Die Krise hat ihre Spuren hinterlassen. Auch in der Schweiz mussten viele Firmen Stellen abbauen und Leute entlassen. Der Stellenmarkt brach auf 30 bis 40 Prozent des Normalvolumens ein.
Wechsel nur verschoben
Den Mitarbeitern blieb zeitweilig nichts anderes als «Gring ache u seckle», möglichst keine Fehler machen und hoffen, dass die Sense über den Kopf hinwegschwirrt. Wer einen Stellenwechsel erwogen hatte, verschob diesen auf später. Insbesondere die Besten hatten keinen Grund, in unsicheren Zeiten Risiken einzugehen. Sie warteten ab, blieben aber sprungbereit. Mittlerweile sind die Wolken am Konjunkturhimmel abgezogen. Die Wirtschaft kommt wieder in Fahrt. Mit dem für viele Unternehmen unerfreulichen Nebeneffekt, dass sich das Mitarbeiterkarussell zu drehen beginnt. Der Deckel öffnet sich und die Figur auf der gespannten Feder schnellt aus der Kiste. Oder ein anderes Bild: Der Druck im Dampfkochtopf steigt. Es ist noch kein Jahr her, als auf dem Schweizer Arbeitsmarkt gemäss einer Schätzung des Branchenverbandes Swissmem 1500 bis 2000 Ingenieure fehlten. Diese Zahl dürfte weiter ansteigen.
Kündigungen sind teuer
Es gibt aber auch andere Gründe für einen «Tapetenwechsel». Für viele Mitarbeiter sind die obligaten drei bis vier Jahre Verweildauer in einem Unternehmen abgelaufen. Der nächste Schritt in der Laufbahn ist fällig. Wer keinen triftigen Grund zu bleiben sieht, der geht. Vor grösseren Fluktuationen müssen sich vor allem jene Firmen fürchten, deren Human Resources Management in den vergangenen Jahren mangelhaft war, sei es aus Unvermögen oder in der irrigen Annahme, dass man in einer Rezession wieder ungestraft sündigen darf. Unternehmen, die in der Krisenzeit die Situation gegenüber den Angestellten ausgenutzt haben, müssen sich nicht wundern, wenn sie in besseren Zeiten die Quittung dafür erhalten und mit einem eigentlichen Exodus konfrontiert werden. Die guten Mitarbeiter packen die Chance, die ihnen einen Aufschwung bietet. Sie ziehen dorthin, wo sie den grössten Entfaltungsspielraum, die attraktivsten Entwicklungsmöglichkeiten, eine kooperative Führungskultur, Stabilität, Fairness und Loyalität vermuten. Der noch härter werdende Wettbewerb erfordert jederzeit topqualifizierte Mitarbeiter. Wer diese in einer Aufschwungphase verliert, legt einen Fehlstart hin. Zudem sind Kündigungen eine teure Angelegenheit. Die Kosten bewegen sich normalerweise in der Höhe eines Jahresgehalts der neu zu besetzenden Stelle. Keine Frage: Es ist deutlich günstiger, wertvolle Mitarbeiter bei der Stange zu halten.
Sesselrücken statt Abgang
Deshalb sei Unternehmen ein Personalmanagement empfohlen, das sich nicht nur bei schönem Wetter, sondern besonders in Stürmen bewährt. Angestellte, die Wertschätzung erfahren, identifizieren sich mit «ihrer» Firma und wechseln nicht so schnell die Stelle. Eine hohe Mitarbeiterzufriedenheit gründet auf einer guten – und gelebten – Unternehmenskultur. Dazu gehören eine intensive interne Kommunikation, ein die Mitarbeiter einbeziehender Führungsstil, ein Talentmanagement und nicht zuletzt ein offenes Ohr. Denn absprungwillige Angestellte gehen selten Knall auf Fall. Wer die entsprechenden Signale rechtzeitig wahrnimmt und darauf reagiert, kann manche Abgänge verhindern. Oft braucht es auch den Mut, einen unfähigen Vorgesetzten durch eine interne Nachwuchskraft zu ersetzen. Zudem ist darauf zu achten, dass Mitarbeiter mit besonderem Potenzial nicht einem Vorgesetzten allein ausgeliefert sind, sondern von einem Mentor unterstützt werden. Auch Ausbildungsverträge, die Mitarbeiter für eine gewisse Zeit an das Unternehmen binden, sind nicht verboten, solange die Bedingungen fair sind.
Mängel beheben
Wer bis jetzt das Personalmanagement vernachlässigt hat, soll deswegen noch lange nicht die Segel streichen. Das Ruder lässt sich zwar nicht von einem Tag auf den anderen herumreissen. Aber Wasser aus dem schief liegenden Boot zu schöpfen, ist immer noch besser als nichts zu tun. Es lohnt sich, allfällige Mängel im Personalmanagement unverzüglich zu beheben und das Schiff auf Kurs zu bringen. Wer es diesmal nicht mehr rechtzeitig schafft, ist zumindest für das nächste Sturmtief gerüstet. Der HR-Manager muss das Steuer in jeder Konjunkturlage fest im Griff haben, denn die Bewältigung einer Krise ist gleichzeitig die Vorbereitung auf den Aufschwung. In der Praxis lässt sich immer wieder erleben, wie sich bei den HR-Verantwortlichen die Spreu vom Weizen trennt. Fazit: Es lohnt sich, im HR Überdurchschnittliches zu leisten, denn nicht zufällig sind attraktive Arbeitgeber auch wirtschaftlich erfolgreich.