Wer kennt sie nicht, die Situationen, in welchen man das Gefühl hat, die Anforderungen im Alltag und im Beruf nicht mehr bewältigen zu können? Dass wir im Stress vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen oder uns flau im Magen wird, gehört dazu, denn wenn wir unter Stress stehen, fährt unser Körper alle Funktionen, die er nicht braucht, herunter und fokussiert nur auf diese eine Gefahrensituation. Dies ermöglichte es unseren Vorfahren, in brenzligen Situationen zu fliehen oder anzugreifen. Heute können wir vor unserem Stress nicht fliehen. Er ist nicht mehr auf einzelne Momente beschränkt, sondern zieht sich durch den ganzen Tag: der Pendelverkehr am Morgen, die E-Mail-Flut beim Aufstarten des PC, die verschobenen Meetings, der Kostendruck, das kranke Kind zu Hause. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Eine kurzfristige Stressreaktion ist für unseren Körper und Geist kein Problem. Wird der Stress chronisch und die Stressreaktion langfristig, sind die Folgen schwerwiegend.
Kostentreiber
Die Weltgesundheitsorganisation hat Stress zu einer der grössten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts erklärt. Bei der Schweizer Gesundheitsbefragung 2002 gaben 47 Prozent der Männer und 41 Prozent der Frauen an, unter starken nervlichen Anspannungen am Arbeitsplatz zu leiden. Dieselbe Untersuchung konnte zeigen, dass Personen, die unter starken nervlichen Anspannungen stehen, deutlich häufiger unter körperlichen Beschwerden leiden. Dazu gehören Verspannungen im Nacken, Rückenprobleme, Migräne, Herz-Kreislauferkrankungen, Magen-Darm-Erkrankungen sowie psychische Störungen.
Stress fördert ein gesundheitsschädigendes Verhalten. Wer gestresst ist, raucht mehr und trinkt öfters Alkohol. Oft wird zu Aufbau- oder Beruhigungsmitteln gegriffen. Wenig Schlaf, eine unausgewogene Ernährung und zu wenig Bewegung verstärken die Symptome und machen anfällig für Krankheiten. Es erstaunt nicht, dass das Seco die durch Stress verursachten Kosten auf vier Milliarden CHF schätzt.
Stress am Arbeitsplatz
Im Laufe des letzten Jahrhunderts ist Arbeiten in der Schweiz zunehmend angenehmer geworden. Statt in Fabrikhallen zu stehen, arbeiten immer mehr Menschen in Büros. Die Arbeitszeit hat sich verringert. Eigentlich sollte es unter diesem Gesichtspunkt weniger arbeitsbedingte Erkrankungen geben. Dass dies nicht so ist, hängt mit dem hohen Zeitdruck, der Komplexität und der Verantwortung in den wissensintensiven Berufen, die viele von uns heute ausüben, zusammen. Um Gewinne zu steigern oder im globalen Wettbewerb zu überleben, muss immer mehr in immer weniger Zeit erledigt werden. Elektronische Kommunikationsmittel verdichten unsere Tage. Das Tempo ist erhöht. Was heute gut ist, wird morgen schon wieder verworfen. Produktionsabläufe werden so eng an die Nachfrage geknüpft, dass die Mitarbeitenden mit unregelmässigen und kurzfristig angepassten Arbeitszeiten umgehen müssen.
Gerade diese überflexiblen Arbeitszeiten können bei den Mitarbeitenden viel Stress auslösen, vor allem dann, wenn sie nicht beeinflusst werden können. Die grössten Stressoren am Arbeitsplatz sind ständige Unterbrechungen, Spannungen und Konflikte, fehlende Anerkennung, unkonstruktive Kritik und eine erdrückende Arbeitsmenge.
Die fehlende Anerkennung und die damit verbundene mangelnde Wertschätzung hängen stark mit dem Führungsverhalten der Vorgesetzten zusammen. Führungskräfte sind doppelt gefordert. Einerseits haben sie es in der Hand, Aufgaben, Ziele und Regeln klar zu kommunizieren und so aktiv den Stress im Unternehmen zu senken, anderseits sind sie besonders häufig Unterbrechungen ausgesetzt, ihre Aufträge sind weniger klar formuliert, aufrichtiges Feedback ist seltener und die Arbeitsmenge ist oft enorm hoch.
