Szenen eines Arbeitsalltags: Peter Mustermann (Name fiktiv), 33, bucht jeden Donnerstag für zwei Stunden einen Sitzungsraum. Aber die Sitzungen finden nie statt – ausser im elektronischen Kalender der Firma, damit alle sehen, wie beschäftigt Mustermann ist. «Ich bin zwar in dem Raum, treffe mich dort aber mit zwei Kollegen, und dann plaudern wir über Gott und die Welt», sagt Mustermann. Die drei arbeiten in der IT-Abteilung einer Grossbank. Ein anderes Beispiel: In einem Grossraumbüro sitzen Verwaltungsangestellte vor ihren Computern und geben scheinbar Daten ein. Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass sie mit dem Zeigefinger auf der Tastatur rumhämmern – eine typische Bewegung, wenn man sich die Zeit mit Onlinespielen wie «Moorhuhn» vertreibt.
Klare Fälle von «Boreout»
Für die Buchautoren Philippe Rothlin und Peter Werder sind das klare Fälle von «Boreout». Die Wortschöpfung bedeutet so viel wie «Ausgelangweiltsein» und ist das Gegenteil vom Burnout – dem Ausgebranntsein. «Stress zu haben ist sozial erwünscht», erklärt Peter Werder. «Wir wollten zeigen: Es gibt viele Menschen, die unterfordert sind, sich langweilen und stundenlang nichts tun.» Weil das sozial nicht anerkannt ist, verstecken sie ihr Nichtstun mit grossem Aufwand. Deshalb ähneln die Symptome des Boreouts jenen des Burnouts: Man gibt sich unheimlich geschäftig, kommt früh ins Büro und geht spät, nimmt abends den Aktenkoffer mit, ohne ihn jemals zu öffnen. Man simuliert Engagement.
Blick in die Realität
Im Handwerk und der Industrie ist das schlecht möglich. «Ein Schweisser kann nicht so tun, als würde er schweissen», sagt Philippe Rothlin. Der Boreout sei ein Phänomen der Dienstleistungsgesellschaft. Laut Umfragen identifizieren sich in Deutschland 87 Prozent der Arbeitnehmer nicht oder nur wenig mit ihrem Unternehmen; 69 Prozent machen lediglich Dienst nach Vorschrift, und 18 Prozent haben innerlich gekündigt. In den USA verbringen Beschäftigte in der Dienstleistungsbranche im Durchschnitt zwei Stunden am Tag mit privaten Dingen. Jeder Dritte sagt, er fühle sich in seinem Job unterfordert, weil er zu wenig Arbeit habe oder zu wenig anspruchsvolle. Wie kann das sein? In der globalisierten Arbeitswelt, so die gängige Wahrnehmung, hat sich die Arbeit gnadenlos verdichtet, man muss den Job des entlassenen Kollegen miterledigen und bewältigt sein Pensum nur mithilfe vieler Überstunden. Langeweile, das ist im Turbokapitalismus höchstens etwas für Beamte, reiche Erben oder Pförtner, so das Vorurteil.
Langeweile ist etwas für viele
Peter Werder und Philippe Rothlin haben rund 100 Gespräche geführt – mit gut ausgebildeten Leuten aus den Bereichen Banken, Versicherungen, Werbung, PR und Verwaltung. Der Boreout, so ihre Beobachtung, entwickelt sich vor allem im Schatten des Burnout. «In einem Team reissen ein oder zwei Leute die Arbeit an sich, für den Rest bleibt wenig übrig», sagt Philippe Rothlin. Anfällig für chronisches Gelangweiltsein sind Menschen, die sich nicht wirklich für ihren Beruf interessieren, die keinen Sinn in ihrer Arbeit sehen oder in der falschen Firma arbeiten. «Es sind Leute, die etwas leisten wollen. Sie sind nicht faul, sondern sie werden faul gemacht», sagt Peter Werder.