Mensch & Arbeit

Outplacement

Mit mehr Gespür zu weniger Entlassungen

Eine Entlassung kann jeden treffen. Oft auch unvermittelt. Und es gibt nicht viel, das den Einzelnen davor schützen kann: nicht das Alter, nicht die Bildung, so das Ergebnis einer Outplacement-Statistik. Denn viele Trennungen erfolgen aus persönlichen Gründen. Doch vielleicht würde es oft schon helfen, im Job etwas menschlicher zu agieren.
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Der Job ist Teil der Identität vieler Menschen. Verlieren sie ihren Job, verlieren sie mehr als nur einen Teil ihres Einkommens. Es sind vor allem die immateriellen Verluste, die viele quälen: Der Verlust von Status, Anerkennung, Bestätigung – auch Macht. Jedes Jahr erhebt die Grass und Partner AG eine Outplacement-Statistik. Die daraus gewonnenen Erkennt­nisse lassen sich durchaus als Gradmesser
bezeichnen, der Rückschlüsse auf die Arbeits- oder besser noch auf die Entlassungswelt ermöglicht.

So überrascht an der aktuellen Statistik am meisten, dass es nicht mehr vor allem Leute über 50 Jahre sind, die entlassen werden. Um beinahe die Hälfte ging die Zahl der über 50-jährigen Klienten im Vergleich zum Vorjahr zurück. Die Ursachen dafür kann man nur vermuten. Vielleicht wurden viele der älteren Mitarbeitenden schon vor diesem Zeitraum entlassen. Oder aber: Die Unternehmen haben in den letzten Jahren nicht die besten Erfahrungen mit jüngeren Managern gemacht. Eine andere Gruppe kommt hingegen zunehmend schlechter weg: jene der 40- bis 49-Jährigen, also die «Manager im besten Alter». Ihr Anteil hat vermutlich auch daher zugenommen, weil nach den Entlassungen auf den unteren Ebenen kein so grosser Führungs­apparat mehr  benötigt wird.

Eine Frage der Chemie

Doch neben solch sachlich-rationalen Erklärungen spielt vor allem die Chemie eine tragende Rolle. Um die 30 Prozent werden
jedes Jahr aufgrund unstimmiger Persönlichkeiten entlassen. Bei vielen unserer Klienten kommt nach einigen Gesprächen heraus, dass ihre Entlassung ganz und gar nicht mit den angegebenen Sachgründen zu tun hatte, sondern vielmehr mit zwischenmenschlichen Reibungen. Ich würde sogar sagen, dass bei der Hälfte der Kandidaten die Chemie der ausschlaggebende Grund war. Viele reagierten auf Druck von oben mit Gegendruck und geraten so mit ihren Vorgesetzten aneinander. Druck von oben sollte man eher mit Offenheit und Kommunikation begegnen. Niemand vergibt sich etwas, wenn er den Chef auch mal fragt, ob alles in Ordnung sei.  

Alle, die sich anpassen können, haben es in der Arbeitswelt deutlich leichter und sind auch besser vor Entlassungen geschützt. Leute, die zu stur sind und immer mit dem Kopf durch die Wand wollen, haben mehr Mühe.


An solchen Eigenschaften lässt sich während eines Outplacements gut arbeiten. Vor allem die Reflexionsfähigkeit steht im Zentrum dessen, was zu korrigieren ist. Jeder sollte zuerst einmal bei sich selbst suchen und seine eigene Verantwortung besser wahrnehmen. Zweiter wichtiger Baustein der Manager-Persönlichkeit ist ihre Führungsstärke. Viele führen heute entweder gar nicht oder falsch. Und das ist ihnen oft nicht bewusst. Die langjährige Erfahrung hat gezeigt, dass viele Manager sich vor allem auf ihre sachlichen und fachlichen Kompetenzen konzentrieren und viel zu wenig auf Führung, Kommunikation und auf den Menschen. Häufig wird jemand als Top-Experte eingestellt und als schwache Führungskraft entlassen.

Leider mangelt es auch bei manch einem Überbringer der schlechten Botschaft an dem, was man Persönlichkeit nennt. Jene, die entlassen, haben oft nicht den Mut, die Wahrheit über die Gründe zu sagen und klammern sich lieber an Notlügen.

Mit Kopf und Bauch

Es sollte bereits viel früher damit angefangen werden, Menschen auf das Leben und den Umgang mit anderen Menschen vorzubereiten. Wir lernen in der Schule alles über Technik, Geschichte oder Umwelt. Aber wie der Mensch funktioniert oder das Leben an sich, das lernen wir nicht. Dabei ist vor allem die Führung eine hohe Kunst und deutlich anspruchsvoller als früher. Manager haben mit so vielen verschiedenen Menschen zu tun und müssen diese situativ führen können. Ein einziger Führungsstil für alle reicht nicht mehr. Jeder Mitarbeiter will anders aufgefangen und abgeholt werden und darauf muss eine gute Führungskraft eingehen können. Dazu braucht es nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz und den Bauch. Das hören viele Manager aber nicht so gern, weil sie finden, solche Qualitäten passen nicht in die Wirtschaftswelt. Ich habe das zum Beispiel über die Jahre gelernt und spüre heute in einer Sitzung, wenn jemand nicht mit der ganzen Wahrheit rausrückt.

Dieses Gespür kann natürlich nicht innerhalb weniger Wochen gelernt werden. Aber Achtsamkeit, Aufmerksamkeit, Besonnenheit lassen sich durchaus fördern und verbessern. Ich bin überzeugt, dass solche menschlichen Qualitäten zu einem Rückgang der Entlassungen führen würden. Eine Entlassung ist dermassen teuer, dass sie wirklich das Mittel der letzten Wahl sein sollte. Viel besser ist es doch, sich zu überlegen, an welcher Stelle im Unternehmen ein Mitarbeiter noch eingesetzt werden könnte. Da findet sich erstaunlich oft eine bessere Alternative als die Entlassung.

Solides Netzwerk hilft

Kommt es dennoch zu einer Trennung, hilft auf der Jobsuche vor allem eins: ein funktionierendes Netzwerk. Um die 40 Prozent der Kandidaten aus dem Outplacement bei Grass & Partner sind so an ihre neue Stelle gekommen. Leider ist das vielen nicht bewusst. Manager arbeiten häufig bis zum Umfallen und vernachlässigen diese wichtige Ressource. Nachdem sie unser Programm durchlaufen haben, planen sie immer Zeit ein, ihr Netzwerk zu pflegen. Denn ohne wird es schwer. Der gangbarste Weg für viele ist es dann, sich auf ausgeschriebene Stellen zu bewerben. Auf diese Art müssten die meisten ihre Komfortzone nicht verlassen. Zugleich verringern sich aber auch die Chancen, denn er oder sie sieht sich in direkter Konkurrenz mit vielen anderen Bewerbern. Das ist beim Netzwerken anders. Da sammelt man Informationen, bevor sie öffentlich werden. So hat man die Möglichkeit, mit einer Spontanbewerbung den Nerv der Zeit in einem Unternehmen zu treffen. Vielleicht ist ein Arbeitgeber z.B. schon länger unzufrieden mit der Kommunikationsverantwortlichen, hat es aber noch nicht geschafft, die Trennung auszusprechen. Ein Kandidat, der da mit einer perfekten Bewerbung zur passenden Zeit auftaucht, hat alle Chancen auf den Job. Dabei zählt keinesfalls nur das persönliche Netzwerk des Einzelnen, sondern zum Beispiel auch das eines Outplacement-Spezialisten.

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