«The business of business is business.» Mit der Formel bringt Wirtschafts-Nobelpreisträger Milton Friedman seine Lehre auf den Punkt. Die Aufgabe des Unternehmens besteht allein im Geschäft. Leader – Unternehmer, Verwaltungsräte, Geschäftsleitungen – tragen lediglich den Aktionären gegenüber Verantwortung. Sie besteht darin, deren Rendite zu maximieren, also Umsatz und Gewinn zu steigern. Andere soziale Verpflichtungen, zum Beispiel Mitarbeitenden, Kunden, Lieferanten oder der Gesellschaft gegenüber, haben hinter dem Geschäft zurückzustehen. Mit Friedmans Doktrin scheint die Ethik unvereinbar. Denn diese orientiert sich nicht nur am Eigeninteresse des Unternehmens, sondern trägt auch berechtigten Ansprüchen anderer sozialer Gruppen Rechnung. Doch wer hat recht: die Gewinn maximierungslehre oder die Ethik? Sollen sich Leader wirtschaftlicher Unternehmen an moralischen Überlegungen ausrichten oder sich allein von betriebswirtschaftlichen Zielen leiten lassen?
Herausforderungen
Wer glaubt, solche Fragen würden nur grosse Konzerne betreffen, täuscht sich. Tatsächlich sehen sich auch CEOs, Verwaltungsräte und Geschäftsleitungsmitglieder von KMU auf Schritt und Tritt damit konfrontiert. Ein paar Beispiele:
- Eine Firma soll die Software für künftige selbstfahrende Autos programmieren. Wie sollen diese reagieren, wenn unversehens ein Fussgänger die Fahrbahn betritt und Gegenverkehr herrscht? Ausweichen und eine Frontalkollision in Kauf nehmen? Oder den Fussgänger überfahren? Spielt es eine Rolle, ob da ein Zebrastreifen vorhanden ist oder nicht? Wie viele Personen auf die Fahrbahn laufen? Und wie viele sich im Auto befinden? Darf dieses Programm allein die Insassen schützen? – Denn das verlangt der Autobauer.
- Die Leistung einer Mitarbeiterin bleibt weit hinter den Erwartungen der Vorgesetzten zurück. Aber sie ist alleinerziehende Mutter zweier Kinder. Soll man sie entlassen, wenn alle andern Massnahmen zur Leistungssteigerung versagt haben?
- Ein kleines Unternehmen produziert Teile, die in Waffensysteme eingebaut werden können. Vielleicht gelangen diese an kriegsführende Staaten oder Gruppierungen. Ist das Geschäft vertretbar oder muss das Unternehmen derartige Aufträge ablehnen?
- Wie geht ein Unternehmen mit den Schwierigkeiten um, die ihm die Pandemie eingebrockt hat? Corona-Gelder beziehen? Mitarbeitende entlassen? Kurzarbeit? Maskenpflicht? Homeoffice?
- Auch die Unternehmenskultur eines Unternehmens spiegelt seine Ethik: Wie kommuniziert man miteinander? Wie bewältigt man Konflikte? Welche Führungsgrundsätze werden gelebt?
Die Liste liesse sich beliebig verlängern. Die Fälle sind lediglich Beispiele für typische Situationen, in denen es keineswegs bloss um betriebswirtschaftliche Entscheidungen geht, sondern auch um ethische. In der Reihenfolge der Fälle:
- Der Auftrag kollidiert mit dem Grundsatz, dass alle Menschen das gleiche Recht auf Leben haben.
- Eine Entlassung verstösst gegen die Forderung, Not zu vermeiden. Die mangelnde Leistung widerspricht dem Gerechtigkeitsprinzip.
- Darf man sich am Geschäft mit dem Tod beteiligen, vielleicht mit dem Argument, wenn wir die Teile nicht produzierten, würden andere es tun?
- Der Umgang mit Covid betrifft die Rechte ganz unterschiedlicher Menschen: der Mitarbeitenden, interner und externer Gruppen, die vor Ansteckung bewahrt werden sollen, aber auch die Gesamtgesellschaft, die für die Ausgleichszahlungen aufkommt.
- An welche ethischen Standards hält sich die Firma, wenn es um den Umgang mit den Stakeholdern geht: Respekt, Fairness und Anstand?
Ethik: Fairness statt Eigennutz
Damit deutet sich schon an, was Ethik ist und was nicht. Wer ethisch handeln will, fragt sich, wie er mit anderen Menschen umgehen soll. Aber nicht um persönlich davon zu profitieren, sondern um möglichst allen gerecht zu werden, die von seinem Handeln betroffen sind, sei es direkt oder indirekt. Nicht das Eigeninteresse allein zählt, sondern das aller. Nicht Egoismus heisst die Losung, sondern ein Abwägen auch der Ziele der andern. Nicht der «Erfolg», gemessen in monetärer Währung, entscheidet, sondern Gerechtigkeit. Damit grenzt sich die Ethik in mehrfacher Hinsicht ab:
- Gegen die Moral, das Set der tatsächlichen gesellschaftlichen Handlungsregeln, also das, was «man» üblicherweise tut. Die Ethik ermittelt dagegen, was richtig wäre, was geboten ist: was man tun soll. Moralen differieren und verändern sich: Was im alten Rom galt – Sklaverei zum Beispiel –, muss nicht fair sein. Was in China üblich ist – die staatliche Überwachung der Bürgerinnen zum Beispiel –, muss hinterfragt werden. Die Ethik geht in kritische Distanz zur Moral und überprüft sie.
- Gegen das Recht, das festschreibt, was eine Gesellschaft gestattet, was sie verbietet und bestraft. Die Rechtssetzung folgt in der Regel dem Rechtsempfinden einer Gemeinschaft, also der Moral. Doch nicht alles, was erlaubt und üblich ist, ist auch ethisch vertretbar. Wie viel Unfairness, Ausbeutung und Unterdrückung gibt es in der Welt, wie viel Trickserei und Mauschelei auch hierzulande. Und das meiste im Rahmen der Gesetze. Ethik akzeptiert nicht unbesehen, was rechtskonform ist. Sie fragt: Was ist richtig?
- Gegen die Betriebswirtschaft, die in erster Linie Gewinn erwirtschaften will. Die Ethik widerspricht diesem Ziel nicht grundsätzlich: Gewinne zu erzielen, ist nicht per se unethisch. Häufig gehen ethische und wirtschaftliche Ziele Hand in Hand. Wo die beiden aber in Konflikt geraten, hängt es von der Perspektive ab: Gibt die Gewinnsteigerung oder die Gerechtigkeit den Ausschlag?