Mensch & Arbeit

Psychologie

Stärken gegen die Krisen entwickeln

Führungskräfte, die gerade in Krisenzeiten einen Beitrag leisten wollen, um die Widerstandskräfte der Mitarbeiter zu stärken und deren Resilienz zu erhöhen, bauen ein Stärkenmanagement auf, das diesen Namen verdient hat. Im Fokus dabei: die Charakterstärken.
PDF Kaufen

Die Unternehmen kämpfen an zahlreichen Krisenfronten. Einige der Stichwörter lauten Pandemiebekämpfung, Uk­rainekrieg, Fachkräftemangel, steigende Preise und Lebenshaltungskosten. Es sind unsichere Zeiten für unternehmerische Entscheidungen, insbesondere für mittel- und langfristige. Zwar fahren einige Unternehmen Rekordgewinne ein, die meisten jedoch plagen Rezessionsängste und die Furcht vor dem Sturz in die Pleite. 

Die Krisen zehren, auch an den Führungskräften, die physischen und psychischen Belastungen nehmen überhand. In dieser herausfordernden Situation stellen sich viele Führungskräfte der Aufgabe, wie sie die eigenen Widerstandskräfte und die ihrer Mitarbeiter stärken und sich selbst in einen stabilen Kräftezustand versetzen können. Und nutzen dabei die Erkenntnisse und Instrumente der Positiven Psychologie, die sich mit den dynamischen und erstrebenswerten Prozessen der Weiterentwicklung und Entfaltung der dem Menschen innewohnenden Kräfte beschäftigt.

Positive Psychologie

Der Positiven Psychologie als der Wis­senschaft des gelingenden Lebens und Arbeitens geht es um Antworten auf die Frage, wie es Menschen gelingt, Stärken zu entfalten und zu aktivieren und sich selbst und das unternehmerische Umfeld voranzubringen. Ihre Methoden haben zum Ziel, das persönliche Wachstum, die Leistungsfähigkeit sowie die Lebens- und Arbeitszufriedenheit zu fördern. Ins­besondere die Steigerung der Arbeitszufriedenheit bildet ein Feld der Positiven Psychologie, die sich fernab des rosa­roten positiven Denkens den Ruf einer ­se­riösen wissenschaftlichen Disziplin er­arbeitet hat. 

Den Grundstein dazu haben der Meister des «Flow», der Kreativitätsforscher Mihály Csíkszentmihályi, und der bekannte Psychologe Martin E. P. Seligman mit ihrem Artikel «Positive Psychology» gelegt, in dem die beiden Forscher im Jahr 2000 zuallererst die Zielsetzungen der Positiven Psychologie beschrieben haben. Seitdem gilt diese als Methode, eine Unternehmenskultur aufzubauen, in der Führungskräfte und Mitarbeiter gleichermassen optimistisch nach vorn schauen und bereit sind, bestmögliche Arbeitsergebnisse zu erbringen.

Die 24 Charakterstärken

Zentrale Säulen der Positiven Psychologie sind die Nutzung positiver Emotionen wie etwa Lebensfreude und Optimismus, die Schaffung von Rahmenbedingungen, die den Menschen helfen, ihre förderlichen Charaktereigenschaften einzusetzen – und eben auch der Ausbau von Stärken. Dabei geht es primär um Charakterstärken, mithin Stärken, die auf der Persönlichkeitsebene angesiedelt sind. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie es Führungskräften gelingt, die eigenen Charakterstärken und die der Mitarbeiter festzustellen. Denn Ziel sollte sein, dass das Stärkenmanagement tatsächlich die wahren Stärken eines Menschen adressiert. Wie jedoch lässt sich Stärkenmanagement vom Zufalls­prinzip befreien?

In der Positiven Psychologie werden 24 Charakterstärken unterschieden. Sie ­reichen von Kreativität, Liebe zum Lernen, Weisheit und Mut sowie Ehrlichkeit, ­Enthusiasmus, Liebe und Empathie bis hin zu Klugheit, Selbstregulierung, Sinn für das Schöne und Humor. Eine Charakterstärke ist immer eine Antriebskraft und Quelle des Antriebs, um zum Beispiel eine bestimmte Kompetenz zu erwerben. 

Zudem sprechen die Vertreter der Posi­tiven Psychologie von Signaturstärken: Darunter werden die erstrebenswerten Aspekte der menschlichen Persönlichkeit gefasst, also die erstrebenswerten Ei­genschaften, die einen Menschen zu dem ­machen, was er ist, mithin auf seinen Wesenskern hindeuten.

Zur Verdeutlichung: Die fünf wichtigsten Signaturstärken des Verfassers dieser Zeilen sind Humor, Mut, Enthusiasmus, Kreativität und Hoffnung/Optimismus. Sie sind nicht willkürlich festgelegt, sondern stellen das Ergebnis eines wissenschaftlich validierten Fragebogens (siehe auf  www.viacharacter.org) dar, der am «VIA Institute on Character» entwickelt wurde, das unter anderem von Martin E. P. Seligman geleitet wurde. Der Fragebogen gliedert die 24 Charakterstärken in sechs Tugendkategorien, die Verbindlichkeit dadurch gewinnen, dass die Wissenschaft davon ausgeht, sie seien in allen Kulturen und Nationen universell vorhanden. Die Forschung zur Positiven Psychologie zeigt, dass die Menschen, die ihre Sig­naturstärken kennen und einsetzen, von ihrem Umfeld als authentisch und glaubwürdig erlebt werden. Welchen Nutzwert hat es, wenn die Signaturstärken ­eines Menschen bekannt sind?

Mit Signaturstärken arbeiten

Nehmen wir als Beispiel eine Marketingabteilung: Zunächst analysieren die Marketingleiter und die Teammitglieder mithilfe des genannten Fragebogens den Ausprägungsgrad der Charakterstärken und ihre jeweiligen Signaturstärken, die dann allen Beteiligten bekannt sind. Daraus ­ergeben sich vielfältige Anwendungsmöglichkeiten: So kann die Marketingleiterin ihre Mitarbeiter konsequent stärkenfokussiert einsetzen und sie denje­nigen Aufgaben und Herausforderungen zuteilen, die sie mit einiger Wahrscheinlichkeit mithilfe der Signaturstärken besonders zufriedenstellend lösen werden. 

Wer bei Enthusiasmus und Kreativität über einen hohen Ausprägungsgrad verfügt, sollte natürlich nicht unbedingt mit dem Berechnen oder Controllen der Marketingbudgets oder Kampagnenkosten beschäftigt werden, sondern mit dem Entwurf kreativer Kampagnen oder dem Ausspinnen neuer Ideen. Denn auch in einer hochspezifischen Abteilung wie dem Marketing arbeiten gewöhnlich nicht nur superkreative Extrovertierte, sondern eben auch organisationsstarke Introvertierte und pragmatische Umsetzer. Davon profitieren das ganze Team, die Ergebnisse, das Unternehmen – wenn denn die Stärken richtig erkannt und entwickelt werden. 

Dann ist es dem Marketingleiter und den Mitarbeitenden möglich, am wei­teren Ausbau ihrer Stärken zu arbeiten und die Weiterbildungsoptionen darauf anzu­passen. Wobei die Positive Psychologie betont, nie in den Bereich der Überbeanspruchung und Übertreibung zu ­geraten oder in den Bereich der Unterbeanspruchung und Untertreibung, sondern den Weg der Mitte und Mässigung zu beschreiten. Bei der Ausbildung der ­Signaturstärke, Kreativität etwa, sollten Kreative, die alles Konventionelle ja häufig ablehnen, darauf achten, weder in die extreme Rolle des angepassten Ja­sagers, den niemand achten kann (Untertreibung), noch des exzentrischen Hans-guck-in-die-Luft (Übertreibung), über den sich alle lustig machen, zu rutschen. Wichtig ist, stets in der Zone der jewei­ligen Stärke zu verbleiben.

Kreative Menschen sollten sich bemühen, sich im beruflichen Kontext für die Be­arbeitung und Lösung innovativer Auf­gaben einzusetzen. Dies gelingt, indem sie sich zum Beispiel in das Verbesserungsvorschlagswesen einbringen und die Hand heben, wenn im Job das Beschreiten ungewöhnlicher Seitenpfade dezidiert erwünscht ist. Und als Führungskraft ist es richtig, die Signaturstärken zum Fundament der Lebens­führung zu entwickeln, um als authen­tische Persönlichkeit und damit als Vor­bild wirken zu können.

Fazit

Bei der Positiven Psychologie geht es vor allem um das stärkenorientierte Wachstum und um die Erfahrung der Freude, der (Arbeits-)Zufriedenheit und des Wohlbefindens. Zu den anwendungsrelevanten Nutzenaspekten gehört, dass Führungskräfte und Mitarbeiter genau die Stärken ausbauen, die ihren Wesenskern und ihre Identität ausmachen. Dies führt zur Steigerung des Wohlbefindens, der Arbeitszufriedenheit, der Widerstandskräfte und der Resilienz.

Porträt