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Stressprävention ist vor allem Chefsache

Im Kampf gegen Stress und dessen Folgen in den Unternehmen kommt den Führungspersonen eine Schlüssel­rolle zu. Dies ist eine der zentralen Folgerungen aus der Studie SWiNG von Gesundheitsförderung Schweiz und dem Schweizerischen Versicherungsverband. Sie zeigt die Wirksamkeit von Stresspräventionsmassnahmen klar auf.
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Die Wertschöpfung muss laufend optimiert werden. Das ist das Gesetz des Marktes. Erfolgreiche Unternehmen sind in der Lage, bei ihren Mitarbeitenden überdurchschnittliche Leistungen abzurufen und sich so einen Wettbewerbsvorteil zu sichern. Verbreitet ist nach wie vor die Meinung, dass Mitarbeitende unter Druck ihr Potenzial am besten ausschöpfen können. Ergebnisse der «SWiNG»-Studie zeigen jedoch auf, dass es sich lohnt, darauf zu achten, Mitarbeitende nicht zu überfordern. Gesunde, engagierte Mitarbeitende sind rund zehn Prozent leistungsfähiger als Gestresste. Sie sind produktiver und verursachen weniger Absenzen. In Geld ausgedruckt kann dieser Unterschied bis zu 8000 Franken pro Jahr und Mitarbeitende ausmachen.

Mehr Stress, weniger Leistung

Trotzdem sind Stress, Belastungen und Überforderung Teil der Realität in Schweizer Unternehmen. So fühlen sich laut der jüngsten Befragung des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) 34,4 Prozent der Schweizer Erwerbstätigen häufig oder sehr häufig gestresst. Damit leiden rund 30 Prozent mehr Menschen unter Stress als noch vor zehn Jahren. Diese alarmierende Zunahme bedeutet nicht nur für die Betroffenen und ihre Angehörigen eine grosse Belastung, sondern stellt auch eine grosse finanzielle Belastung für die Schweizer Wirtschaft, da Absenzen und Leistungseinbus­sen aufgrund von Stress stetig zunehmen.

Das Pilotprojekt «SWiNG» – der Name steht für Stressmanagement, Wirkung und Nutzen betrieblicher Gesundheitsförderung – setzt genau hier an. Es wurde im Jahr 2008 von Gesundheitsförderung Schweiz und dem Schweizerischen Versicherungsverband initiiert. Das Projekt untersucht einerseits Stressursachen sowie die negativen Folgen von Stress; andererseits wurden die Wirkungsweise und der ökonomische Nutzen von verschiedenen Präventionsmassnahmen analysiert. Dafür wurde «SWiNG» in acht Testbetrieben aus unterschiedlichen Branchen in der ganzen Schweiz über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren umgesetzt und von Uni und ETH Zürich sowie dem Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie evaluiert.

Gezielte Interventionen

Der erste Schritt im Kampf gegen den Stress im Betrieb stellt die gründliche Analyse der Ist-Situation dar – denn nur wer weiss, wie die Belastungssituation konkret aussieht, kann effizient handeln. Für diese Detail-Analyse hat Gesundheitsförderung Schweiz gemeinsam mit dem Schweizerischen Versicherungsverband und dem Psychologischen Institut der Universität Bern sowie dem ifa Institut für Arbeitsmedizin eigens ein spezielles Instrument entwickelt: S-Tool. Damit haben Unternehmen ein einfaches, aber aussagekräftiges Online-Befragungsinstrument an der Hand, das sogenannte Stress-Hot-Spots im Unternehmen aufzeigt.

Schulung der Führungskräfte

Eine zentrale Rolle bei der Stressprävention nehmen die Führungskräfte in einem Unternehmen ein. Im Mittelpunkt steht dabei ihre eingehende Schulung, wie «SWiNG» gezeigt hat. Sie müssen als Erste erkennen, wann ihre Mitarbeitenden unter Stress leiden und können durch einen offenen Umgang dazu beitragen, dass das Thema enttabuisiert wird.

Die Führungspersonen helfen mit, die Mitarbeitenden für eine Teilnahme am Stresspräventions-Programm zu motivieren und erarbeiten gemeinsam mit ihren Teams Strategien zur Verbesserung der Zusammenarbeit im Team und zur Reduktion von unnötigem Stress. Dies geschieht im Rahmen von sogenannten Teamreflexionen, in denen die Ergebnisse der Ist-Analyse mit S-Tool diskutiert werden. Gemeinsam werden Lösungen für Belastungssituationen gesucht und allenfalls notwendige strukturelle Anpassungen vorgenommen. Allein dieser offene Umgang mit den eigenen Befindlichkeiten ist schon ein entscheidender Faktor der Prävention. Als ebenfalls erfolgreich haben sich individuelle Stressmanagement-Kurse für die Mitarbeitenden und Führungskräfte erwiesen. Entscheidend für den Erfolg der Stressprävention sind aufeinander abgestimmte Massnahmen, die auf das jeweilige Unternehmen zugeschnitten sind. Denn erst als Gesamtpaket entfalten sie ihre Wirkung. Erfolgreiche Stressprävention erfordert darüber hinaus das gemeinsame Engagement von Geschäftsleitung, Führung und Mitarbeitenden. Es wäre auch falsch, die gesamte Verantwortung für den Stress in Unternehmen auf die Führungspersonen abzuschieben.

Engagement lohnt sich

Stressprävention lohnt sich für Unternehmen auf der ganzen Linie. Die «SWiNG»-Studie zeigt, dass durch die wirksamen Interventionen die Anzahl der Fehltage bei den Personen mit der höchsten Stressbelastung um 1,7 Tage pro Jahr und Mitarbeitenden gesenkt werden. Dies entspricht bei den Pilot-Betrieben einer durchschnittlichen Einsparung von 600 Franken pro Mitarbeitenden und Jahr. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis der getesteten Massnahmen fällt positiv aus: Die finanziellen und personellen Aufwendungen der durchgeführten Stressintervention beliefen sich im Studienzeitraum von 2,5 Jahren auf ein Total von 755 Franken pro Mitarbeitenden. Der durchschnittliche jährliche monetäre Nutzen pro Beschäftigtem wird nach Abschluss der Interventionen auf 195 Franken beziffert. Da davon ausgegangen werden kann, dass die positiven Effekte langfristig wirken, zahlt sich das Präventionsprogramm spätestens nach fünf Jahren aus.

Stressprävention

  1. Analyse mit S-Tool: Die Stressverteilung im Betrieb ist klar, die Richtung der Intervention kann definiert werden.
  2. Schulung der Führungskräfte: Sie sind die Schlüsselpersonen im Prozess und müssen erkennen, wann krankmachende Belastungssituationen bei einzelnen Mitarbeitenden oder ganzen Teams vorliegen und was sie dagegen tun können.
  3. Reflexion der Stresssituation im Team mit dem Ziel, Stress zu enttabuisieren und gemeinsam die Arbeitsorganisation zu verbessern.
  4. Individuelle Stressmanagement-Kurse, mit welchen die einzelnen Mitarbeitenden deutlich an Kompetenz im Umgang mit Stresssituationen gewinnen.

Die «SWiNG»-Betriebe

Am Pilotprojekt SWiNG haben sich acht Grossunternehmen beteiligt: die Unternehmen ABB Turbo Systems AG, ABB Schweiz AG, Zentrale Funktionen, Alstom Field Service Centre Schweiz, Alstom Rotorenfabrik und Nestlé Suisse S.A., die Spitäler Hôpital Riviera und Klinik Barmelweid sowie die Kantonale Verwaltung Thurgau. Mehr Informationen: www.gesundheitsfoerderung.ch/swing