Mensch & Arbeit

Fallbeispiel: Integration von Personen mit Behinderung

Ungenutzte Ressourcen entdecken und weiterentwickeln

Die Versicherungsgruppe Nationale Suisse lancierte Anfang 2011 mit «Handicap am Arbeitsplatz» ein zukunftsweisendes Projekt. Dabei bereitet sich das Unternehmen schrittweise auf die Integration von handicapierten Personen vor und setzt so auf bisher brachliegende Talente.
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«Die Integration von Menschen mit Handicap ins Arbeitsleben ist von hoher gesellschaftspolitischer Relevanz», erklärt CEO Hans Künzle. Arbeitspotenziale und Fähigkeiten von Menschen mit Behinderung sind wichtige, bisher weitgehend ungenutzte Ressourcen für Arbeitgeber. Gleichzeitig sind die Sozialsysteme in der Pflicht, ihre Anstrengungen bezüglich der Arbeitsintegration zu verstärken, was sich in der Formel «Integration vor Rente» ausdrückt. Auf persönlicher Ebene wirken die Anerkennung und die Wertschätzung, welche ein Mensch in seiner Arbeitsumgebung erhält. So fällt die Sozialbilanz für die Integration von handicapierten Personen auf individueller, arbeitsmarktlicher und staatspolitischer Ebene sehr positiv aus.

Ohne Quotenregelung

Trotzdem gibt es in der Schweiz bisher, nicht wie in vielen Nachbarländern, keine gesetzlich vorgeschriebene Quote, die den Betrieben die Beschäftigung einer bestimmten Anzahl Mitarbeiter mit einer Behinderung vorschreibt. «Allerdings sind wir von Nationale Suisse überzeugt, auch ohne gesetzliche Vorgaben handicapierte Menschen besser als bisher in die Arbeit und damit auch in die Gesellschaft integrieren zu können», führt Künzle aus. Das Projekt «Handicap am Arbeitsplatz» setzt genau da an.

Prozesse anpassen

Das Projekt verfolgt seit Januar 2011 das Ziel, das Unternehmen und all seine Geschäftsbereiche und Abläufe auf den Umgang mit dem Thema Handicap und die konkrete Fähigkeit zur Anstellung von Handicapierten zu prüfen. Dies um Arbeitsprozesse allenfalls anzupassen und um den Horizont der Firmenkultur zu erweitern, damit handicapierten Personen ein ideales Arbeitsumfeld geboten werden kann. Es werden Rahmenbedingungen geschaffen, unter denen die speziellen Fähigkeiten und Stärken von Menschen mit Behinderung genutzt und für Arbeitgeber wie Ar­beit­nehmer wertschöpfend eingesetzt werden können.

Interdisziplinär arbeiten

Für die Realisation des Projektes arbeitet Nationale Suisse mit der Stiftung MyHandicap und dem Center of Disability and Integration der Universität St. Gallen (CDI-HSG) zusammen. Ein Mitarbeiter der Stiftung MyHandicap hat die Projektleitung für «Handicap am Arbeitsplatz» inne. Er setzt das Projekt im Rahmen seiner Doktorarbeit am Institut für Führung und Personalmanagement der Universität St. Gallen um und untersucht an diesem Praxisbeispiel, wie mit welchen Problemen und Herausforderungen umgegangen werden muss.

Der ganzheitliche Ansatz von «Handicap am Arbeitsplatz» mit dem bereichsübergreifenden Vorgehen ist neu. Er zielt darauf ab, die gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen sowohl für die Gesamtunternehmung als auch für weitere Unternehmen und Institutionen nutzbar zu machen. Das Thema wird strategisch und nachhaltig angegangen und soll langfristig einen Kulturwandel auslösen. «Persönliches Committment der Geschäftsleitung ist dabei wichtig, denn hier handelt es sich um ein Führungsthema», erklärt Hans Künzle. «Natürlich gibt es immer die viel zitierten Barrieren in den Köpfen, über die wir alle in unterschiedlichem Masse verfügen und die abgebaut werden müssen.» Genau da soll die Führung ansetzen, um die Veränderung erfolgreich einzuleiten. Er selber setzt sich bereits seit mehreren Jahren intensiv mit dieser Thematik als Stiftungsrat von MyHandicap auseinander. So war er auch eine der treibenden Kräfte, die das Projekt ins Leben gerufen haben.

«War for Talents»

Neben der persönlichen Überzeugung von Hans Künzle gab das Projekt «Call Yachol» in Israel einen wichtigen Impuls für die Realisation von «Handicap am Arbeitsplatz». Der CEO erfuhr davon im Jahr 2010 im Rahmen der Neuorganisation der Kundenservice-Centers von Nationale Suisse: «Call Yachol» ist ein Callcenter, welches fast ausschliesslich handicapierte Mitarbeiter beschäftigt und am Markt Erfolg hat. «Gerade im Hinblick auf die Veränderung der Arbeitsmärkte und dem zunehmenden Mangel an Fachkräften ist es notwendig, als vorausschauender Unternehmer Lösungsansätze zu entwickeln, wie es ‹Call Yachol› auf ihre Art erfolgreich getan hat», führt Künzle aus. «Wir wollen die Besten für uns gewinnen. Dafür müssen wir uns an Bedürfnisse von Arbeitnehmern anpassen können.» Ganz neu war der Gedanke bei Nationale Suisse jedoch nicht: Bereits Mitte der 1980er-Jahre sam­melte das Unternehmen Erfahrung in der Beschäftigung und der Wiedereingliederung von Menschen mit Handicap. So beteiligte es sich bei der Gründung der Sozialen Stellenbörse (heute worktrain) und unterstützte die Mitarbeiter in Krisensituationen. Ebenso ist der Versicherer Mitunterzeichner der «CHARTA», einer Initiative von Wirtschaftsverbänden und Arbeitgeber mit dem Ziel, bis Ende des Jahres 2012 in der Region Basel 100 zusätzliche Stellen im ersten Arbeitsmarkt durch Menschen mit einer Behinderung zu besetzen.

Das Projekt geht weiter

In diesem Sinne geht Nationale Suisse nun weiter und ermöglicht Menschen mit Behinderung dank dem Projekt einen Einstieg in eine passende Anstellung innerhalb des Unternehmens. So wurden in einem ersten Schritt in Zusammenarbeit mit dem Projektleiter explizit für Personen mit einem Handicap im Kundenservice-Center in Bottmingen zwei Lehrstellen für das neue Lehrjahr ausgeschrieben. Die Suche nach passenden Auszubildenden gestaltete sich jedoch schwieriger als angenommen, der erwartete Ansturm blieb vorerst aus. Deshalb entschied man sich für eine Kooperation mit den IV-Stellen der Nordwestschweizer Kantone und verschiedenen Betroffenenorganisationen im Raum Basel. Mit Erfolg: Mehrere Bewerbungen gingen ein. So konnte Nationale Suisse zwei Auszubildende per August 2011 einstellen. Beide haben ein körperliches Handicap, welches sie aber in ihrer Tätigkeit für Nationale Suisse nicht einschränkt, denn ihre Fähig- und Fertigkeiten passen mit den Erfordernissen zusammen.

Nach einem Jahr konnten bereits wichtige Projektschritte umgesetzt werden. Das Projekt ist jedoch noch lange nicht zu Ende: Das Unternehmen will nach und nach weitere Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung schaffen. Deren Integration soll zunehmend ein selbstverständlicher Bestandteil des Re­cruiting-Prozesses werden. Die Lehrlingsausschreibung für das Jahr 2012 ist bereits wieder offen und berücksichtigt diesen Anspruch. Zudem werden die gesammelten Erfahrungen und das generierte Wissen des Projekts «Handicap am Arbeitsplatz» im Rahmen der Doktorarbeit festgehalten, damit der Weg zur Integration behinderter Menschen in die Arbeitswelt weiter geebnet werden kann.