Mensch & Arbeit

Gesundheit und Führung

Gesundheit im Betrieb – ­praxiserprobte Ansätze für KMU

Gesunde Mitarbeitende sind leistungsfähiger. Doch viele KMU stehen vor der Frage, wie sich Gesundheit im Arbeitsalltag konkret fördern lässt. Praxisbeispiele aus Schweizer Unternehmen zeigen, wie mit einfachen Massnahmen Resilienz gestärkt, Austausch gefördert und psychische Belastungen offen angesprochen werden können.
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Christian (39) arbeitet als Projektleiter in einem IT‑Dienstleistungsunternehmen. In letzter Zeit quillt sein E-Mail-Postfach über, und die Kundenaufträge nehmen zu. Gleichzeitig fordert sein Privatleben seine ganze Aufmerksamkeit: Probleme in der Beziehung und die Erkrankung seiner Mutter belasten ihn seit Längerem. Es kommt immer wieder vor, dass er nicht voll bei der Sache ist. Die Belastung spürt er deutlich – doch darüber reden? Im Unternehmen ist das nicht üblich. Der Austausch mit den Arbeitskollegen ist oft nicht möglich, da jeder bei seinen Kunden ist. 

Christian ist kein Einzelfall. In vielen KMU ist der ständige Spagat zwischen Beruf und Privatleben in Verbindung mit dem Druck einer sich rasant verändernden Arbeitswelt eine tägliche Herausforderung für die Mitarbeitenden.

Gerade die Verantwortlichen, wie Geschäftsleiter, HR-Fachleute oder Bereichsleiter, fragen sich zunehmend: Wie können Mitarbeitende in dieser Dynamik ihre Widerstandskraft erhalten und ausbauen? Wie kann der Austausch innerhalb von Teams gefördert werden? Wie können psychische Belastungen offen angesprochen und enttabuisiert werden? Und wie lassen sich Lösungen umsetzen, wenn personelle und finanzielle Ressourcen begrenzt sind? Besonders KMU können oft keine grossen Projekte stemmen. Umso wichtiger ist es, pragmatische und wirksame Lösungen zu entwickeln, die dauerhaft im Arbeitsalltag bestehen und dennoch nicht als kurzfristige Aktionen verpuffen. 

Resilienz fördern

Vor ähnlichen Herausforderungen stand die HR-Leitung der Heizmann AG, die sich auf Hydraulik-, Schlauch- und Antriebstechnik spezialisiert hat. Das Aargauer KMU beschäftigt rund 120 Mitarbeitende. Das HR-Team stellte fest, dass Mitarbeitende nicht nur durch berufliche, sondern zunehmend durch private Belastungen unter Druck gerieten. Eine vertiefte Analyse zeigte, dass vielen Mitarbeitenden Strategien fehlten, um mit belastenden Situationen konstruktiv umzugehen. Diese fehlenden Bewältigungsmechanismen blieben nicht ohne Folgen: Konzentration und Leistungsfähigkeit litten, Konflikte traten schneller auf – und in einzelnen Fällen kam es zu krankheitsbedingten Absenzen. 

Wie ging das HR-Team mit dieser Situation um? Um die Resilienz der Mitarbeitenden gezielt zu fördern und langfristig im Unternehmen zu verankern, wählte das Team einen dreistufigen Ansatz: 

  • Sensibilisierung: Im Rahmen eines firmeninternen Eventtages wurden vier interaktive Workshops organisiert, in denen vermittelt wurde, was Resilienz bedeutet und welche Faktoren zur Stärkung der Resilienz wichtig sind. Zudem wurden Alltagsübungen vorgestellt und mit allen 120 Mitarbeitenden praktiziert.
  • Verstetigung: Um das Thema Resilienz nachhaltig im Arbeitsalltag zu verankern, wurden die Inhalte der Workshops systematisch in die interne Kommunikation integriert. Über eine webbasierte App erhielten die Mitarbeitenden regelmässige Impulse, Übungen und Erinnerungen, ergänzt durch physische Elemente zur Förderung von Wertschätzung und positiver Ressourcen.
  • Verankerung: Die langfristige Verankerung von Resilienz erfolgte durch die systematische Integration in Führungs- und HR-Instrumente. Führungskräfte griffen das Thema regelmässig in Mitarbeitergesprächen auf, wobei insbesondere Arbeitsbelastung, Wohlbefinden und Work-Life-Balance reflektiert und gemeinsam konkrete Unterstützungsstrategien entwickelt wurden. Begleitend nutzte das HR-Team die webbasierte App «Beekeeper» für kontinuierliche Impulse. 

Die Resilienzförderung wurde von der Mehrheit der Mitarbeitenden sehr positiv bewertet. Sie trug dazu bei, dass Mitarbeitende belastende berufliche und private Situationen souveräner bewältigen konnten. Bereits im Einführungsjahr konnten dadurch drohende Langzeitabsenzen vermieden werden. 

Vom Tabu zum Dialog

Trotz zunehmender Sensibilisierung für psychische Gesundheit fehlt es in vielen Unternehmen weiterhin an einer Kultur, die das offene Ansprechen von Belastungen ermöglicht. Dies kann dazu führen, dass Absenzen zunehmen und sich im Arbeitsalltag Vorurteile und stigmatisierende Haltungen zeigen, was eine offene Kommunikation zusätzlich erschwert. Mit vergleichbaren Herausforderungen war auch das Solothurner «Blumenhaus Buchegg» konfrontiert, welches rund 310 Mitarbeitende beschäftigt und Wohnort, Bildungsstätte sowie Arbeitsplatz für Menschen mit einer kognitiven, körperlichen oder mehrfachen Beeinträchtigung ist.

Vor diesem Hintergrund setzte sich das HR‑Team mit der Frage auseinander, wie stigmatisierende Haltungen gegenüber psychischen Belastungen abgebaut werden können. Schliesslich wurde eine mehrmonatige interne Kampagne lanciert:

  • Über einen Zeitraum von rund zehn Monaten erschien monatlich ein Beitrag auf der internen Kommunikationsplattform. Ziel war es, Wissen zur psychischen Gesundheit zu vermitteln, Vorurteile abzubauen und bestehende Unterstützungsangebote sichtbar zu machen. Die Mitarbeitenden hatten dabei jeweils die Möglichkeit, Feedback zu geben.
  • Den Auftakt der Kampagne bildete ein besonders wirkungsvoller Schritt: Eine Mitarbeiterin teilte freiwillig ihre persönliche Geschichte im Umgang mit psychischer Belastung. Dieser authentische Einblick weckte Aufmerksamkeit und schuf einen emotionalen Zugang zum Thema. 
  • Auf Basis dieser Erfahrungen wurde ein Angebot für anonyme Gespräche durch das HR-Team entwickelt. Die Kampagne entwickelte sich schrittweise weiter und bezog weitere Mitarbeitende sowie deren Ideen und Bedürfnisse ein.

Die Kampagne stiess auf sehr positive Resonanz. Die persönliche Geschichte löste Mitgefühl, Respekt und zahlreiche wertschätzende Rückmeldungen aus. Gleichzeitig entstanden neue Gespräche über psychische Gesundheit im Betrieb. Insgesamt zeigte sich: Ein offener Umgang mit psychischen Belastungen konnte Vertrauen fördern, Stigmatisierung abbauen und das Miteinander im Unternehmen nachhaltig stärken.

Gesunder Betrieb

Im hektischen Arbeitsalltag fehlt oft der Raum für Austausch und damit auch für dringend benötigte Erholung. Besonders in Tätigkeiten, die häufig beim Kunden vor Ort stattfinden, bleibt kaum Gelegenheit für informelle Gespräche oder kurze Verschnaufpausen. So können Belastungen im Arbeitsalltag leicht aus dem Blick geraten und sich über längere Zeit hinweg verstärken.

Wie gezielter Austausch und Teamverbundenheit dennoch gelingen können, zeigt die Chestonag Automation AG, ein Aargauer Ingenieurunternehmen mit rund 84 Mitarbeitenden. Mit dem kontinuierlichen Wachstum des Unternehmens gewannen gemeinsame Pausen und der persönliche Austausch zunehmend an Bedeutung. Um dem gerecht zu werden, führte das Unternehmen zwei formelle gemeinsame Pausen pro Tag ein – jeweils 20 Minuten am Vor- und am Nachmittag. Der gemeinsame Pausenbeginn wird durch eine automatische Desktop‑Meldung ausgelöst. Dieser feste Rahmen stellte sicher, dass die Pausen tatsächlich gemeinsam stattfinden und ein Raum für Austausch und Erholung entsteht. 

Die Massnahme wird von den Mitarbeitenden äusserst positiv wahrgenommen. Die gemeinsamen Pausen fördern den informellen Austausch auch zwischen Personen, die im Arbeitsalltag kaum Berührungspunkte haben, und stärken somit spürbar den Teamzusammenhalt. Gleichzeitig tragen sie zu mehr Erholung und besserer Konzentration bei.

Praxisbeispiele nutzen

Die drei vorgestellten Praxisbeispiele sind auf der Webseite «gesunde-kmu.ch» detailliert beschrieben – von der Idee über die Einführung bis hin zur Integration im Arbeitsalltag. Die Webseite wurde 2025 im Rahmen eines Kooperationsprojekts zwischen dem Bundesamt für Gesundheit und der Hochschule für Angewandte Psychologie (FHNW) ins Leben gerufen. Das Projekt hat zum Ziel, Schweizer KMU zu inspirieren, selbst gesundheitsförderliche Massnahmen umzusetzen, indem praxiserprobte Beispiele in Zusammenarbeit mit den betreffenden Unternehmen so aufbereitet werden, dass sie leicht nachvollziehbar und direkt in den Arbeitsalltag übertragbar sind.

Auf der Webseite finden sich zahlreiche weitere praxistaugliche Lösungen für ein gesundes Arbeitsklima. Themen sind die Verbesserung der Zusammenarbeit, Geschäftsreisen, gesunde Verpflegungsangebote, Führungsforen, individuelle Schichtplanung oder strukturierte Rückkehrgespräche. Schritt-für-Schritt-Anleitungen, Formulare und Factsheets stehen zum Download bereit und können zum Teil direkt übernommen werden. So entsteht ein unkomplizierter Zugang zu Ideen, Orientierungshilfen und schnell umsetzbaren Massnahmen.

Die Beispiele zeigen: Gesundheitsförderung in KMU muss weder komplex noch teuer sein. Entscheidend ist, dass Massnahmen zum Betrieb passen und konsequent im Alltag gelebt werden. Oft reichen bereits kleine Veränderungen, um die Zusammenarbeit zu verbessern, Belastungen früh zu erkennen und die Leistungsfähigkeit langfristig zu sichern.

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