten. Mit Präsenz im Augenblick wäre aber jeder Mensch in der Lage, jede dieser Ursachen unmittelbar zu entkräften und frei zu sein. Warum steigen wir nicht einfach aus dem «Hamsterrad» aus? Beliebte Ausreden sind: «Ich kann nicht, weil …» Ja, warum eigentlich?
Freiheit kann Angst machen
Würden wir unsere Freiheit annehmen und unser Leben selbstbestimmt gestalten, würden wir zurückgeworfen auf unsere bedingungslose Eigenverantwortung. Obwohl wir also scheinbar nach innerer und äusserer Freiheit streben, ist es in der Realität eher so, dass wir sie vermeiden. Wir begeben uns immer wieder «freiwillig» in Zwänge, aus denen wir uns befreien wollen, und erschaffen Probleme, die wir lösen können. Sehr leicht erkennen wir selbst gebaute Zwänge am Wörtchen «muss»:
- Ich muss heute Kunden anrufen!
- Ich muss Sport machen!
- Ich muss mal wieder die Grossmutter besuchen!
- Ich muss zum Friseur!
- Ich muss die Wohnung putzen!
Und das ist noch die entwickelte Form. Oft verwenden wir eher «man muss». In allen Fällen verwandeln wir selbst gewählte Aufgaben und Entscheidungen in innere Zwänge. Immer mit dem Ziel, beschäftigt zu sein. Dabei verlegen wir unseren Referenzpunkt, also die Autorität über unser Leben, von innen («Ich kann/darf/möchte … ») nach aussen («Mein Chef / mein Arzt / meine Frau / meine Nachbarn / die Gesellschaft … sagt, ich muss …»).Eine weitere beliebte Strategie, um die Freiheit zu vermeiden, ist das «Streben nach mehr»:
- Ich muss mehr Geld verdienen, dann bin ich frei.
- Ich muss mehr Freizeit haben, dann bin ich ausgeglichen.
- Ich muss mehr wissen, dann bekomme ich alles in den Griff.
- Ich muss schöner sein, dann werde ich gemocht.
- Ich brauche mehr Vergnügen, dann bin ich glücklich.
- Ich muss erfolgreicher sein, dann werde ich anerkannt.
- Ich muss mehr Gutes tun, dann fühle ich mich wertvoll.
Wir sind also die meiste Zeit damit beschäftigt, unsere Freiheit zu vermeiden, obwohl wir sie herbeisehnen. Das führt natürlich nie zu dauerhafter Freude und Erfüllung, ist aber dennoch sinnvoll. Denn wenn wir nicht wissen, was wir mit unserer Freiheit anstellen sollen, dann ist sie eine Strafe. Trauen wir uns die Eigenverantwortung für unser Leben nicht zu, empfinden wir uns selbst als sinn- oder nutzlos. Diese Gefühle gehören zu den unangenehmsten überhaupt, weil sie unsere Daseinsberechtigung grundsätzlich infrage stellen. So meinen wir, den Halt auf der Welt zu verlieren.